Sind Schlaftrainings unbedenklich?

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Kürzlich erschien tatsächlich eine Studie, die genau das nachweisen wollte. Und sie kam in der Presse gut an. Bei CNN hiess es: „It’s OK to let your baby cry himself to sleep, study finds.“ Auch in Deutschland standen die beruhigenden Töne im Vordergrund. Die WELT fasst zusammen:

„Die Eltern trauen sich heute nicht mehr, ihr Kind mal weinen zu lassen. Ist das nicht schlimm für die Psyche? Neue Studien geben eine beruhigende Antwort.“

Schauen wir uns die Studie deshalb mitsamt ihrer Beweisführung genauer an.

Die von einem australischen Team rund um den Psychologen Michael Gradisar geplante Studie behauptet tatsächlich nicht weniger als das: Schlaflernprogramme seien weder mit langfristigem Stress bei den Kindern noch mit langfristigen negativen Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Bindung oder seine emotionale Entwicklung verbunden.

Die Studie stand schon vor Beginn in der öffentlichen Debatte in Australien – sie war sogar Gegenstand einer Online-Petition, weil in der Studie die Babys per Zufall auf verschiedene Schlaf-Interventionsprogramme zugeteilt werden sollten, darunter  das „graduate extinction “ nach Richard Ferber (hierzulande als „kontrolliertes Schreienlassen“ von der Psychologin Annette Kast-Zahn popularisiert).  Nach einer Stellungnahme durch die universitäre Ethik-Kommission wurde das Protokoll leicht verändert (die teilnehmenden Familien bekamen ein Vetorecht gegenüber dem ihnen per Los zugeteilten Studienarm), aber im Prinzip wurde sie wie geplant durchgeführt.

Für die Vergleichsstudie wurden zunächst 43 Babys bzw. Kleinkinder im Alter von 6 bis 16 Monaten rekruitiert. Die Eltern meldeten sich aufgrund von bei ihren Babys bestehenden „Schlafstörungen“ zur Teilnahme. Um Familien für die Studie zu gewinnen wurden z.B. Anzeigen in öffentlichen Verkehrsmitteln geschaltet. Interessanterweise waren fast zwei Drittel der für die Studie angemeldeten Kinder Mädchen (dies überrascht insofern, als Schlafprobleme bei Jungs an sich deutlich häufiger sind als bei Mädchen). Die Teilnehmenden wurden dann in drei verschiedene Gruppen aufgeteilt:

  • die Babys der ersten Gruppe sollten im häuslichen Alltag von ihren Eltern nach  dem Ferberschen „graduate extinction“ Programm behandet werden
  • die zweite Gruppe sollte nach dem Programm „bedtime fading“ behandelt werden, ein in Australien populäres Programm, bei dem die Schlafgehzeiten für das Baby so lange um jeweils 15 Minuten in die Nacht verschoben werden bis die Babys besser in den Schlaf finden
  • die dritte, als Kontrollgruppe vorgesehene Kohorte bekam lediglich über eine Webseite generelle Informationen zum Babyschlaf.

Die Studie war für eine Laufzeit von 3 Monaten geplant. Die Forscher führten nun an allen Gruppen begleitend Messungen zum Schlafverhalten der Babys durch. Zum einen sollten die Eltern ein Tagebuch führen, in dem sie die Schlaf- und Wachzeiten des Babys protokollierten. Zum zweiten wurde ein technisches Verfahren zur Messung des Aktivitätszustands der Babys eingesetzt , nämlich die Accelerometrie bzw. Actimetrie. Hierfür bekommen die Babys einen dreidimensional messenden Bewegungssensor auf die Haut geklebt, der alle Auslenkungen gegen die Schwerkraft misst, also auch Arm- und Körperbewegungen. Diese Methode wird in der Schlafforschung häufig verwendet um Wach- und Schlafphasen objektiv abzubilden.

Ausserdem verschafften sich die Forscher in bestimmten Absatänden per Fragebogen einen Eindruck über den Stress-Pegel und die Stimmung der Mütter; zudem wurde der Kortisol-Spiegel im Speichel der Babys gemessen  (letzteres in der Annahme, daraus den Stress-Pegel der Babys ablesen zu können). Auch wurde 9 Monate nach Ende der Intervention das Bindungsverhalten der Babys im Fremde-Situations-Test gemessen und ihre emotionale Entwicklung in einem Fragebogen untersucht.

