Nachlass

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Also, ich habe in meinem letzten Blog-Eintrag ja schon davon gesprochen: Nora Imlau und ich schreiben gerade an einem Schlafbuch. Einem Ratgeber zum Thema “Schlaf gut, mein Schatz” – also was für ganz normale Eltern.

UND WIE SPANNEND DAS IST – DAS WERDET IHR GAR NICHT GLAUBEN!!!

Denn da liegen natürlich Stapel von wissenschaftlicher Literatur auf dem Schreibtisch. Und daneben natürlich auch Stapel mit den ganzen Elternratgebern zu dem Thema. Von: “Warum französische Kinder nicht mit Kuchen werfen (und deshalb später so tolle Menschen sind)” bis: “Juhu, ich fliege”.

Und dann sitzt man dazwischen und denkt: IN WELCHEM FILM BIN ICH DENN DA GELANDET??

Recherchiert man zum Beispiel die Schlafdauer des Kindes in dem Stapel mit der wissenschaftlichen Literatur, so staunt man nicht schlecht: wie unterschiedlich lange die Babys schlafen!! Als Neugeborene schlafen manche von ihnen 11 Stunden, andere dagegen 20 Stunden pro Tag – im Durchschnitt liegen sie bei 14,5 Stunden. Mit 6 Monaten schlafen Babys im Durchschnitt 13 Stunden pro Tag (ein bis drei Tagschläfchen inbegriffen) – manche kommen aber mit insgesamt nur 9 Stunden aus. Und im 2. Lebensjahr? Da liegt der tägliche Schlafbedarf im Schnitt bei 12 Stunden – plus/minus zwei Stunden. Alles mit Mittagschläfchen, wohlgemerkt.

Dieselben Unterschiede bei den Schlafportionen. Ja, es gibt Babys, die auch schon mit 6 Monaten mal 6 Stunden am Stück schlafen. Allerdings sind solche Babys die Ausnahme – und das selbst in Studien, die sich komplett auf die Erinnerungen der Eltern verlassen. Selbst zwischen 13 und 18 Monaten wachen noch immer zwei Drittel der Kleinkinder regelmäßig nachts auf (die meisten davon mehrmals – auch das nach Elternangaben, und die wissen durchaus, wie man sich recht zuverlässig seinen Ruf als Versager in Sachen Erziehung abholt…)

Und dann geht man zu dem anderen Stapel, dem mit der Elternliteratur. Mitten drin, natürlich: JEDES KIND KANN SCHLAFEN LERNEN, der immergrüne Ratgeber von Annette Kast-Zahn. Da steht eine verlockende Nachricht:

“Das Gehirn ist bei einem 6 Monate alten Baby schon so weit entwickelt und das Schlafmuster so ausgereift, dass endlich der Zeitpunkt gekommen ist: Das Baby kann 11 bis 12 Stunden lang schlafen – hintereinander!” Die frohe Botschaft an die Eltern lautet also so (und sie wurde inzwischen mehr als eine Million mal gedruckt):

“Mit spätestens 6 Monaten ist … eine elfstündige Nachtruhe (ohne Mahlzeiten) normal.”

Und auf einmal steht zwischen diesen Stapeln auf dem Schreibtisch eine sehr grundlegende Frage. Wie weiß man eigentlich, was normal ist und was nicht? Welche Kriterien legt man da am Besten zugrunde? Ja – was heisst überhaupt “normal”? Ist das normal, was die allermeisten Kinder machen (davon ist in den Stapeln mit der wissenschaftlichen Literatur die Rede, siehe oben)? Oder ist das normal, was sich die Erwachsenen von den Kindern wünschen (davon handelt so manche Seite in dem für die Eltern geschriebenen Stapel)?

Mit der letzten Definition hätten wir einen ziemlich lästigen Beifang: wenn sich Kinder tatsächlich dadurch als “normal” erweisen, dass sie bestimmte, ihnen von außen gesetzte Ziele erreichen – wie nennen wir dann die Kinder, die die ihnen aufgelegte Latte reißen? Sind die dann: abnormal? … gestört? … oder gar krank?

Und wie gehen wir mit diesen Kindern um? Ab in die Schlaftherapie (die Therapieprogramme werden ja oft gleich mitgeliefert)?

Vor allem aber: Wenn Normalität per Ansage ensteht – wer genau darf dann dieses Wunschkonzert dirigieren? Wer darf die Ansagen machen, was Kinder in welchem Alter alles können – oder eben können sollen...? Wir hatten das ja schon einmal mit der frühen Sauberkeit: auch da galt auf einmal als “normal”, dass die Kleinen schon mit zwei Jahren trocken und sauber sind. Und wehe den anderen.

Vielleicht können wir uns so verständigen: Es ist normal, dass Eltern Wünsche haben – auch was ihre Kinder betrifft. Aber mit dem Umkehrschluss – dass also das normal ist, was sich Eltern wünschen – da sollten wir vielleicht doch etwas vorsichtiger sein.

Dazu rät auch eine ziemlich unbestechliche Wissenschaft, die Mathematik. Wenn wir uns die oben beschriebene Schlafdauer bei kleinen Kindern anschauen, so ergibt sich tatsächlich ein Rätsel. Nicht wenige Babys und Kleinkinder kommen nämlich nach den Statistiken der Wissenschaftler selbst dann nicht auf 11 Stunden Schlaf, wenn man alle Schlafportionen des Tages zusammennimmt (also Nachtschlaf samt Mittagsschläfchen betrachtet). Wie kann es für diese Kinder „normal“ sein, dass sie allein schon in der Nacht 11 Stunden am Stück durchschlafen???

Aber lassen wir das Rechnen. Solche willkürlich festgesetzen Normen haben ja auch ihr Gutes. Sie lassen sich einfach ändern, ruckzuck und einfach so.

Und siehe da. Als mir vor kurzem die neueste Auflage von “Jedes Kind kann schlafen lernen” in die Hände kam, blättere ich doch glatt gleich auf die Seite mit den Angaben, was ein “gesundes Baby” alles kann. Und was steht da?

“Das Gehirn ist bei einem 6 Monate alten Baby schon so weit entwickelt und das Schlafmuster so ausgereift, dass das Kind 9 bis 10, manchmal sogar 11 Stunden lang schlafen kann – am Stück!”

Die Kleinen haben immerhin 2 Stunden Nachlass bekommen! Zwei volle Stunden! Statt 11 bis 12 Stunden gelten jetzt auf einmal 9 bis 10 Stunden als “normal”. Für Eltern, die sich ja immer auch selbst ans Kreuz nageln, wenn ihre Kinder nicht das bringen, was in den Büchern steht, ist das eine ganze Menge.

Immerhin eine Stunde davon wird dann tatsächlich auch in einer neuen frohen Botschaft an die Eltern weitergegeben:

„Mit spätestens sechs Monaten ist es so weit: Eine etwa zehnstündige durchgehende Nachtruhe (ohne Mahlzeiten) ist normal – und für alle gesunden Kinder erlernbar.”

Eindeutig: da tut sich etwas! Eltern müssen jetzt nur noch ein paar Auflagen durchhalten. Ein, zwei Stündchen pro Auflage werden ja wohl drin sein.

Ja, und dann – dann gehören bald schon die meisten Kleinen zu den ganz „normalen“, gesunden Kindern! Und auch Ihr Kind ist dann gewiß dabei!

Zwillinge

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Ich hatte ja ganz am Anfang dieses Blogs mal was zu den harten Umständen gepostet, unter denen ich aufgewachsen bin: ein Zwilling an meiner Seite, IMMER! Gerne mal bewaffnet, wie zum Beispiel hier, verlässlich Ruhe gabs eigentlich nur im Schlaf – Zwillinge passen ihren Schlaf-Wach-Rhythmus ja aneinander an, wenn man sie zusammenlegt (anders würden die Eltern ja gar nicht überleben…)

Ein Hoch also auf den Schlaf! Und wir Zwillinge bringen dieses Lob – natürlich – gemeinsam aus: Ulrich hat nämlich ein Schlafbuch geschrieben, juhu! Und ich auch! Zur gleichen Zeit!

Sein Schlafbuch: ein Bilderbuch, für 3-5 jährige Kinder. Der Clou: Der Text zu den Bildern erscheint in zwei Sprachen – und die können beliebig kombiniert werden. Also etwa Deutsch – Spanisch. Oder Vietnamesisch – Arabisch. Oder Englisch – Bengali. Dahinter steht ein ausgeklügelter “Sprachen-Zauberhut” – der sorgt tatsächlich dafür, dass man dieses Bilderbuch in 5000 verschiedenen Sprachkombinationen bestellen kann. Ulrich war nämlich schon immer ein schlaues Bürschchen (zumindest seit ich ihm beigebracht habe, endlich diesen Löffel aus der Hand zu nehmen und sich intelligentere Konfliktlösungsstrategien zu überlegen…).

Und MEIN Schlafbuch? Ist gar nicht meins, sondern eins, das ich zusammen mit Nora Imlau mache: ein Ratgeber zum Thema Baby- und Kinderschlaf. Jedes Kind kann schlafen lernen, ja genau, so in diese Richtung ;-). Unser Buch erscheint im März – bei Gräfe und Unzer. Wir geben unser Möglichstes, um Eltern zu helfen mit dem seltsamen Schlaf dieser Steinzeitbabys klar zu kommen.

