Wissenschaft konkret

Da wir es zuletzt von der Rolle der Wissenschaft (bezogen auf Beziehungsfragen) hatten, kam die folgende Anfrage einer Stillberaterin eigentlich zur rechten Zeit:

 ”Heute wende ich mich mit einer fachlichen Frage an Sie und hoffe, dass Sie trotz Ihres sicher voll angefüllten Alltags… (usw.)

Ich habe derzeit eine Anfrage einer Mutter vorliegen, deren Kind wegen Invagination in der Klinik liegt. Von den Kinderärzten dort erhielt sie die Information, dass sie sofort abstillen müsste, weil die Muttermilch so “stopft” und weil angeblich gestillte Kinder ein höheres Risiko für diese Komplikation aufweisen.

Tatsächlich ist es uns gelungen, im Netz mit etwas Suche eine (ziemlich alte) Studie zu finden, die diese Aussage offenbar bestätigt. Wie würden Sie das sehen, kann man die Aussage so stehen lassen? Würden auch Sie der Mutter zum Abstillen raten? Welche Überlegungen könnte ich weitergeben?”

Man muss sich das jetzt einmal konkret vorstellen: eine Mutter kommt mit ihrem gestillten Baby in einer medizinischen und emotionalen Notlage in die Klinik: der Darm des Babys hat sich an einer Stelle teleskopartig eingestülpt (eine solche Invagination kommt bei etwa einem von 1000 Säuglingen vor). Das Baby wird behandelt (dazu reicht in der Regel ein bestimmter Einlauf aus), und der Mutter dann empfohlen ihr Baby nicht mehr zu stillen – weil das die mögliche Ursache des Notfalls sei.

Gut, wenn eine solch gravierende Empfehlung nicht aus dem Bauch heraus gegeben wird, sondern aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse, oder?

Und da sind wir mitten im Thema -  und das heisst für mich: ist “Wissenschaft” nicht vielleicht komplizierter als wir uns das wünschen? Mit anderen Worten: wo und wie kann uns die Wissenschaft in der Beratung der Eltern unterstützen, und wo kommt sie uns dabei möglicherweise in die Quere?

Schauen wir uns den Fall also einmal genauer an – ich gebe der Einfachheit halber meine Antwort auf die obige Anfrage wieder:

“Es handelt sich bei dieser Studie um eine Fall-Kontroll-Studie. Diese Art von Studien sind dafür geeignet um Hypothesen aufzustellen, sie sind aber nicht geeignet um Praxisempfehlungen abzusichern (weil es bei dieser Studien-Methode nicht möglich ist, Fremdeffekte oder Verzerrungen [bias] verlässlich herauszuhalten, handelt sich um eine im wissenschaftlichen Sinne niedrige Evidenzstufe). Die Studie zeigt eine signifikante Assoziation (also statistische Verknüpfung) von “voll gestillt werden” und Invaginationsrisiko (für das teilweise Stillen ist die Aussage unsicher, da der Zusammenhang hier nicht signifikant ist – also möglicherweise zufällig ist).

Ob die beobachtete Verbindung ursächlich ist (also tatsächlich auf das Stillen zurückzuführen ist), kann aus der Studie nicht abgeleitet werden, und zwar deshalb nicht, weil mit dem Stillen möglicherweise noch andere Einflüsse verbunden sind, die ihrerseits für das erhöhte Risiko verantwortlich sein können.

Nur um dazu ein – rein hypothetisches – Beispiel zu nennen: es könnte sein, dass Frauen, die ihre Kinder stillen,  überzufällig häufig auch viel Kaffee trinken, und vielleicht das Koffein die ursächliche Einflussgröße ist (wie gesagt, eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung). Oder, umgekehrt, könnte es sein, dass unter den nicht-stillenden Frauen mehr Raucherinnen sind, und dass Nikotin möglicherweise einen schützenden Effekt hat – und aus diesem Grund dann auf der Seite der Stillenden ein relativ erhöhtes Risiko registriert wird (auch das natürlich eine völlig willkürliche, lediglich zur Veranschaulichung getroffene Annahme).