Die Autoren berichten nun nach Auswertung ihrer Daten, das: sowohl das „bedtime fading“ als auch das „graduated extinction“ Programm habe das Schlafverhalten der Babys verbessert. Zudem hätten sich keine langfristigen emotionalen Nachteile oder Bindungsprobleme nachweisen lassen. Auch seien die Mütter im „graduated extinction“-Arm der Studie zumindest nach einem Monat weniger gestresst als die Mütter in den anderen beiden Gruppen.

Kritik an der Studie

Allerdings wurde die Studie auch vielfach kritisiert. So weisen unterschiedliche Arbeitsgruppen auf Probleme der Methodik und insbesondere der Cortisolmessungen hin (z.B. die australische Schlafforscherin Sarah Blunden).

Nun ist die Bewertung und Kritik von Studien nicht unbedingt die reine Lesefreude, weil man dazu auch ein bisschen erklären muss, was denn so unter der Motorhaube einer Studie alles passiert. Anders kommt man aber nicht wirklich zu einer Einschätzung, ob denn nicht hier und da Abkürzungen genommen werden, oder gar Behauptungen aufgestellt werden, die sich auch anders interpretieren lassen.  Ich werde aber versuchen mich kurz zu fassen und mich vor allem auf die grundlegenden Probleme des Studienaufbaus und der Messung des Schlafverhaltens kleiner Kinder beschränken (zur Kortisol-Problematik muss ich auf Frau Blunden verweisen, das ist eine komplexe Methodik, die Details würden das hier dann zu einem Telefonbuch machen). Und wem es  unterwegs trotzdem zu telefonbuchig wird, kann auch direkt unten eine Zusammenfassung lesen (bei „Fazit : Man kann diese Studie auch anders lesen“)…

Erster Kritikpunkt: Unstimmigkeiten in der Messung des Schlafverhaltens

Wie bereits beschrieben, berichten die Autoren in der zusammenfassenden Darstellung der Studie das: das Schlafverhalten der Babys habe sich durch die angewendeten Schlafprogramme verbessert.

Betrachtet man die Ergebnisse, so stimmt die Behauptung nur teilweise:

  • im Vergleich zur Kontrollgruppe sind die Babys der „graduated extinction“-Gruppe  insgesamt 13 bis 15 Minuten rascher eingeschlafen, die „bedtime fading“-Babys 11 bis 12 Minuten rascher
  • … und bei den „graduated extinction“ Babys ist die Anzahl des nächtlichen Aufwachens um 2 zurückgegangen (und zwar: nur bei den „gradual extinction“ Babys, in den anderen Gruppen konnten keine Änderungen verzeichnet werden).
  • Andere Veränderungen des Schlafverhaltens konnten jedoch nicht auf die Schlaftraining-Programme zurückgeführt werden, sie stellten sich in allen Gruppen ein, und zwar praktisch unabhängig davon, nach welcher Methode die Babys behandelt wurden.  Die gesamte Schlafzeit etwa blieb bei allen Gruppen am Schluss dieselbe. Und auch die gesamte nächtliche Wachzeit nach dem Einschlafen verbesserte sich in allen drei Gruppen, also auch in der Kontrollgruppe (hier wurden minus 44 Minuten für die „graduated extinction“- Babys notiert, minus 25 Minuten für die „bedtime fading“-Babys und minus 32 Minuten für die Kontroll-Babys).

Schauen wir uns aber vor allem genau an, auf welchen Messungen diese Angaben beruhen. Die Autoren stützen diese Ergebnisse auf die Auswertung der von den Eltern geführten Tagebücher, also auf die subjektive Messmethode des kindlichen Schlafverhaltens. Diese ist wegen der vielen Tücken der subjektiven Wahrnehmung unter Fachleuten umstritten: wie können (teilweise ja selbst schlafende) Eltern genau wahrnehmen und dokumentieren, ob ihr Baby – das vielleicht in einem anderen Zimmer schläft – gerade wacht oder schläft…? Bei dieser Methode können zudem leicht systematische Verzerrungen auftreten. So landen zum Beispiel die Babys beim „graduated extinction“ Programm regelmäßig im eigenen Schlafzimmer (anders ist dessen Durchführung  ja gar nicht möglich). Aber das bedeutet eben auch, dass möglicherweise die Eltern im „graduated extinction“-Arm das eine oder andere Aufwachen ihres Babys schlichtweg nicht bemerken, diese Einträge fehlen dann aber auch in der Datenanalyse. Dort heisst es dann: die Babys sind zwei Mal weniger aufgewacht – dabei wurde deren Aufwachen vielleicht nur 2 mal häufiger nicht wahrgenommen.