Bald mehr aus der Werkstatt!

Eine warmherzige Person

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Hmmm, da lese ich gerade im SPIEGEL diesen Artikel. Eine Mutter schreibt etwas zum KiTa-Streik (sie findet ihn gut).

Bemerkenswerter finde ich aber das: dieser total unaufgeregte Blick auf die Frühpädagogik. Der Mutter ist vor allem wichtig, dass ihr Kind gut betreut ist. Und zwar von einer warmherzigen Person.

Wie altbacken, kann ich nur sagen. Da rackern seit 20 Jahren namhafte Experten dafür, den Eltern die KiTa als “Glied der Bildungskette” schmackhaft zu machen (und diese Kette endet, wo denn sonst: am Arbeitsplatz…). Längst kann jede Erzieherin nachlesen, was die Kleinen brauchen – in einem Bildungsplan. Und der ist inzwischen verbindlich, seine Umsetzung muss dokumentiert werden. Schließlich gilt es, so die Ansage, “die kindliche Bildungsbiographie zu optimieren”. Glücklicherweise wimmelt es in den Kitas ja von Erzieherinnen, die statt mit Kindern gerne auch mit Dokumentationsbögen arbeiten.

Und jetzt das.

»Eine warmherzige Person soll für mein Kind da sein. Jemand, der den Kleinen in den Arm nimmt, wenn er hingefallen ist. Der mit ihm singt und lacht. Und der nicht überarbeitet und gestresst ist.«

Vielleicht sind die Eltern ja längst einen Schritt weiter. Vielleicht haben sie ja verstanden, dass die Entwicklung des Kindes ohne Betreuung nicht funktioniert. Mit der darin enthaltenen Wurzel der Treue: Du Kind, bedeutest mir viel, Du Kind, für Dich bin ich verlässlich da, Du Kind, wir leben diesen Teil des Tages zusammen, wir gestalten ihn aus, und haben dabei Freude. Und wir nehmen Deine kleinen Freunde da gleich mit.

Alles andere kommt danach. Die Erweiterung des Zahlenraums, die MINT-Kompetenzen, die Fachkräfte für die Wissensgesellschaft.

Warum? Weil Kinder sonderbare Menschen sind. Sie lernen nur, wo sie mit Menschen zu tun haben, die ihnen die Treue halten, ich will das bewusst noch einmal so sagen. Sie lernen dort, wo ihre eigenen Fragen beantwortet werden – nicht die eines noch so klugen Plans. Und sie lernen im Alltag, im konkreten Miteinander, mit Groß und Klein. Da wollen sie sich bewähren, spielerisch, ganz ernst. Und das können sie, wenn sie sich nur wohl, sicher und “beheimatet” fühlen. Das können sie, wenn sie achtsam behandelt werden. Gestresste Kinder lernen nicht.

Ich habe versucht, all dies in diesem Artikel genau zu begründen. Ich empfehle ihn insbesondere Erzieherinnen und Eltern von Kindergartenkindern.

Und einstweilen wünsche ich unseren Kitas das: noch mehr solche Eltern wie in dieser SPIEGEL-Geschichte, mit ihrem altbackenen Blick.

Unterwerfung – zur Situation der Hebammen

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Da reden wir von Freiheit. Aber im echten Leben kreisen die Zwänge uns ein. Sie nehmen uns die persönlichsten Entscheidungen ab, sie legen uns fest. Von wegen Freiheit!

Schauen wir uns die derzeitige Situation in der Geburtshilfe an. Wo gebären, wie gebären, mit welchen Menschen gebären, wem sich anvertrauen – Fragen ganz in der Mitte eines Menschenlebens. Und doch – sind die Antworten immer öfter vorgegeben.

Ich habe selbst lange geglaubt, das Problem der Hebammen läge einfach in ihrer miserablen Bezahlung, ihrem immer »dichteren« Schichtdienst, und so weiter.

Aber das stimmt nicht. Das Problem liegt tiefer, es ist ein Problem mitten im medizinischen Betriebssystem:

Erstens. Nehmen wir einmal die in der Klinik tätigen Hebammen. Sie werden von den Müttern geschätzt, sie werden von den Familien geschätzt (und von den Babys, die von ihren Händen ins Leben begleitet werden, bestimmt auch). Aber in einer zunehmend auf ökonomische Prioritäten ausgerichteten Versorgungskette haben gerade die Hebammen keine Lobby. Natürlich, ihre Tätigkeit ist für den Geburtsverlauf zentral – aber sie verleiht ihnen kein Gewicht im ökonomischen Sinn. Fehlt ein Arzt, so fällt eine Operation aus oder der Patient bekommt seine Medikamente nicht – ein offensichtlicher Skandal. Und natürlich ein offensichtliches Problem für den Krankenhausträger – und für die Krankenkassen. Eine Geburt aber findet noch immer irgendwie ihr Ende. Gestresste, ermüdete oder zur bloßen Hilfskraft »umorganisierte« Hebammen hin oder her. WIE in der Klinik eine Geburt zu Ende geht, und welche Qualität sie für die gebärende Frau hat, ist für das System (bisher) nicht entscheidend. Keine Mutter hat sich je mit ihrer Enttäuschung oder zerbrochenen Träumen an die Krankenkasse gewandt. Bei den Forderungen der Hebammen können sich deshalb alle zurücklehnen. Das Versorgungssystem läuft ja doch weiter wie gehabt. Die echten Kosten werden an andere weitergereicht.

Und genau das ist das zweite Problem. Denn natürlich fallen »Kosten« an, wenn sich die Geburtshilfe ökonomischen Zwängen unterordnet. Natürlich entstehen Nachteile, wenn Hebammenleistungen abgebaut oder Hebammen zu bloßen Rädchen eines möglichst effektiven medizinischen Betriebs reduziert werden. Aber sie treffen eine Gruppe, die sich ebenfalls schlecht wehren kann: die gebärenden Frauen. Wo ist deren Lobby? Wie sollen sie denn mit ihrem Bauch abstimmen? Sie müssen das Angebot zunächst einmal nehmen wie es ist – und wenn sie dabei das eigene Ideal knicken müssen: Geburtshilfliche Abteilungen werden geschlossen, und dort, wo sie erhalten bleiben, muss es mehr oder weniger nach Plan und Takt laufen (ich habe das in meinem Buch Menschenkinder thematisiert, hier ein Auszug). Und das bedeutet nicht selten eben auch: unerwünschte Geburtsverläufe, Stress, Verunsicherung – und ja, enttäuschte Mütter. Wer mit einer Insiderin einen Blick in diese an ökonomischen Zwängen ausgerichtete Welt werfen will, kann es hier tun.

Und das bringt mich zum dritten Punkt, und er ist mir der Wichtigste. Er betrifft unser Recht auf Selbstbestimmung. Denn wer jetzt meint, die beschriebene Problematik spräche eigentlich für die Stärkung eines außerklinischen, von Hebammen gestalteten geburtshilflichen Sektors – wird ebenfalls enttäuscht. Wer meint, gebärende Frauen sollten auch außerhalb des Klinikbetriebs die Wahl haben, wo, mit wem und unter welchen Umständen sie ihr Kind gebären wollen – wird ebenfalls zurückgepfiffen.

Und zwar ausgerechnet von den Krankenkassen, mit vorgeblich »wissenschaftlichen« Argumenten. Hier also die Meldung: Ausserklinische Geburten – also Geburten in Geburtshäusern, Hebammenpraxen oder zuhause – sollen nach der Vorstellung des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen in Zukunft nur noch dann Kassenleistung sein, wenn sie nicht mehr als einen Tag nach dem errechneten Geburtstermin stattfinden.

Nur, was ist wissenschaftlich zur Frage des Geburtstermins denn bekannt?

Ganz gewiss nichts, wodurch sich eine solche Terminierung begründen liesse. Dass die Schwangerschaftsdauer extrem variabel ist, ist seit Jahrzehnten gesichertes Wissen (es muss ja einen Grund geben, weshalb nur 3-4 Prozent der Neugeborenen an »ihrem Termin« geboren werden – der den Müttern dann dennoch gleich mal als Plansoll in den Kalender eingetragen wird…). Und neuere, auf detaillierten Hormonuntersuchungen basierende Daten zeigen auch, dass es sich beim errechneten Termin in Wirklichkeit eher um eine Art Orakel handelt, und dass die normale Schwangerschaftsdauer viel deutlicher von individuellen Faktoren abhängt als bisher vermutet (hier eine Zusammenfassung aus dem Deutschen Ärzteblatt und hier eine recht gute Übersicht für Laien).

Wie dreist also, einem großen Teil der gebärenden Frauen ausgerechnet mit diesem Argument die Wahl des eigenen Geburtsorts streitig zu machen! Für mich ist das ein Missbrauch von Wissenschaft im Namen einer Agenda. Und damit steht die Frage im Raum, von welchen Interessen dieser Vorstoß eigentlich geleitet ist. Ich halte diese Frage für umso dringender, weil die Krankenkassen in der klinischen Geburtshilfe wissenschaftliche Standards eben NICHT einfordern. Da darf jede Klinik im Grunde machen was sie will, wie sie es will, welche Ergebnisse dabei auch immer herauskommen. Von wegen verbindliche Leitlinien oder verbindliche Qualitätssicherung! Wurde je darüber diskutiert, den Kliniken die Kassenleistungen zu streichen, wenn sie es zum Beispiel nicht schaffen, dass wenigstens 60% der Kinder auf vaginalem Weg zur Welt kommen?