Es könnte aber auch sein (ein Effekt, der als “reverse causation” bekannt ist, also umgekehrte Verursachung), dass Mütter, deren Kinder zu Verstopfung neigen (und aus DIESEM Grund vielleicht ein höheres Invaginations-Risiko haben), ihre Babys eher ausschliesslich stillen, einfach weil da der Stuhlgang weniger problematisch ist. Dann wäre das statistisch gesehene erhöhte Risiko ebenfalls nicht dem Stillen zuzuschreiben – obwohl das Studienergebnis genau dies suggeriert. (Die Frage der reverse causation plagt zum Beispiel auch die Allergie-Forschung, weil Mütter mit Risiko-Kindern sich öfter dazu entscheiden, länger ausschliesslich zu stillen, weil sie sich davon einen Schutzeffekt versprechen. Wenn das Baby nun eine Neurodermitis entwickelt: liegt das nun an seinem schon von Anfang an erhöhten Allergie-Risiko, oder liegt es am Stillen?)

Diese Beispiele sollen nur zeigen, warum Fall-Kontroll-Studien nicht verwendet werden können um Praxisempfehlungen zu geben, und weshalb sie sehr vorsichtig zu interpretieren sind. Bei einer solchen vorsichtigen Interpretation (sie gilt übrigens auch für Kohortenstudien) bezieht man dann weitere Überlegungen ein, wie zum Beipiel: ist der beobachtete Zusammenhang denn biologisch plausibel? Und das muss man in Bezug auf das Stillen eher verneinen. Denn: Muttermilch sorgt eher für einen leichter abzusetzenden Stuhl (die Behauptung, dass Muttermilch generell “stopft” entspricht also keiner objektiven Beratung).

Ein sehr schwer wiegendes Problem von Fall-Kontroll-Studien ist übrigens auch das (es plagt vor allem die Forschung zum Plötzlichen Kindstod): der Rücklauf der Fragebögen ist zwischen den “Fällen” und den Kontrollen oft sehr unterschiedlich. Die “Fälle” und die ihnen zugeordneten Kontrollen bekommen ja jeweils einen Fragebogen vorgelegt oder zugeschickt, in dem die jeweiligen Expositionen bzw. mögliche Einflussfaktoren abgefragt werden. Meist antworten da dann um die 80-100% bei den “Fällen” – dagegen nur 40-60% bei den “Kontrollen” (das ist nicht verwunderlich, denn zur “Kontrolle” wird man benannt, weil man sein Baby in derselben Klinik zur Welt gebracht hat und dieses gleich alt ist und das gleiche Geschlecht hat wie das “Fall-Baby”, mit dem es  verglichen werden soll). Dieser unterschiedliche Rücklauf allein kann schon eine Verzerrung in die Ergebnisse tragen – einfach weil sich diejenigen Familien, die eher mal auf einen zugeschickten Fragebogen antworten, von denen die dies nicht tun, möglicherweise in wichtigen Einflussfaktoren unterscheiden.

Das sind nun alles Details, aber sie zeigen, wie schwierig die Interpretation von “Studien” ist…

Denn es ist wirklich zu bedauern, dass sich Ärzte und auch anderes Fachpersonal  in ihren Empfehlungen oft auf Studien beziehen, die eigentlich gar nicht die Beweiskraft haben, um die persönlichen Empfehlungen abzusichern. Sie gelten dann aber bei den Eltern als “wissenschaftliche” Begründung. Das ist keine böse Absicht, vielmehr ist die Unsicherheit bei den Ärzten in Bezug auf die Interpretation wissenschaftlicher Studien groß – auch wenn sie es manchmal nicht zugeben. Auch das ist nicht die Schuld der Ärzte, sondern ein Missverständnis – Patienten nehmen oft an, dass Ärzte automatisch auch Wissenschaftler seien. Aber das stimmt so ja nicht: Ärzte können eine wissenschaftliche Karriere einschlagen, aber von ihrer primären Ausbildung her sind sie genauso wenig Wissenschaftler wie Lehrer Wissenschaftler sind (Ärzte haben möglicherweise eine Dissertation geschrieben, aber das ist per se keine wissenschaftliche Ausbildung, so wie eine Master-Arbeit per se keine wissenschaftliche Ausbildung beinhaltet.). Tatsache ist, dass sich die meisten Ärzte mit der Interpretation von Studien genauso schwer tun wie andere Fachberufe im Gesundheitswesen auch (nur wird den Ärzten eben seit alters auch die Rolle zugeschrieben, dass sie die Welt verstehen, den Körper und die Seele auch, und darüberhinaus auch generell gute Menschen sind).