Nun haben die Autoren das Schlafverhalten der Babys auch „technisch“ gemessen –  nämlich durch die weiter vorne erklärte Actimetrie. Allerdings zeigte sich bei der Analyse, dass die mit dieser Methode erhobenen Daten insbesondere bei den nächtlichen Wachzeiten nicht im Einklang mit den Befunden der Elterntagebücher standen. Unter Verwendung der Actimeter-Daten liessen sich hier (ebenso wie bei der gesamten Schlafdauer) keine Unterschiede zwischen den Gruppen belegen.

Nun lösen die Autoren diesen Widerspruch, indem sie die Elterntagebücher einfach zur verlässlicheren Methode erklären, in einem ziemlich kryptischen Satz („no significant sleep changes were found by using objective actigraphy, suggesting sleep diaries and actigraphy measure different phenomena (eg, infants’ absence of crying by parents vs infants’ movements, respectively), further suggesting infants may still experience wakefulness but do not signal to parents.“)

Konkret heisst das: die in der Studie dargelegten Vorteile von Schlaflernprogrammen beruhen ausschliesslich auf subjektiven Elternangaben. Legt man die per Actigraphie gemessenen Daten zugrunde, so können positive Veränderung nicht belegt werden.

Das ist aus methodischer Sicht prekär, und zwar aus zwei Gründen: zum einen werden in der wissenschaftlichen Literatur eher Zweifel an der Tagebuch-Methodik geäußert als an der Actimetrie. Zum zweiten aber stellt sich die Frage,  warum die Actimetrie (eine in der Datenanalyse aufwändige und nicht gerade billige Methode), für diese Studie dann überhaupt eingeplant worden ist. Normalerweise sollte die Verlässlichkeit einer Messmethode nicht erst dann in Zweifel gezogen werden, wenn deren Ergebnisse nicht zur Hypothese der Forscher passen (zumal dann immer noch die Frage im Raum bleibt, warum andere Forscher-Teams gerade der Actigraphie eine höhere Aussagekraft zuordnen).

Vielleicht erklärt das Problem der Messmethoden manche der Auffälligkeiten der Studie: die erhobenen Befunde zum Schlafverhalten wollen nämlich nicht so richtig zueinander passen. So wachen laut der „offiziellen“ Ergebnisse der Studie die Babys im „graduated extinction“-Arm nachts deutlich seltener auf als etwa die Kontroll-Babys. Anders als erwartet unterscheidet sich dann aber die gesamten nächtlichen Wachzeiten zwischen den beiden Gruppen nur marginal. Und die „graduated extinction“-Babys, die sich ja angeblich durch selteneres Aufwachen und „deutlich kürzere“ nächtliche Wachzeiten auszeichnen, haben dennoch dieselbe Gesamtschlafdauer wie die Kontrollgruppe…

Zweiter Kritikpunkt: problematische Statistik

Die Autoren konnten für ihre Studie bei weitem nicht die Anzahl an Probanden gewinnen, wie sie sich vorgenommen hatten. Mit zunächst insgesamt 43  Probanden  (also 14 bzw. 15 Probanden pro Interventionsarm) ist die Fallzahl für eine dreiarmige Interventionsstudie dann auch tatsächlich extrem klein. In diesem Fall ist sie jedoch so klein, dass sie unter dem zur Sicherung der statistischen Verlässlichkeit geforderten Maß liegt. Die Autoren beschreiben dies selbst  im Methodenteil: „Based on a power of 0.80 and a probability level of .05, at least 21 participants per group would be needed to detect a large effect size.“ Also: um sicher zu sein, dass selbst größere Unterschiede zwischen den Gruppen nicht durch Zufall bedingt sind, müssten in jeder Gruppe mindestens 21 Babys „behandelt“ werden (um kleinere oder mittlere Effekte verlässlich beurteilen zu können, bräuchte es noch eine weitaus größere Zahl).

In Wirklichkeit stand für die Analyse aber pro Gruppe oft nicht einmal die Hälfte der geforderten Zahl zur Verfügung. Bei der Untersuchung nach drei Monaten etwa konnten nur an 7 Babys für den „graduated extinction“-Arm Daten erhoben werden (für den „bedtime fading“-Arm waren es ebenfalls nur 7, für die Kontrollgruppe waren es 9 Babys bzw. Kleinkinder).