Die Situation der Familien ist damit derzeit die: die Wahlmöglichkeiten rund um die Geburt werden seit Jahren kleiner. Und jetzt soll auch noch das Angebot an außerklinischen Geburtsmöglichkeiten eingeschränkt werden. Dieses Angebot wurde mit viel Engagement aufgebaut, und es hat bisher hervorragende Arbeit geleistet (das attestieren selbst die Krankenkassen). Nur: diesem System fehlen inzwischen die Hebammen – weil sie nach Abzug der Haftpflichtprämien nicht mehr davon leben können. Und diesem System fehlen bald auch die Gebärenden – weil sie es nur dann als Kassenleistung nutzen können, wenn das Geburtstermin-Orakel es will.

Damit ist absehbar, in welche Richtung der Zug fährt. Die Geburt wird zu einem one-size-fits-all-Angebot. Es wird immer mehr zu einem Monopol von Krankenhäusern, die ihre eigenen Probleme inzwischen vielfach selbst erkennen: Personalmangel, Kostenexplosion, Übertherapie, unerwünschte Nebenwirkungen. Ja, wir sollten uns da nichts vormachen: der Geschäftszweck von Kliniken ist die Versorgung schwer kranker Menschen. Dass ein solches interventionslastiges Umfeld seine eigenen Probleme und Risiken hat, ist verständlich und erwartbar. Nur – diese Risiken werden kaum thematisiert. Wer beschäftigt sich denn mit der Frage, wie es zu der extremen Varianz in der geburtshilflichen Praxis kommt? Warum eine Gebärende in der einen Klinik ein über DREIFACH erhöhtes Risiko hat per Kaiserschnitt entbunden zu werden als in einer anderen Klinik? Wer beschäftigt sich mit der Frage, warum normale Geburtsverläufe, also Geburten ohne Einleitung, Wehentropf, Dammschnitt oder Kaiserschnitt inzwischen ein Fall fürs Museum geworden sind? Warum aus der Geburtshilfe im Grunde eine Geburtstherapie geworden ist? Wer beschäftigt sich denn mit der Frage, ob einer Geburtshilfe nicht allmählich die Fertigkeiten abhanden kommen, wenn der medizinische Nachwuchs in den Kliniken vor allem das lernt: schwierigere Geburten auf dem OP-Tisch zu beenden? Wer beschäftigt sich mit der Frage, was das kaum mehr zu kontrollierende Problem der multiresistenten Keime in den Kliniken für die Geburtshilfe bedeutet? Dabei ist es eine Frage der Zeit, bis gerade dieses Problem auch die Geburtshilfe mit ihren ganz normalen, gesunden Neugeborenen und ihren ganz normalen, gesunden Müttern einholt. Durchaus denkbar, dass DANN auf einmal die Frage im Raum steht, wer eigentlich auf die Idee kam, dem außerklinischen Geburtssystem das Licht auszudrehen.

 

Für mich ist das eine beklemmende Situation. Nicht weil ich gegen Klinikgeburten wäre, im Gegenteil – ich halte eine leistungsstarke klinische Geburtshilfe für ein MUSS, sie ist ein Segen. Es muss in bestimmten Fällen tatsächlich eine Geburtstherapie geben! Und dass Kliniken auch für normale Geburte gute Orte für Geburten sein können, stellen sie tagtäglich unter Beweis, und das entspricht auch meiner eigenen Erfahrung, sowohl als Kinderarzt als auch als »mitgebärender« Vater. Es geht mir nicht um den »richtigen« Ort, den muss jede Frau selber finden.

Mir geht es um dieses Selber-finden. Mir geht es darum, dass jede Frau den Ort zur Geburt ihres Kindes aufsuchen kann und darf, der ihr als der richtige, passende, sichere erscheint. Mir geht es darum, dass wir diese persönlichen Belange selber regeln und entscheiden können. Das ist für mich Lebensqualität, Selbstbestimmung, gelebte Freiheit.

Und deshalb wende ich mich gegen diese dreiste Initiative der Krankenkassen (oder irgendwelcher gut vernetzter Einflüsterer, die dahinter stehen mögen). Wo leben wir eigentlich? In einer medizinischen Diktatur? Die jetzt auch noch die Unterwerfung unter die Gesetze der Krankenkassen verlangt? Die uns jetzt noch den Ort vorschreibt, an dem wir zu gebären haben? Ein oberster Sowjet der Krankenkassen? Für eine solche Diktatur habe ich jedenfalls nicht gestimmt.

Deshalb, weil wir doch immer wieder unserer menschlichen Tendenz nachgeben sollten, in unseren persönlichsten Dingen ernst genommen und respektiert zu werden, ein paar Vorschläge – unsystematisch, ungeordnet, ungefiltert, denn ich weiß selbst nicht ein und aus.

… diese Petition wartet auf Unterschriften: Übernahme der Kosten für Hebammen unabhängig vom Geburtsort und Geburtstermin sichern! Sinnvoll, auch wenn man sich fragen muss, was da eigentlich läuft, wenn man für ein eigentliches RECHT eine Petition starten muss.

dieser Verein (Mother Hood) und dieser Verein (Hebammen für Deutschland) warten auf Mitglieder, Unterstützer, Weitersager. Dass da hier und da vielleicht manches etwas polemisch formuliert wird, kann ich inzwischen verstehen 😉

… PolitikerInnen und auch KrankenkassenvertreterInnen sind Menschen, die man überzeugen, ansprechen, anrufen, anmailen, ja, um Hilfe bitten kann. Eine Liste hier.

… und wir selbst – was ist denn unser Wunschbild von der Geburt? Auch das halte ich für einen Beitrag, und er passt zu den anderen Themen des Lebens: Wer sich mit dem zufrieden gibt, »was eben so üblich ist«, bekommt die Art der Geburtshilfe, die »eben so üblich ist«. Reden wir darüber, setzen wir uns für unser Menschenbild ein!

 

Und weil das jetzt doch ein bisschen lang und »hitzig« geworden ist, noch etwas Persönliches hinterher. Was mich leitet, hier in meinem Blog ein Wort zur »Hebammenfrage« einzuwerfen, ist auch eine eigene Geschichte: unser jüngstes Kind wurde in den USA geboren. Das war vor 17 Jahren. Schon damals war dort, wo so viel von den »personal choices« geredet wird, die außerklinische Geburt ein Auslaufmodell: die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht – das schließt schon einmal das Gros der Eltern aus. Und staatlich examinierten Hebammen ist die Hausgeburtshilfe gleich ganz versperrt – sie würden ihre Lizenz und ihren Versicherungsschutz verlieren. Von wegen »personal choices«!

Ja, vielleicht hat der Spitzenverband der deutschen Krankenkassen sich ja tatsächlich in den USA schlau gemacht. Für mich jedenfalls ein beklemmendes Deja-vu: jetzt akzeptieren wir also auch hierzulande die Diktatur einer Gesundheitsbürokratie. Wir mögen uns als Gestalter unseres Lebens sehen – die Wirklichkeit aber geht hin zum einheitlichen, vielleicht bald schon globalisierten Volksmodell.

Ja, reden wir weiter von Selbstbestimmung, reden wir weiter von Emanzipation, von Optionen, Alternativen, Wahlmöglichkeiten – um uns herum aber schließt sich die Einheitsfront. Da geht es nicht um Selbstbestimmung nach menschlichem Maß, da geht es um die Unterwerfung unter ein System, das sich längst an anderen Interessen orientiert.

Mal was Praktisches – zum Tragetuch

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Über das Tragen wurde schon viel geredet. Es gibt eigentlich keinen Grund dagegen. Schliesslich haben schon die Jäger und Sammler ihre Kleinen getragen…

Und damit haben wir – leider – schon einen ersten Grund, der gegen das Tragen spricht: die waren ja auch fit wie Turnschuh (und das sogar ohne Turnschuhe)… Und die haben das Tragen schon von klein auf geübt! Klar bilden sich da die entsprechenden Muskeln und Bewegungsabläufe aus…

Kein Wunder also, dass Menschen, die eher Excel-Tabellen, Like-Buttons und Gaspedale gewohnt sind als Wandern, Beeren pflücken und Bären jagen dann doch so ihre Probleme mit dem Tragen haben. Einen schmerzenden Rücken etwa oder eben das praktische Kleingedruckte: man trägt Baby, aber braucht dazu dann doch die ganzen Arme und Hände… Genau die aber könnte man für andere Sachen ganz gut gebrauchen…

Genug Gründe also erfinderisch zu sein. Und darin ist Homo sapiens ja nun wirklich geübt. Die einen versuchen, das Handicap durch ganz geniale Tragegestelle, Rucksäcke und so weiter auszugleichen (dass es da auch allerhand Schlabber- und Spielzeugversionen a la Baby B gibt, muss hier nicht erwähnt werden, schließlich haben wir auch das erfunden: so tun als ob, Hauptsache tatschinggg in der Kasse…). Die andern tüfteln an Bindetechniken, mit denen man aus dem ganz normalen, simplen Tragetuch mehr Trage-Umpf gewinnen kann, also mehr: fühlt sich gut an, Hände frei, bin beweglich, kann mit Baby Sachen machen, passt.