Dritter Kritikpunkt: Mögliche Verzerrung durch viele unerklärte Abbrecher

Zusätzlich zu der von vorn herein schon kleinen Probandenzahl ist die Studie gekennzeichnet durch eine erhebliche Anzahl an Probanden, die das Studienprotokoll zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt beendet haben und entsprechend nicht für Messungen – sie fanden 1 Woche nach Beginn, sowie nach einem und drei Monaten statt – zur Verfügung standen. Je nach Arm und Untersuchungszeitpunkt überwiegt die Zahl der Abbrecher sogar (siehe Grafik 1). Leider werden die Gründe für die hohen Abbruchraten in der Veröffentlichung nicht angegeben, was die Interpretation der Ergebnisse fast unmöglich macht  (die Gründe für einen Abbruch können ja sehr unterschiedlich sein: von „mein Kind schläft jetzt super“ bis zu „Hilfe, mein Kind schläft jetzt schlechter als zuvor“ oder gar „ich halte das hier nicht mehr aus…“). Da diese Gründe zum Teil von Gruppe zu Gruppe systematisch differieren können, stellt die fehlende Darstellung der Abbruchgründetatsächlch die ganze Studie in Frage.

Vierter Kritikpunkt: Keine klare Dokumentation der Interventionen

Ungünstig is auch, dass letzten Endes unklar bleibt, inwieweit sich die Probanden-Familien tatsächlich an das ihnen zugeteilte Protokoll gehalten haben. Es handelt sich im Falle dieser Studie ja um eine Auswahl von Familien, von denen anzunehmen ist, dass sie bereits mit mehreren Schlafinterventionen vertraut sind, die sie evtl. auch an ihrem Baby angewendet haben. Gerade bei einer solchen „nicht-naiven“ Kontrollgruppe ist der Verzicht auf eine Prozessevaluation extrem bedauerlich – schließlich bleibt unbekannt, ob die gemessenen Effekte wirklich durch die beabsichtigten Behandlungen erzielt worden sind.

Unklar bleibt auch, warum die Autoren bei der Nachsorge-Untersuchung nach 12 Monaten auf eine weitere Erfragung bzw. Dokumentation des Schlafverhaltens verzichtet haben. Denn bezüglich der in der Studie untersuchten Schlaflernprogramme steht ja eine wichtige Frage im Raum, nämlich die, ob deren Wirkung (so sie sich einstellt), dann auch tatsächlich längerfristig anhält: „lernen“ die Babys, wie Frau Kast-Zahn postuliert, tatsächlich sich selbst zu trösten und meistern sie durch diesen Entwicklungsschritt dann auch längerfristig den Schlaf? In der Literatur gibt es dazu erhebliche Zweifel:  Eltern, die ihre Kinder nach der Ferber Methode behandeln, haben häufig schon weitere Anläufe hinter sich (nach einer Umfrage des amerikanischen Elternmagazins Today’s Parent haben immerhin 43 Prozent der Eltern, die die Ferber-Methode angewendet haben, noch vier weitere Male oder sogar öfter damit wieder neu begonnen). Seltsamerweise finden sich nun aber in unserer Studie keine Angaben zur Nachhaltigkeit der Programme – und das obwohl mit 12 Monaten eine ausführliche Nachuntersuchung stattfand, in deren Rahmen die Eltern zu allen möglichen Dingen Fragebögen ausfüllen durften. Nur eben wohl nicht zu der Frage, wie es denn jetzt so um den Schlaf ihrer Kleinen bestellt ist…

Fünfter Kritikpunkt: weitere Probleme in der Messmethodik

Kortisolmessungen sind im Babyalter extrem komplex, eine verlässliche Interpretation der nach der in der Studie verwendeten Methodoik ist nicht möglich  (siehe den Kommentar von Sarah Blunden).

Zudem weist die Studienpopulation eine Besonderheit auf, die bei der Interpretation solcher Parameter unbedingt berücksichtigt werden muss. Möglicherweise sind nämlich allein schon aufgrund dieser Besonderheiten nennenswerte Änderungen bei den Kortisolmessungen gar nicht zu erwarten: bei den Babys dieser Studie (und zwar sowohl bei den Interventions- als auch bei den Kontroll-Babys) handelt es sich um eine Auswahl von Kindern mit bereits vorbestehenden chronischen Stresserfahrungen – die Familien haben sich ja allesamt wegen echter Schlafprobleme zur Teilnahme an der Studie entschlossen. Viele, wenn nicht alle der Familien dürften bereits eines oder mehrere „Schlaftrainings“ hinter sich haben, sie beginnen diese Vergleichsstudie also keineswegs ohne Vorerfahrungen und -vorbelastungen (leider haben die Autoren auf eine diesbezügliche Dokumentation verzichtet).