Und einen dieser Tüftel-Menschen kenne ich besonders gut ;-). Und von ihr kommt jetzt also was ganz Praktisches zum Baby-Tragen: eine Kurz-Demo zu einer Bindetechnik, mit der die Hände frei und der Rücken möglichst heile bleibt:

((https://youtu.be/HrO0ZJnKUk0))

Jaja, und natürlich gibts da noch die ganzen Details, etwa wie man dann das Baby wenn es juhu schläft dann runterbindet und es samt Tuch, Wärme und M(P)am(p)a-Geruch hinlegen kann (ein oft unterschätzter Vorteil des Tragetuchs). Und gell, Ihr habt bestimmt gesehen, dass das Demo-“Baby” in dem Filmchen eine Tragepuppe ist, 6 Monate alt und 6 Kilo schwer… die echten Babys lassen sich ein bisschen leichter in eine echte Hockstellung da hinten bringen, indem man einfach die Knie etwas nach vorne zieht, denn ja, die sollen da hinten richtig “hocken”… Zu den Feinheiten vielleicht dann mal ein neuer Dreh…

Daumen und Schnuller

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Ja, der “Stöpsel im Mund” kam nicht immer gut an, so oder so.

Also hier jetzt die offizielle, nicht-polemische Version: es liegt mir fern für blutige Brustwarzen zu plädieren, jemanden mit überzogener Moral zu plagen oder sogar vors evolutionäre Schiedsgericht zu zerren… Und natürlich, was hat der Schnuller mit der Hipster-Brille zu tun? Genau, nicht viel. Mein Ausgangspunkt war eher der Blick ins Wunderland des Alltags, wie er einem etwa morgens beim Kaffetrinken begegnet (siehe Bild), und ja, die kleinen Schnullermännchen und -mädchen, die ich da sehe, haben überraschend oft einen “Stöpsel” im Mund. Ist das jetzt ein Vorwurf gegen die, die sich mit einem Schnuller gegen blutige Brustwarzen schützen wollen? Oder eine Autofahrt überleben wollen und das vielleicht lieber mit Giana Nannini als mit Babygebrüll im Ohr (wenn es die alte Rockröhre überhaupt noch gibt, sie soll ja ihr Geld auch auf die Bermudas verschifft haben – tu ragazzo dell’Europa…). Und überhaupt, ja, es gibt Babys, bei denen man für alles froh ist, was irgendwie hilft oder nur den Anschein hat, und von Frühgeborenen, von kranken Kindern und von Schreibabys habe ich auch nicht geredet, und von den schlechten, beschissenen Tagen auch nicht. Und ja, “Manche Kinder sind eben nicht so entspannt”, auch das stimmt.

Ich habe den Eintrag so geschrieben wie er ist, weil ich finde, dass wir uns rund um den Gebrauch des Schnullers zu wenig Gedanken machen. Er ist – siehe nochmal Fotobildle – einfach ein kulturelles Artefakt, das wir immer mal wieder unter die Lupe nehmen sollten, so wie wir das mit den Babywägelchen auch machen (nein, ich bin nicht prinzipiell dagegen!), mit den Windeln auch (nein, es ist gut, dass wir die haben), mit dem Baby-Signing (nein, ist keine Kindesmisshandlung), den Babygläschen (feine Sache, wenn man unterwegs ist), der Breikost (finden manche Babys toll), dem Stillen (nein, auch lange gestillte Kinder können grausame Kriege führen), und so weiter. Insofern “Vorwurfston” – ja, geht in Ordnung, ist aber nicht persönlich gemeint.

Ja, und wie stehts jetzt mit dem Daumen? Die Gefahr wurde ja gut, wenn auch etwas polemisch 😉 beschrieben (…”die Großcousine der Nachbarin meines Hundetrainers kennt jemanden der hat am Daumen gelutscht bis er zehn war und der musste danach eine Zahnspange tragen!!!” ”). Also theoretisch schon ein gewisses Risiko, weil man das Nuckelobjekt ja nicht einfach der Daumenfee übergeben kann. Und doch begegnen einem im echten Leben dann doch überraschend selten daumenlutschende Menschen, unter den Erwachsenen habe ich noch keinen gesehen (wobei so ein daumenlutschender Fernsehmoderator vielleicht witziger wäre, als die meisten Sendungen die er macht – ist jetzt aber Spaaaaß!), in den weiterführenden Schulen auch nicht, und in der Grundschule, da müsste jemand die Lehrerinnen fragen, aber das ist, glaube ich, sehr rar. Ich denke außerdem (auch wenn ich es nicht beweisen kann, aber meine Frau ist sich sicher), dass Babys und Kleinkinder, die ihr nicht-nutritives Saugbedürfnis bei Mama befriedigen dürfen, seltener zu wirklichen “Daumenlutschern” werden. Last but not least lässt sich ein Kind tatsächlich auch vom Daumen entwöhnen, wenn das einmal ein Problem sein sollte, die wollen selber ja meist irgendwann richtig groß werden. Der Vorteil des Daumens ist aber gewiss der, dass er bei der Exploration und beim Spielen eher rausgenommen wird (schauen wir also noch ein letztes Mal auf das schöne Fotobilde zu diesem Blogeintrag – der kleine Tim hätte jetzt womöglich den Mund doch frei). Also, den Schnuller anzugewöhnen, damit man später nicht den Daumen abgewöhnen muss, erscheint mir nicht wirklich schlüssig.

Wobei auch das in den etwa Dutzend Elternschaftskulturen, die wir in Deutschland haben, sehr unterschiedlich gesehen, bewertet und praktiziert wird. Und ich will gewiss keiner dort beheimateten Familie zu nahe treten.

Wer genau braucht einen Schnuller?

Kind mit Schnullersäckchen, von Wilhelm Busch

Kind mit Schnullersäckchen, von Wilhelm Busch

Schon lange klebt da die Notiz »Schnuller!« auf meinem Schreibtisch, mit dem Kürzel KV/8 drauf (das heisst »Kinder verstehen, 8. Auflage« – ich nehme mir bei jeder neuen Auflage ein Kapitel vor, das ich dann hier und da aktualisiere und ergänze).

Diesmal also der Schnuller. Aus evolutionsbiologischer Sicht.

Eigentlich gut verständlich, was wir den Babys da anbieten – eine nachgeformte Brustwarze. Und natürlich fahren sie darauf ab, und das schon eine ganze Weile: im Mittelalter waren zu Beuteln zusammengeschnürte Leinentücher in Mode (gerne auch mit etwas Mohn drin oder auch mal mit Hochprozentigem getränkt). Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es die ersten Versionen in Gummi.

Der Drang zum Schnuller ist verständlich – schließlich aktiviert das Nuckeln die »Beruhigungsschleifen« des kindlichen Gehirns. Das Saugen vermittelt dadurch Nähe, Geborgenheit und Entspannung (kein Wunder, dass findige Babys da auch Finger, Daumen oder auch mal den großen Zehen zu Hilfe nehmen). Als »non-nutritives Saugbedürfnis« ist dieses Verhalten auch der Fachwelt bekannt: Babys nutzen die Brust nicht nur  als Quelle von Kalorien und Wasser, sondern auch um Beruhigung und Entspannung zu tanken. Mein Baby will jetzt einfach nuckeln, sagt dann die eine Mutter. Mein Baby nimmt meine Brust als Schnullerersatz, sagt die andere – aus evolutionärer Sicht eine recht putzige Erklärung: als sei der Schnuller eigentlich das Original, und die Brust nur der Ersatz… Dabei wurde die Brust vor vielen Millionen Jahren erfunden, schon vor 165 Millionen Jahren hat ja der gemeinsame Vorfahr von Beuteltieren und höheren Säugetieren spezielle Drüsen entwickelt, von denen der Nachwuchs ein konzentriertes Sekret auflecken- oder aufsaugen konnte (Mama musste damit nicht mehr ganz so häufig Nahrung in die kleinen Münder stopfen).

Aber zurück zum Schnuller. Die wie auch immer konstruierte Attrappe bietet ja nicht nur den Kleinen eine Gelegenheit zur Beruhigung. Sie hilft auch den Eltern – ruhige Babys sind nun einmal kein Luxus. Und waren es bestimmt noch nie. Warum sollten die Eltern für solche »Abkürzungen« also nicht dankbar sein? Tatsächlich ist die Geschichte der Säuglingspflege ja auch eine Geschichte der Suche nach Methoden, Tricks und Produkten, die uns Großen das Leben leichter machen, ob das nun Tragegestelle sind, oder Hängematten, Windeln, Wiegen, Babyphones oder Apps fürs Smartphone. Oder eben brustwarzenähnliche Stöpsel für den Babymund. Diese Suche nach Abkürzungen ist bestimmt nicht »unevolutionär« – dass sich Homo sapiens mit allen möglichen kulturellen Errungenschaften rüstet, um sich das Leben leichter zu machen, liegt nun einmal in seiner Natur, warum sollte ausgerechnet das Großziehen des Nachwuchses davon ausgenommen sein? Eltern sind schließlich – auch das übrigens ein Grundaxiom der Evolutionsbiologie – keine unerschöpflich sprudelnden Quellen, aus denen Liebe, Zuwendung und Muttermilch im Übermaß quillt. Sie sind vielmehr auch darauf angelegt, mit ihrem Nachwuchs immer wieder Kompromisse auszuhandeln, wenn es um den sinnvollen Einsatz begrenzter Ressourcen geht.