Ähnliches gilt für den Fremde-Situations-Test und die Child-Behavior-Checklist: hier handelt es sich um extrem grobe Instrumente, die für das klinische Follow-up nur begrenzte Aussagekraft haben. Für das Bindungsverhalten wurde zudem auf das Erheben eines Ausgangsbefundes komplett verzichtet, so dass gar nicht ausgesagt werden kann, was die Messungen denn mit der  erfahrenen Intervention zu tun haben.

Fazit : Man kann diese Studie auch anders lesen

Ich kann Eltern nur raten sich bei ihren Entscheidungen und ihrer Bewertung von Schlaflernprogrammen nicht auf diese Studie zu verlassen. Sie enthält zu viele Ungereimtheiten und ist methodisch nicht sauber. Und sie bildet auch nicht die wirklichen  Optionen der  Eltern ab. So fehlt insbesondere ein Vergleich mit dem Schlafen im Elternbett oder auch im Anhängebett etc .

(Dieses Manko wird übrigens so begründet: wegen der Gefahr von SIDS im Elternbett könne das nicht empfohlen werden. Allerdings wird im Rahmen der Studie sehr wohl das „graduated extinction“ Programm nach Ferber angewendet, eine Methode also, die sich nur durchführen lässt, wenn die Babys in einem eigenen Zimmer schlafen – was wiederum nach einhelliger wissenschaftlicher Meinung das Risiko für SIDS erhöht… Hier scheint man also keine Probleme mit möglichen Gefahren zu haben)

Tatsächlich hätten die Autoren ihre eigene Studie auch ganz anders interpretieren können:

Nehmen wir zum Beispiel das Stress-Argument. Gerade die „graduated extinction“-Programme nach Ferber oder Kast-Zahn werden oft deshalb durchgeführt, weil die Eltern sie als letztes Mittel betrachten, endlich mit dem überwältigenden Stress der Schlaflosigkeit fertig zu werden, und wieder eine bessere Stimmung in der Bude und im Kopf zu haben. Laut dieser Studie können Eltern diese Hoffnung allerdings streichen: ihre Stressbeladung und Stimmung verbessern sich auch dann, wenn sie einfach zuwarten, selbst das Ferber Programm bringt ihnen allenfalls nach einem Monat eine gewisse – aber eben leider vorübergehende Erleichterung (wenn diese überhaupt echt und kein statistisches Artefakt ist). Nach 3 Monaten sind alle Familien in Bezug auf Stress am selben Punkt.

Und auch die Hoffnungen der Eltern, die sich von Schlaftrainings ja meist durchschlagende Änderungen erwarten, müssten aufgrund dieser Daten doch eher gedämpft werden – die Babys schlafen in allen drei Gruppen nachts gleich lang. Und wenn sich ein Effekt durch ein „Training“ zeigt, dann beschränkt sich der zum Beispiel darauf, dass das Baby nachts etwa 12 Minuten kürzer wach ist. Und dafür ein Baby alleine schreien lassen?

Und genau das ist mein Punkt: Richten wir uns mit unseren Entscheidungen, wie wir unser Baby ins Bett bringen, wirklich nach solchen Studien? Ich denke doch eher, dass hier unser Menschenbild, und damit unsere Art wie wir Beziehungen sehen, empfinden und gestalten wollen, eine Rolle spielen.

Ob man ein schreiendes Baby tröstet oder nicht, das hängt nicht davon ab, ob jemand „nachgewiesen“ hat, dass das schreiende Kind vielleicht später höheren oder niedrigere Cortisolwerte hat. Das machen wir aus anderen Gründen, die uns intuitiv darüber informieren, was wir für gut und richtig im Umgang mit Kindern halten. Wir würden auch nicht wieder anfangen, Kinder körperlich zu bestrafen, nur weil irgendwelche Wissenschaftler dafür eine Unbedenklichkeitserklärung abgeben.

Und so hoffe ich, dass wir in Zukunft wieder mehr über diese inneren Gründe reden statt uns um Studien zu streiten, denen ja doch wieder bestimmte Annahmen und Überzeugungen  zugrunde liegen.

 

Zu diesen „inneren Gründen“ steht eine ganze Menge in meinem neuen alten Lieblingsbuch – den „Menschenkindern“. Ich will es hier ganz unverschämt empfehlen, weil es die vielen Behauptungen über Kinder auf einen ungewohnten Prüfstand stellt: den der Menschheitsgeschichte, in der sich die Kinder über Tausende von Jahren entwickelt haben.

Freispiel – schlecht für die Bildung?

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Wie hartnäckig das Kinderspiel in der Schublade Spiel und Tand landet, zeigt der Philosoph Arthur Schopenhauer:

»Zu Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, dass sie selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit einem Worte, Zeit ihres Lebens große Kinder sind: eine Art Mittelstufe, zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist. Man betrachte nur ein Mädchen, wie sie, Tage lang, mit einem Kinde tändelt, herumtanzt und singt, und denke sich, was ein Mann, beim besten Willen, an ihrer Stelle leisten könnte.«

Bestimmt hat der Mann ziemliches Pech mit Mama und Papa gehabt. Und eine besonders lustige Kindheit dürfte er auch nicht genossen haben, wenn ihn das Tändeln und Spielen derart ankratzt. Aber ich sehe nicht, dass diese Haltung heute wirklich so ganz überwunden ist. So waren die ersten Forderungen nach »früher Bildung« (sie gingen vor allem von den deutschen Unternehmerverbänden aus) mit dem Hinweis garniert, dass man in den Kitas doch bitte die Tändelei begrenzen möge: Man wünsche sich, so die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in einem Memorandum an die Bildungspolitik, eine bessere »Strukturierung« des Kindergartentages mit einer Abwechslung von »Lern- und Übungsphasen, Spiel- und Ruhephasen, mit Einzel- und Gemeinschaftsaktionen …«. Ein bisschen mehr Ordnung bitteschön, der Bildung wegen. Und der Unternehmensberater Prof. Jürgen Kluge, der Initiator der bis heute erfolgreichen Bildungsinitiative »Haus der kleinen Forscher«, knüpfte sich gleich die Erzieherinnen vor: »Viele von ihnen«, schrieb er in einem damals viel beachteten Buch, »sehen eine ihrer vornehmsten Aufgaben gerade darin, das Kind vor den Härten der Realität zu schützen.« Die lassen die Kleinen nur spielen!

Ich will damit niemandem frauen- oder kinderverachtendes Denken à la Schopenhauer unterstellen, aber wenn man den hektischen Umbau der Elementarpädagogik der 2000er Jahre Revue passieren lässt, dann klingeln einem die kritischen Töne gegen das Kinderspiel ziemlich schrill in den Ohren. In dem damals neu aufgestellten Bayerischen Bildungsplan wurde das Freispiel gleich mal zur pädagogischen Problemzone erklärt: Die »Qualität der Freispielprozesse« müsse dringend »verbessert« werden! Und zwar »durch gezielte Unterstützungsmaßnahmen«. Ausgerechnet die Kinder werden dazu als Kronzeugen aufgerufen: kein Kind wolle »nur spielen« – es wolle sich vielmehr auch »mit ernsthaftem Tun« befassen. Einfach nur spielen, nein Danke!

Dass der Ernst des Spiels dann auch glückt, sei Aufgabe der Erzieherinnen. Sie sollen durch »systematische Begleitung und didaktische Aufbereitung« dafür sorgen, dass sich das mit dem Freispiel verbundene »beiläufige Lernen« zum »spielerischen Lernen« hin entwickelt. Dazu sollten sie das Freispiel zum Beispiel »durch weitere Bildungsansätze ergänzen« – etwa durch »Projekte und Workshops.«

Workshops, im Ernst. Was sich Kinder eben so wünschen. Denken wir doch nur an unsere eigene Kindheit zurück: wie gut hätten wir die eine oder andere Arbeitseinheit zur Verbesserung unseres Freispiels gebrauchen können! Überhaupt: was hätte aus uns werden können, hätten unsere Erzieherinnen damals schon die Finessen der Frühen Bildung drauf gehabt!

Das jetzt der Klugheit dienende, verbesserte Spiel wird im Plan übrigens als »unterstütztes Freispiel« bezeichnet. Wie nett! Die Kleinen bekommen bei der Ausübung ihrer Freiheit Unterstützung.

Damit das Freie an der Freiheit nur nicht den anderen Zielen in den Weg kommt.