Der Schnuller passt also nicht nur prima in den Mund, sondern auch in unser kulturelles Konzept. Und dazu noch dieses wunderbare Win-Win: Schnuller in den Mund – zufriedenes Baby, zufriedene Eltern!

… Wäre da nicht der zweite Teil der Geschichte, und auch dieser Teil ergibt sich aus der evolutionären Konflikttheorie. Jede kulturelle Lösung ist mit Vorteilen – aber auch mit möglichen Nachteilen verbunden.

Die sind zum Teil banal und leicht eingängig, im wahrsten Sinn des Wortes: der Whisky in den Schnullersäckchen des Mittelalters war für das wachsende Gehirn des Babys sicher kein Schmiermittel. Und aus den Plastikschnullern der Moderne haben kleine Kinder bestimmt schon Tonnen von Bisphenolen und anderen Weichmachern rausgenuckelt – auch nicht gerade das, was ein wachsender Organismus so braucht. Und auch die Bakterien- und Pilzrasen, die sich am Schnuller gerne bilden, müssen zu den Nachteilen zählen. Staunen wir also ruhig einmal über die Selbstreinigungskraft der mütterlichen Brust! (Das ästhetische Dilemma des Schnullers will ich in dieser Schweigeminute nur kurz anblinzeln, denn wir scheinen das kulturell ganz gut gelöst zu haben: eigentlich gehört so ein Plastikproppen mitten im Gesicht ja nicht unbedingt zum Kindchenschema – da war eigentlich einmal der Babymund vorgesehen. Aber weil für uns normal ist, was wir normalerweise so sehen, tun und lassen, fällt uns das nicht mehr auf – ein Schnullermund gehört heute im Grunde zum angesagten Look des »richtigen« Babys. Unser Hang zur beständigen Neudefinition von Normalität (genannt Kultur) macht uns also auch ästhetisch ziemlich flexibel – an Zahnspangen, taucherbrillenähnliche Hipster-Brillen und alle möglichen Zeichnungen, Verzierungen, Implantate und Metallwaren am menschlichen Körper haben wir uns ja auch irgendwie gewöhnt. Outen sich irgendwo in der westlichen Hemisphäre Menschen als werdende Eltern, bekommen sie deshalb fast schon reflexhaft von Freunden, Verwandten und Co. die ganze Produktpalette von NUK, Goldi und MAM geliefert.)

Ein echter Nachteil ergibt sich ausgerechnet aus dem eigentlichen Geschäftszweck der Attrappe. Denn der ist eindeutig auf die Aktivierung der kindlichen Beruhigungsreflexe gerichtet. Und die taugen – jawohl: zur Beruhigung. Zur Entspannung also, zur Angstlösung, vielleicht auch noch zur rascheren Heilung eines »Auas«. Aber für die Erforschung der Welt sind die Beruhigungsreflexe eher Klebstoff – da sollte ein Kind doch eher wach sein als sediert. Auch kann so ein kleinen Entdecker bei seinem Vorstoß in die Welt seinen (funktionsbereiten) Mund ganz gut gebrauchen, er dient ja im wahrsten Sinne der Aneignung ihrer Einzelteile. Aber nicht nur das – diese Expeditionen sind meist soziale Prozesse:  man unternimmt sie mit anderen zusammen, mit Mama, Papa, anderen Kindern, einem Teddybär. Da werden also Beziehungen gestaltet, und da wird kommuniziert – gut, wenn man dabei seine Mimik und sein Sprechwerkzeig benutzen und seinen Gefühlen Ausdruck verleihen kann. Ein Stöpsel im Mund bremst den Dialog mit den Mit-Entdeckern ja dann doch auf die eine oder andere Art aus. (Manche Forscher vermuten sogar, dass das langfristige Folgen haben könnte. Zumindest lässt sich in einer größeren Studie ein – leider negativer – Zusammenhang zwischen häufiger Schnullernutzung und späterer Intelligenz erkennen. Dauerhaft »abgestöpselte« Kinder sehen also möglicherweise nicht nur tranig aus, sondern werden es auch.)

Vielleicht spielt dabei ja noch etwas anderes eine Rolle: ein funktionsfähiger Mund hilft dem Säugling sogar bei der Selbstentdeckung. Denn wenn man Säuglinge beobachtet, so zeigen sie ein seltsames Verhalten: sie benutzen immer wieder spontan – und deshalb trotzdem vielleicht nicht grundlos – ihr Sprechwerkzeug! Fast schon mutwillig, oft aus dem Nichts heraus, beginnen sie zu gurgeln. Zu quiecken. Zu grunzen. Ziehen hohe Schreie durch die Luft. Immer wieder, und mit welcher Lust! Flattern mit den Lippen. Lassen Grunzer aus dem Mund purzeln. Spitzen angestrengt den Mund.  Und so weiter. Mal produzieren sie die Laute mit dem Gaumensegel, mal mit der Zunge. Manchmal sogar mit der Nase. Das dürfte dem Aufbau und Training ihres Sprech- und Musikapparates dienen.

Interessant erscheint mir aber noch ein weiterer Zusammenhang. Säuglinge gehen mit dem allmählichen Sitzenlernen durch eine Phase, in der sie mit unstillbarem Eifer und größter Beharrlichkeit alles in den Mund stecken, was sich ihnen irgendwie bietet, von Stuhlkanten bis zu ihren Spielsachen. Dieses »Mündeln« wird, wie bereits gesagt, als Teil ihres Explorationsverhaltens gewertet:  die Kinder lernen die Welt auch über den Mund kennen. Das könnte aber auch in immunologischer Hinsicht gelten. Denn tatsächlich ist die Mündel-Phase ja auch ein Vorstoß in die belebte Welt vor Ort und eine intensive Auseinandersetzung mit der für den eigenen Lebensraum typischen Keimausstattung der Umwelt. Durchaus vorstellbar also, dass die Erforschung mit dem Mund auch dem Aufbau eines an die Umwelt angepassten Immunsystems dient. Jedenfalls fällt auf, dass sich gerade in dieser Phase die Zusammensetzung der Muttermilch ändert – sie enthält jetzt deutlich mehr antibiotische Wirkstoffe und liefert dem Kind damit ein regelrechtes Schutzschild für seinen Mündel-Trieb.

Während die immunologische Bedeutung des unbeschnullerten Mundes erst wenig erforscht ist, lassen sich aus HNO- und zahnärztlicher Sicht klarere Schlüsse ziehen. Demnach treten beim übertriebenen Schnullergebrauch Mittelohrentzündungen häufiger auf, beim Gebrauch des Schnullers über drei Jahre hinaus können zudem Zahnfehlstellungen entstehen. Ob gleichzeitig die Sprachentwicklung leidet, ist weniger gut erforscht.

Kommen wir also zurück zum Thema: der Schnuller aus evolutionsbiologischer Sicht… Es scheint, wie wenn wir auch beim Schnuller eine »Lösung« für unsere elterliche Notlage gefunden hätten, die wir nicht überstrapazieren sollten. Wir kommen einfach nicht um die Tatsache herum: der Babymund dient vor allem der Begegnung mit der Welt, und nur zweitrangig der Aufnahme einer Beruhigungsattrappe.

Wenn die zum Einsatz gebracht werden soll, dann am besten so, wie das Objekt das sie ersetzt – also zur Tröstung, bei emotionalem Stress oder zum Einschlafen – und nicht viel länger als die »angestammte« Stillzeit von ungefähr 3 Jahren. Dauernuckeln dagegen oder auch Nuckeln bei der spielerischen Erforschung der Welt ist aus evolutionsbiologischer Sicht nicht vorgesehen – das »brauchen« womöglich eher die Betreuenden als die Kinder.

Lange Winterabende, Momo, Frühpädagogik

Nun sind die “langen Winterabende” ja längst nicht mehr das, was sie einmal waren. Aber derzeit bekomme ich doch eine Sonderbehandlung. Meine Frau liest mir Momo vor (also Momo, von Michael Ende, geschrieben vor mehreren hundert Jahren, nämlich 1973). Hat sie ja schon so oft für die Kinder vorgelesen, x mal und dann wieder und wieder. Ich hab es regelmäßig verpasst, anscheinend.

Denn: Mensch, was für ein Buch! Mit einem wachen Blick auf das, was Kinder umtreibt – so manche Entwicklung in der Frühpädagogik hat er wohl erahnt.