 


Dieser Beitrag ist übrigens ein mir wichtiger Gedankenschnipsel aus meinem neuen (und gleichzeitig alten) Buch: Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht. Nach 5 Jahren und 4 Auflagen habe ich nämlich die »Menschenkinder« komplett überarbeitet, sie erscheinen demnächst. Mit dem Buch beziehe ich Stellung zu den aktuellen Debatten rund um Erziehung, Bildung und Förderung unserer Kinder. Ich gehe insbesondere der Frage nach, wie sich die uralten Bedürfnisse der Kinder mit dem modernen Wahnsinn vertragen, in dem wir da gelandet sind.

Stillen als Schändung ?

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Heute hat mich folgende Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur erreicht:

Schändung – Zürcher Mutter gibt 7-jähriger Tochter die Brust – Vater verurteilt

(sda, 13.04.2016) Eine Mutter aus dem Zürcher Limmattal hat ihrer Tochter noch im achten Altersjahr die Brust gegeben. Weil der Vater dies zuliess, ist er unter anderem wegen Schändung zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt worden. Die Mutter wird sich noch vor dem Dietiker Bezirksgericht verantworten müssen.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind happig: Sie wirft einem Ehepaar „Schändung“ und „sexuelle Handlungen mit Kindern“ vor, wobei das Opfer deren gemeinsame Tochter ist.

Die Mutter soll ihre normal entwickelte, über siebenjährige Tochter regelmässig, während jeweils 20 Minuten an ihrer Brust nuckeln gelassen haben. Dies obwohl sie längst abgestillt hatte und das Kind längst keine Muttermilch mehr trank.

Wie die Staatsanwaltschaft festhielt, habe das urteilsunfähige Kind das Vorgehen ihrer Mutter nicht richtig einordnen können.

Der aussergewöhnliche Fall, mit dem sich die Zürcher Justiz beschäftigte, flog auf, als die Mutter nach Weihnachten 2014 ihren Mann verliess – und dieser seine Ex-Lebenspartnerin anzeigte.

Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen ein – gegen beide Elternteile. Inzwischen wurde nun der Vater per Strafbefehl rechtskräftig verurteilt.

Der Vater unternahm nichts.

Gemäss Strafbefehl hat der Mann zwar sein Missfallen über die Handlungen der Mutter geäussert. „Allerdings hat er über mehrere Jahre hinweg keine weiteren Schritte unternommen, um diesem Tun seiner Frau Einhalt zu gebieten.“

Weil er nicht eingeschritten sei, habe der Mann die sexuellen Handlungen seiner Frau unterstützt. Quasi als Mittäter wurde er nun zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt. Gegen die Mutter wurde ebenfalls Anklage erhoben. Sie wird sich vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten müssen.

++++Ende der Meldung++++

Ich wurde nun angefragt, was ich von dieser Meldung halte. Und gebe meine Antwort hier einfach wieder, weil ich meine, dass dieser Fall breit diskutiert, besprochen und von möglichst vielen Eltern und Fachleuten beurteilt werden sollte. Schliesslich geht es um Fragen der Biologie, der Moral, der kulturellen Normen – aber auch um Bürgerrechte: kann ich als Vater jetzt meiner Ex das Sorgerecht entziehen lassen, weil die unser Kind noch stillt? Und wenn ja, in welchem Alter? Schließlich wird der Vater angeklagt, er habe „über mehrere Jahre hinweg keine weiteren Schritte unternommen, um diesem Tun seiner Frau Einhalt zu gebieten“. Wann hätte er „einschreiten“ sollen? (Und wenn ja, wie?)

Hier also meine Gedanken und Überlegungen zu dem „Fall“:

Ganz vorneweg bin ich in Sorge, dass hier die Justiz eine Frau für ein Verhalten kriminalisiert, das die Beamten nicht wirklich gut einschätzen können. Stillen ist ein kulturell kanalisiertes Verhalten, entsprechend unterschiedlich wird es rund um die Erde, aber auch hierzulande in den unterschiedlichen Elternschaftsmilieus gehandhabt.  Einfach aus der Dauer des Stillens (zu dem Begriff gleich mehr) auf einen Missbrauch zu schliessen, ist eindeutig unzulässig. Denn:

  • für das 7-jährige Kind ist die Brust nicht sexuell konnotiert, dasselbe ist für die Mutter anzunehmen, das Stillen ist hier bis zum Beweis des Gegenteils als ein  gewohnheitsmäßiges Beziehungsritual anzusehen. Ich selber kenne keinen Fall, in der eine Mutter sich mit ihrer Brust in sexueller Absicht über ihr präpubertäres Kind hermacht. Insofern wird es interessant sein, wie das Gericht eine mögliche Schädigung des Kindes begründen wird.
  • wie viel Milch beim Stillen übertragen wird, dürfte weder dem Vater noch dem Richter bekannt sein. Die Übergänge zwischen einer laktierenden und einer nicht laktierenden Brust sind fliessend, und bei regelmäßigem Anlegen ist anzunehmen, dass nach wie vor eine Laktation stattfindet, wenn auch in geringem Ausmaß. Stillen hat immer auch eine nicht-nutritive Funktion, hier sind sich alle Experten einig, und selbst wenn letztere in diesem Fall im Vordergrund steht, spricht das nicht per se für ein pathologisches Verhältnis.
  • aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung fällt das Alter des Kindes weder aus dem evolutionsbiologisch plausiblen noch aus dem in unterschiedlichen Kulturen beschriebenen Rahmen (Näheres und Literaturangaben hierzu in meinem Buch: Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt, Kösel 2015. Siehe auch meine Zusammenfassung hier: http://kinderverstehen.de/images/Langzeitstillen_140210.pdf, sowie: Nelson et al, Pediatrics, 2000, http://pediatrics.aappublications.org/content/pediatrics/105/6/e75.full.pdf), hier ein Auszug aus diesem Fachartikel, der das Stillverhalten in 35 traditionellen Gesellschaften untersucht:

Most of the societies (14/35) wean their infants at 2 to 3 years of age, and in 12 societies, the children are older than 3 years of age, eg, Amdaman women never wean their infants as long as they are able to suckle them. In Korea, mothers wean their infants normally at 2 or 3 years of age, but when there are no younger children, they suckle their children until they are 7 or 8 years old, sometimes even to 10 or 12.

  • die kinderärztlichen Fachgesellschaften definieren die normale Stilldauer als „individuelle Entscheidung, die gemeinsam von Mutter und Kind getroffen wird“ (auch aus diesem Grund erscheint mir die Rolle des Vaters in diesem Fall bedenkenswert, er ist seit den 1950er Jahren auch in Bezug auf die Stillentscheidung nicht Vormund der Frau, es erscheint seltsam, wenn er dann  von der Justiz als solcher behandelt wird, aber das nur am Rande).

Ich bin über diesen Fall einigermaßen schockiert, aus mehreren Gründen:

Der erste ist ein persönlicher: als junger Kinderarzt in den USA war ich in einen Fall involviert, in dem eine arabischstämmige Großmutter wegen sexuellen Missbrauchs ihres Enkels tatsächlich in Haft genommen wurde – sie hatte den Penis des Neugeborenen geküsst (in ihrem Kulturraum ein normales Verhalten bzw. Ritual). Das hat mich gelehrt: wir müssen vorsichtig sein, wenn wir „sittliche“ Urteile fällen. Und ganz zentral nicht die Verletzung kultureller Normen, sondern eine mögliche Schädigung des Kindes in den Mittelpunkt unserer Bewertungen stellen: wird dieses Kind durch diese Stillbeziehung geschädigt?

Der zweite Grund betrifft die in meinen Augen unzureichende Begründung: die Auffassung, dass hier ein  Missbrauch vorliege, wird hier ja tatsächlich aus normativen Vorstellungen abgeleitet („normale“ Stilldauer), deren Hintergrund die Richter weder  kennen noch kennen können. Dasselbe gilt für die Einschätzung der Laktation, die letzten Endes fachlich fragwürdig vorgenommen wird („keine Milch mehr, warum still sie dann…?“).

Ich hoffe und würde mir wünschen, dass in diesem Fall mehr Fachpersonen um Rat gefragt werden, etwa die Berufsverbände der Stillberaterinnen, die mit solchen Fragen vertraut sind. So wie es ist, habe ich ein sehr ungutes Gefühl (auch übrigens wegen der Berichterstattung der Pressemeldung, die im Grunde keine Meldung ist, sondern in Stil, Wortwahl und Duktus eine Verurteilung darstellt).

 

Und dem kann jetzt gar nicht mehr hinzufügen, ich bin echt gespannt, wie das jetzt weitergeht. Wird der Mutter jetzt ihr Kind wegen „Schändung“ weggenommen? Wie empfindet das Kind, was geht in ihm vor?