Die schwierigste Aufgabe stellte es für die grauen Herren dar, die Kinder unter Momos Freunden nach ihren Plänen zu lenken. Nachdem Momo verschwunden war, hatten die Kinder sich dennoch, so oft es nur ging, im alten Amphitheater versammelt. Sie hatten immer neue Spiele erfunden, ein paar alte Kisten und Schachteln genügten ihnen um darin fabelhafte Weltreisen zu unternehmen oder um daraus Burgen und Schlösser zu errichten. (…)

Außerdem hatten diese Kinder keinen Augenblick daran gezweifelt, dass Momo wiederkommen würde. Darüber war zwar niemals gesprochen worden, aber das war auch gar nicht nötig. Die stillschweigende Gewissheit verband die Kinder miteinander. (…)

Dagegen hatten die grauen Herren nicht ankommen können. Wenn sie die Kinder nicht unmittelbar unter ihren Einfluss bringen konnten, um sie von Momo loszureißen, dann mussten sie es eben über einen Umweg zuwege bringen. Und dieser Umweg waren die Erwachsenen, die ja über die Kinder zu bestimmen hatten. Nicht alle Erwachsenen, versteht sich, aber diejenigen, die sich als Helfershelfer eigneten und das waren leider gar nicht wenige. (…)

«Wir müssen etwas unternehmen», hieß es, «denn es geht nicht an, dass immer mehr und mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen, denn das moderne Leben lässt ihnen eben keine Zeit sich genügend mit ihren Kindern zu beschäftigen. Aber die Stadtverwaltung muss sich darum kümmern. (…)  Man muss Anstalten schaffen, wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden.»

Und abermals andere meinten: «Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein, um alle diese Maschinen zu bedienen. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten, lassen wir es noch immer zu, dass viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!» (…)

Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte «Kinder-Depots» gegründet. Das waren große Häuser, wo alle Kinder, um die sich niemand kümmern konnte, abgeliefert werden mussten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten. (…) Davon, dass sie sich hier selbst Spiele einfallen lassen durften, war natürlich keine Rede mehr. Die Spiele wurden ihnen von Aufsichtspersonen vorgeschrieben und es waren nur solche, bei denen sie irgendetwas Nützliches lernten. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei und das war: sich zu freuen, sich zu begeistern und zu träumen.

Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. Verdrossen, gelangweilt und feindselig taten sie, was man von ihnen verlangte. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben, dann fiel ihnen nichts mehr ein, was sie hätten tun können. Das Einzige, was sie nach all dem noch konnten, war Lärm machen – aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm, sondern ein wütender und böser.(…)

Das Netz, das sie über die große Stadt gewebt hatten, war nun dicht und – wie es schien – unzerreißbar. Selbst den schlausten Kindern gelang es nicht durch die Maschen zu schlüpfen. Der Plan der grauen Herren war ausgeführt.

Also hier mein Tipp für die langen Winterabende: Momo lesen!

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Eine Weihnachtsgeschichte

Jetzt wurden auf diesem Blog das ganze Jahr über so viele Diskussionen geführt, so viele Gedanken gedacht, so viel *Erkenntnis* versprüht und gewonnen, dass ich heute mal einfach eine Geschichte erzählen will. Eine Weihnachtsgeschichte sozusagen. Schließlich kommt Rettung drin vor. Und gütige Hilfe in bester Absicht.


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Neues zum Plötzlichen Kindstod (SIDS)

Eltern eint immerhin eine Erfahrung. Wird ihr Baby müde, so passiert eine Gemeinheit: als werde ein unsichtbares Gummi angespannt, zieht es das Baby auf einmal mit Macht zu seiner wichtigsten Vertrauensperson. Sein “Bindungssystem wird aktiviert”, wie die Entwicklungspsychologie sich ausdrückt. Es will kuscheln, sagen die einen Eltern. Es hat möglicherweise eine Schlafstörung, mutmaßen die anderen.

Immerhin kann die Verhaltensforschung den Grund für dieses seltsame Verhalten benennen: über 99% der menschlichen Geschichte hätte ein Baby, das ohne Protest einfach alleine eingeschlafen wäre, den nächsten Morgen nicht erlebt. Es wäre von Hyänen verschleppt oder bei einem nächtlichen Temperatursturz unterkühlt worden. Und weil das Betriebssystem der Kinder nicht mit jeder Generation neu formatiert wird, suchen leckere kleine Menschenkinder bis heute die Nähe eines vertrauten Erwachsenen, wenn sie müde werden.

Und damit beginnt das Problem vieler Eltern. Darf ein Säugling denn überhaupt im Bett seiner Eltern schlafen? Oder droht ihm dort vielleicht – der Plötzliche Kindstod?

Diese Frage treibt Eltern nun schon seit Jahrzehnten um, und sie wird bis zu diesem Tag auch unter Wissenschaftlern, Kinderärzten, Hebammen und Stillberaterinnen heiß und kontrovers diskutiert.

Jetzt liegt dazu eine neue Studie des Britischen Kindstod-Forschers Peter Blair vor, und sie ist in mancherlei Hinsicht bemerkenswert. Denn sie beruht zum einen auf  sehr guten, aktuellen Daten. Und sie setzt zum zweiten direkt an der wohl wichtigsten Frage der Eltern an, nämlich: schläft unser Baby gefahrlos im Elternbett, wenn wir bestimmte Risiken vermeiden, wie etwa Rauchen oder Alkoholkonsum?

Und die Studie kommt, zum Dritten, zu einer eindeutigen Antwort: werden die bekannten Risikofaktoren vermieden, so ist das Schlafen mit einem Baby unbedenklich.

Der Stand der Debatte

Bevor ich mich aber näher zu der Studie äußere, will ich kurz auf die Debatte rund um das geteilte Elternbett (in der Fachliteratur auch bed sharing oder co-sleeping genannt) in Deutschland eingehen. Denn sie ist ebenfalls bemerkenswert, in mehrererlei Hinsicht.

  • Zum einen stehen in der Diskussion weniger die Informationen im Vordergrund als vielmehr die Emotionen. “Die meisten Mütter kennen die Situation”, heisst es etwa bei Spiegel online. “Das Baby wacht nachts auf und will trinken. Die Mutter nimmt es zu sich, stillt, beide schlafen ein. Das passiert, weil die Übermüdung groß ist, weil die körperliche Nähe das Kind beruhigt, weil es einfach schön ist. Und es passiert, obwohl mittlerweile viele Eltern wissen, dass ihr Kind ein größeres Risiko für den plötzlichen Kindstod hat, wenn es mit ihnen in einem Bett schläft.” Welch grauenhafte Vorstellung: Einmal seinem Herzen folgen – und schon ist es passiert!
  • Anders als etwa in Großbritannien oder der Schweiz gibt es in Deutschland für Eltern von ärztlicher Seite kaum Unterstützung, die ihr Kind bei sich im Bett schlafen lassen wollen. Während  die Schlafempfehlungen bei Unicef UK oder bei der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie auch Ratschläge zum sicheren Elternbett enthalten, liegt die Informationshoheit in Deutschland oft bei privaten Vereinen, wie etwa der Babyhilfe Deutschland, die sich in Elternmagazinen unter der Rubrik “Sicher und Geschützt” dann etwa so zu Wort meldet: “Kinder, die in den ersten drei Monaten im Elternbett schlafen, haben ein 20-fach erhöhtes SIDS-Risiko.” Eltern können solche Aussagen weder einordnen (ist das belegt?) noch überprüfen (woher stammt die Information?).
  • Zum Dritten scheint die Debatte um den “sicheren” Schlafort in Deutschland durch eine weitere, ebenfalls emotionale Frage befrachtet – die Frage nach dem “richtigen” Schlafort. Für viele in Deutschland tonangebende Experten, wie etwa die Psychologin und Autorin Annette Kast-Zahn (“Jedes Kind kann schlafen lernen”), gehören Babys ins eigenes Bettchen – das sei Teil einer Erziehung zur Eigenständigkeit. In wieder anderen Kreisen gilt das Schlafen mit einem Baby sogar als “Verwöhnung”. Eltern, denen das geteilte Elternbett als normaler, wünschenswerter Teil des Familienlebens erscheint, sind damit in einer echten Klemme: die öffentliche Diskussion und Expertenmeinung wird oft von denen dominiert, die ihrem eigenen Lebensstil als Familie ablehnend gegenüber stehen – und die mit dem “Sicherheitsargument” dann doch das gewichtigste Wort für sich in Anspruch nehmen. Auch Annette Kast-Zahn stützt sich in ihrer populären Schlaffibel auf “Sicherheitsexperten” – diese würden das Schlafen mit einem Baby wegen einer möglichen “Überhitzung” als gefährlich ansehen.
  • Vielleicht erklärt diese Verquickung eine seltsame Tatsache: in der öffentlichen Diskussion rund um den Plötzlichen Kindstod ist viel und sehr emotional von den Gefahren des Elternbettes die Rede – von den möglichen Gefahren eines eigenen Zimmers dagegen  haben viele Eltern noch nie gehört. Dabei sind sich die SIDS-Forscher schon seit Jahrzehnten einig, dass ein in einem eigenen Zimmer schlafendes Baby ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für den Plötzlichen Kindstod hat. Auch die Psychologin Annette Kast-Zahn, die diesen Zusammenhang eigentlich kennen sollte, findet es “hilfreich”, wenn die Eltern ein Baby vom Elternzimmer ins eigene Kinderzimmer verfrachten – urplötzlich richtet sie sich hier nicht mehr nach dem Rat der “Sicherheitsexperten”. Auch die populäre Berichterstattung scheint auf die möglkchen Gefahren geradezu abonniert. Kaum vorstellbar, dass etwa ein deutsches Leitmedium die oben zitierte Geschichte in dieser Fassung bringen würde: “Die meisten schwangeren Mütter kennen die Situation: man richtet in Gedanken schon das Kinderzimmer für den Nachwuchs ein, die zart blauen Vorhänge, den Wickeltisch, das Bettchen. Das passiert, weil die Vorstellung von einem solchen trauten Nest einfach schön ist. Und es passiert, obwohl mittlerweile viele Eltern wissen, dass ihr Kind ein größeres Risiko für den plötzlichen Kindstod hat, wenn es in einem eigenen Zimmer schläft.”

Kurz: Die Debatte um die Gefährlichkeit des Elternbetts in Deutschland ist von Zutaten geprägt, die eine echte Debatte erschweren: Ängste, Emotionen, kaum nachprüfbare Informationen. Mit der schlimmsten Sorge, die Eltern haben können, nämlich dass sie ihr Kind schädigen könnten, wenn sie ihrem eigenen Herzen folgen, stehen viele Eltern in Deutschland heute alleine da.

Der Stand der Forschung

Dass die Frage “Wo soll mein Baby schlafen?” bei Eltern als erstes Angst und Sorge auslöst, steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den Entwicklungen in der SIDS-Forschung, die eigentlich in den letzten Jahren viel Grund zu Entspannung, ja, zu Optimismus liefert, und das in mehrfacher Hinsicht:

  • Die SIDS-Fälle haben deutlich abgenommen – sie kommen heute 10 mal seltener vor als noch vor 25 Jahren. Verstarben im Jahr 1991 in Deutschland noch 1286 Babys am Plötzlichen Kindstod, so waren es im Jahr 2012 nur noch 131. Und das nicht etwa, weil das geteilte Elternbett aus der Mode gekommen wäre – diese Praxis ist heute nicht seltener als damals. Auch in anderen OECD-Ländern sind die Zahlen um etwa 90% gesunken. Das heisst: Der Plötzliche Kindstod ist noch immer eine reale Gefahr – aber er ist zu einem sehr seltenen Ereignis geworden.
  • Die Daten zeigen außerdem das immer gleiche Muster: Praktisch alle SIDS-Fälle sind heute mit bestimmten, grundsätzlich vermeidbaren Risiken verbunden: die betroffenen Babys wurden in den weitaus meisten Fällen nicht gestillt (es ist schon seit längerem bekannt, dass Stillen das SIDS-Risiko um etwa 50% senkt), ihre Mütter sind zumeist Raucherinnen, oder es sind Alkohol, Drogen oder Schlafmittel im Spiel. Oder das Baby wurde in einer unsicheren Schlafumgebung gebettet – etwa auf einer Coach. Oder es wurde in Bauchlage ins Bettchen gelegt. In vielen neueren Studien lässt sich praktisch kein SIDS-Fall mehr finden, bei dem nicht ein besonderes, meist vermeidbares Risiko vorgelägen hätte.
  • Die SIDS-Forschung dreht sich deshalb heute immer öfter um eine ernst zu nehmende Frage. Könnte es vielleicht sein, dass die rigiden Empfehlungen gegen das geteilte Elternbett selbst zu einer Gefahr für die Babys werden? Etwa, weil manche Mutter das nächtliche Stillen als so anstrengend empfindet, dass sie eher damit aufhört? Oder weil sie ihr Kind nachts dann vielleicht in einer unsicheren Umgebung stillt, wie etwa auf einem Sessel – und dort mit dem Baby einschläft? Und, so fragen etwa Entwicklungspsychologen und Bindungsforscher – was bedeutet die Angst vor dem gemeinsamen Schlaf für Familien, deren Baby im eigenen Bettchen einfach unruhig und unzufrieden ist? Wird dadurch nicht der sowieso belastende Übergang ins Familienleben noch schwieriger als er ohnehin schon ist? Wird dadurch nicht vielleicht der Aufbau eines wichtigen “Entwicklungskapitals” erschwert, nämlich einer sicheren, verlässlichen Beziehung?

Warum ist die Diskussion so willkürlich?

Und obwohl ich weiß, dass ich nun endlich auf die eingangs angeführte Studie eingehen sollte, muss ich hier noch einmal auf den wissenschaftlichen Hintergrund der “Elternbett-Frage” zu sprechen kommen. Denn nur wer die Schwierigkeiten kennt, mit denen die Forschung bei der Klärung dieser Frage zu kämpfen hat, kann verstehen, warum auch die Wissenschaft oft genug mehr Nebel produziert als Klarheit. Warum immer wieder Studien durch die Presse getrieben werden, die dann von anderen Wissenschaftlern umgehend  heftig kritisiert werden (ein solches Beispiel stellt etwa die Studie des SIDS-Forschers Carpenter dar, die im Jahr 2013 Aufsehen erregt hat – aber trotz offensichtlicher Mängel bis heute oft zitiert wird).  Nur wer um die Begrenzungen solcher Studien weiß, wird Verständnis dafür aufbringen, dass es zum Plötzlichen Kindstod zwar viele “Ergebnisse” gibt – aber genauso viele Meinungen, wie diese denn zu interpretieren sind.

Dabei ist die Ausgangssituation zur Frage SIDS und Elternbett eigentlich sonnenklar. Sie ist gut messbar, und sie ist unter allen SIDS-Forschern unstrittig: in den modernen Industrieländern versterben Babys im Elternbett etwa zwei bis drei mal so häufig am Plötzlichen Kindstod als wenn sie im eigenen Bett im Schlafzimmer der Eltern schlafen.

Nur: genau so klar ist etwas zweites. Unter der Flagge “Elternbett” segeln sehr unterschiedliche Dinge. Schlafen im “Elternbett” bedeutet für das eine Baby, dass es bei seiner stillenden Mutter liegt, die weder raucht, noch Alkohol, Drogen oder Schlafmittel zu sich genommen hat. Ein anderes Baby ist im Elternbett vielleicht Zigarettenrauch ausgesetzt. Oder einer alkoholisierten Mutter. Oder einer Mutter, die von Marihuana benebelt ist. Oder das Baby könnte dort bei einem Menschen zu liegen kommen, der gar nicht seine Mutter ist, sondern – der Babysitter. Oder das “Bett” in dem es mit seiner Mutter schläft, könnte vielleicht gar kein Bett sein – sondern ein Sofa. Oder ein Sessel, auf dem Baby und Mutter beim Stillen eingeschlafen sind. Oder das Baby könnte im Bett der Mutter gelandet sein, weil es den ganzen Tag quengelig war und vielleicht eine Krankheit ausbrütet. Kurz: es gibt nicht “das Elternbett” – es gibt deren viele.

Und damit steht die Wissenschaft vor einem erheblichen Problem: wie kann sie diesen Knäuel an unterschiedlichen Bedingungen, die da herrschen, entwirren? Die Eltern interessieren sich ja nicht für abstrakte Statistik, sondern für ihren eigenen, persönlichen Fall – und fragen dann zum Beispiel: Ist der gemeinsame Schlaf auch dann gefährlich, wenn ich als Mutter “alles richtig mache” – also nicht rauche, nicht von Alkohol, Schlafmitteln oder Drogen benebelt bin und mein Baby auf einer Unterlage bette, auf der es nicht in einen Graben rutschen kann, wie etwa auf einem Sofa, einem Sessel, oder einem Wasserbett?

Die Preisfrage für die Wissenschaft aus praktischer Sicht ist also die: Ist das gemeinsame
Schlafen an sich gefährlich? Oder sind bestimmte Umstände für das erhöhte Risko im Elternbett verantwortlich? Letzteres wäre ja schon deshalb plausibel, weil im Elternbett viele schädigenden Einflüsse auf das Baby deutlich direkter und damit stärker wirken als wenn das Baby in einem eigenen Bett liegt – man denke nur an Zigarettenrauch oder an die Auswirkungen von zu viel Alkohol.  Für ein Baby, das in seinem eigenen Bettchen schläft, macht es ja nicht einmal einen großen Unterschied, wenn die Mama hier und da einmal einen Joint raucht – für ein Baby das nachts neben ihr kuschelt aber unter Umständen sehr wohl.

Und genau dieses “Entwirren” ist in Wirklichkeit eine extrem schwierige Herausforderung für die SIDS-Forschung. Denn die beste und sicherste Methode, die Wissenschaftler zur Klärung komplexer Fragen verwenden,  kann bei der Erforschung des Plötzlichen Kindstods nicht angewendet werden: das Experiment. Etwa ein Experiment nach dem Muster: alle an einem geraden Datum geborenen Babys schlafen bei ihrer Mutter, die an einem ungeraden Datum Geborenen im eigenen Bett. Und dann ändert man noch in jeder Gruppe systematisch die Schlafbedingungen – die eine Gruppe von Müttern etwa raucht, die andere nicht… Und vergleicht dann in den auf diese Weise gebildeten Gruppen die Häufigkeit des Plötzlichen Kindstods… Natürlich ist das unmöglich.

Stattdessen ist die Forschung beim Plötzlichen Kindstod auf Analysen im Nachhinein angewiesen. Sie untersucht deshalb die Kindstod-Fälle und versucht herauszufinden, unter welchen Umständen das tragische Ereignis passiert ist. Dazu bekommen die betroffenen Eltern zum Beispiel einen Fragebogen zugeschickt, in dem sie – oft aus dem Rückblick mehrerer in Trauer und Verzweiflung verbrachter Wochen – schildern sollen, welche Umstände in der Todesnacht vorgelegen haben. Etwa, ob in der Todesnacht geraucht worden war, wie das Bett beschaffen war, ob Alkohol im Spiel war und wenn ja, wie viel. Und so weiter. Um diese Einflüsse statistisch bewerten zu können, erhalten gleichzeitig andere, mehr oder weniger zufällig ausgewählte Eltern gesunder Kinder denselben Fragebogen zugeschickt. Anschliessend wird dann durch statistische Methoden ermittelt, welchen Faktoren möglicherweise ein ursächlicher Einfluss zugeschrieben werden kann.

Dass die Methodik solcher Fall-Kontroll-Studien, wie sie auch genannt werden, problematisch ist, steht außer Zweifel. (Ich habe mich zu den damit verbundenen Schwierigkeiten vor einiger Zeit  in einer Zeitschrift für Kinderärzte geäußert.) Die Interpretation wird umso unsicherer, je lückenhafter die Auskünfte sind, die den Forschern zur Verfügung stehen. So enthalten gerade  ältere Studien oft nur wenig Daten etwa über einen möglichen Drogen-Konsum der Eltern, und oft ist nicht einmal bekannt, ob ein Baby gestillt wurde oder nicht (Stillen wirkt als Schutzfaktor gegen SIDS). Auch ob ein verstorbenes Baby das Bett etwa mit der Mutter geteilt hat oder mit einem “Non-caregiver” (Babysitter) ist vielfach nicht dokumentiert. Und nur in den wenigsten Studien wird unterschieden, ob das Baby routinemäßig bei der Mutter schläft, oder ob es nur in der Todesnacht bei den Eltern geschlafen hat (wenn Kinder nur ausnahmsweise mit ins Bett der Eltern genommen werden, könnten besondere Umstände vorliegen, die für den Tod mit verantwortlich sind). Wie sehr es auf solche feinen Unterschiede ankommt, zeigt eine Analyse aus Deutschland, in der sich für die regelmäßig im Elternbett schlafenden Babys kein erhöhtes SIDS-Risiko ergab, für die ausnahmsweise ins Bett genommen Babys dagegen sehr wohl. Gerade für die Frage der Sicherheit des Elternbetts sind möglichst vollständige Daten zu den möglichen Einflussfaktoren entscheidend – fehlende Daten führen nämlich aus statistischen Gründen dazu, dass das Risiko des geteilten Elternbett überschätzt wird.

Die neue Studie

Nun aber endlich zu der neu erschienenen Studie zur Sicherheit des Elternbetts. Der britische SIDS-Forscher Peter Blair hat dabei zwei englische Studien zu insgesamt 400 SIDS-Fällen ausgewertet, die sich durch einen vollständigen Datenbestand zu drei wichtigen Einflussfak-toren auszeichnen: Zigarettenrauchen, Alkoholkonsum und Ernährung des Babys (gestillt oder nicht gestillt).

Bei der ersten Analyse zeigte sich zunächst der bekannte Zusammenhang: wurden alle Fälle zusammen analysiert, so war der geteilte Schlaf tatsächlich deutlich gefährlicher als der Einzelschlaf – beim geteilten Schlaf  war das SIDS Risiko mehr als drei mal höher.

Wurden aber in der Statistik nur diejenigen Kinder betrachtet, die in einem Bett (also nicht auf einem Sofa oder Sessel) bei nicht rauchenden, nicht trinkenden Eltern schliefen – so war deren Schlaf insgesamt genauso sicher wie der von Babys, die im eigenen Bett im Zimmer der Eltern schliefen. Bei den älteren (über drei Monate alten) Babys war sogar ein Schutzeffekt des Elternbetts zu beobachten – sie hatten ein niedrigeres SIDS-Risiko als die im eigenen Bett im Zimmer der Eltern schlafenden Babys.

Und das im Elternbett angeblich “20-fach” erhöhte SIDS-Risiko bei den unter drei Monate alten Babys? Diese aus einer älteren, zurecht vielfach kritisierten Studie abgeleitete Zahl hat sich nicht bestätigt. Auch in der hier vorgestellten Studie konnte zwar ein möglicherweise leicht erhöhtes Risiko für die kleineren Babys nicht ausgeschlossen werden – rein rechnerisch lag es für die unter 3 Monate alten Babys im Bereich des 1,6-fachen. Allerdings war dieser Wert statistisch nicht signifikant, das heisst, es lässt sich keine Aussage darüber treffen, ob diese leichte Erhöhung wirklich auf das geteilte Elternbett zurückgeführt werden kann, oder ob das an anderen Einflüssen liegt. Hier wäre zum Beispiel an einen möglichen Drogenkon-sum zu denken, der in der neuen Studie bewusst ausgeklammert wurde, da hierzu keine voll-ständigen Daten vorlagen (damit wird in dieser Studie die “Gefährlichkeit” des Elternbetts eher über- als unterschätzt). Ebenso wurde in die Ergebnisse nicht eingerechnet, ob ein Baby routinemäßig im Bett der Eltern schlief oder nur aus einem besonderen Anlass – auch aus diesem Grund handelt es sich bei den vorliegenden Ergebnissen eher um konservative, die “Gefährlichkeit” des Elternbetts eher überschätzende Angaben.

Mit großer statistischer Aussagekraft bestätigt die Studie dagegen eindrücklich, wie sehr bestimmte Einflüsse die Sicherheit des gemeinsamen Schlafens beeinträchtigen. So schlägt sich das Schlafen bei einem rauchenden Elternteil für den unter 3 Monate alten Säugling in einem immerhin 9-fach erhöhten SIDS-Risiko nieder. Beim Schlaf mit einer alkoholisierten Person tritt der Plötzliche Kindstod 18 mal häufiger auf, und beim gemeinsamen Schlafen auf einem Sofa ist das Risiko ebenfalls etwa 18 fach erhöht.

Besonders interessant und wichtig erscheint mir deshalb die Diskussion, die Prof. Blair anregt. Er schildert die Ausgangslage selbst so: “In our study (..) a number of families whose infants died informed us that they had been advised not to bed-share and thus fed the infant (and fell asleep) on a sofa.” Auf Deutsch: “In unserer Studie haben uns mehrere von einem Todesfall betroffene Eltern mitgeteilt, man hätte ihnen geraten, das Baby nicht mit ins Bett zu nehmen und sie hätten deshalb ihr Kind auf dem Sofa gefüttert (wo sie dann eingeschlafen seien).” Es ist also an der Zeit, dass wir den pauschalen Ratschlag gegen das Elternbett auf den Prüfstand stellen: sorgt inzwischen vielleicht die rigide Informationspraxis etwa der kinderärztlichen Verbände selbst dafür, dass Babys in Gefahr geraten? Dass dies eine reale Möglichkeit ist, zeigen die Daten dieser Studie.

Wir müssen darüber reden

Denn gerade die Eltern, die sich eigentlich ein Familienbett wünschen und dafür auch alles “richtig” machen wollen, fühlen sich in Deutschland zwischen ihrer eigenen Präferenz und den “offiziellen” Empfehlungen regelrecht zerrissen. Eltern übernehmen nun einmal Verantwortung, und damit steht für sie immer auch die Frage nach einer möglichen “Schuld” im Raum: was wenn etwas passiert? So wie die Diskussion bisher läuft, sind immer diejenigen, die ihr Baby zu sich nehmen, die potenziell Schuldigen – schließlich hat man sich ja nicht an die Empfehlungen gehalten. Verstirbt dagegen ein Baby im eigenen Bett, so lautet die Frage ja doch eher, was wohl an dem Baby nicht in Ordnung gewesen ist.

Die Studie von Peter Blair zeigt, dass wir diese Frage ergänzen müssen, und zwar dringend: Was ist vielleicht an den derzeitigen Schlafempfehlungen in Deutschland nicht in Ordnung? Warum stellen sie das Schlafen mit einem Baby noch immer unter Generalverdacht – statt die Eltern über das zu informieren, was wirklich bekannt ist und auch unter denWissenschaftlern unstrittig ist: dass das geteilte Elternbett für ein Baby dann ein erhöhtes Risiko bedeuten kann, wenn die Eltern rauchen, Alkohol trinken, Drogen oder Schlafmittel nehmen, wenn das Baby bei Nicht-Pflegepersonen schläft, wenn das Bett nicht babygerecht ist (Sofa, Wasserbett, zu weiche Matratzen, Federbetten etc), wenn das Baby in Bauchlage schlafen gelegt wird, wenn es sich um ein frühgeborenes Baby handelt oder wenn das Baby nicht gestillt wird (letzteres gilt womöglich nur im ersten Lebenshalbjahr).

Vielleicht ist eine solche differenzierte Beratung schwieriger als pauschale Aussagen zu treffen. Für die Eltern aber macht diese Mühe einen entscheidenden Unterschied. Als Familie mit einem Baby zu leben, ist für sich genommen schon Herausforderung genug. Da gehört jeder Rat, der Angst und Unsicherheit verbreitet, unbedingt und immer wieder auf den Prüfstand.

 

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