Und dazu kommt noch ein weiteres gewaltiges Missverständnis: Studien sind Studien, das heisst, der Versuch die Realität besser zu verstehen. Sie sind nicht “Wahrheit” oder in Zahlen gegossene Weisheit. Aber genau als das werden sie von Laien (und auch Fachleuten) oft angesehen. Kein Autofahrer würde über eine Brücke fahren, die als “Studie” ausgewiesen ist, und kein Bauherr würde in ein Haus einziehen, das von dessen Architekt als “Studie” bezeichnet wird. Aber wir wollen “Studien” entscheiden lassen, wie wir unsere Kinder behandeln? Wir müssen da sehr viel kritischer und auch bescheidener werden. Es sollte uns dabei durchaus zu denken geben, dass selbst Arzneimittel-Studien, bei denen Einflussfaktoren systematisch ausgeschaltet werden (unter anderem indem die Probanden per Zufall auf Plazebo- und Verumgruppen verteilt werden) nicht selten widersprüchliche Ergebnisse erbringen.

Insofern wundert es – um wieder auf die Invagination zurückzukommen – nicht, dass eine andere Studie (auch eine Fall-Kontroll-Studie, und deshalb für Fragen der Praxis genauso wenig verlässlich) zu einem anderen Ergebnis kommt: in der Studie von Johnson 2010 sind es die Kinder mit kuhmilchbasierter Kunstmilch, die ein höheres Risiko für Invagination aufweisen (im Vergleich zu denen haben in dieser Studie die gestillten Kinder ein geringeres Risiko).

In dieser Studie von Johnson haben übrigens Kinder mit Soja-Milch ein geringeres Risiko. Und wenn Sie jetzt sagen; das ist aber beileibe kein Grund, nun den Müttern zu empfehlen, auf Soja-Milch umzusteigen – dann haben Sie mich verstanden.”

 

So, Ende meiner Antwort auf diese Studienfrage. Heisst das jetzt, dass “Wissenschaft” nichts bringt? Das will ich nicht sagen, in Fragen der medizinischen Behandlung kann sie viel Unfug verhindern. Aber ich will das sagen: man muss wissen, mit welchem Instrument man arbeitet. Wer meint, mit dem könne man mal einfach so rumhantieren, kann auch Schaden anrichten. Wie in diesem Fall. Da tut einem einfach das Baby und die Mutter leid.

Babyschlaf und Ferbern

In der neuen ELTERN ist wohl gerade ein Interview mit Frau Kast-Zahn (Autorin von “Jedes Kind kann…”) zum Thema “Schlaflern-Programme” erschienen. Und da will ich jetzt mal unter diesem irrsinnigen Thema hervorkriegen, das mich gerade 24 Stunden am Tag beschäftigt (Bildung und Macht – wer entscheidet eigentlich was für Kinder die richtige Bildung ist?) und mal zum Babyschlaf einen Kommentar abgeben.

Wie ich höre, wird über den Artikel einiges diskutiert. Und ich finde, man merkt dem Blog-Eintrag der ELTERN-Journalistin Nora Imlau (die das Interview geführt hat und übrigens ein tolles Buch über den liebevollen Umgang mit Babys geschrieben hat) ein bisschen an, dass sie meint, sich jetzt post hoc rechtfertigen zu müssen… Das muss sie ganz gewiss nicht, sie ist ja die Fragestellerin und kann als Journalistin das nicht munter als Streitgespräch aufziehen. Das längere und damit gewichtigere Wort fällt in einem Interview nun einmal der oder dem Befragten zu…

Und ich will hier auch gar nicht auf die verschiedenen Positionen eingehen, ich habe meine Position zum Thema Ferbern in “Kinder verstehen” und den “Menschenkindern” aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung begründet – und würde heute eher noch eindringlicher vor der Ferber-Methode warnen als ich das vor 5 Jahren getan habe.

Hier interessiert mich etwas anderes – die Diskussion um die Rolle der Wissenschaft. Da gebe ich Frau Imlau absolut Recht: wir können nicht von der Wissenschaft erwarten, dass sie uns sagt, ob die Ferber-Methode nun gut ist oder schlecht. Wie wir mit Babys umgehen, ja, wie wir generell unsere Beziehungen gestalten, ist eine Frage unseres Menschenbildes, das können wir nicht an die Wissenschaft delegieren. Es ist auch methodisch sehr schwierig (wenn auch nicht unmöglich, wie etwa die Studie von Anisfeld zum Thema Tragen zeigt), Aussagen über die Langzeitwirkungen von Pflege- oder Erziehungsmaßnahmen zu treffen, weil unsere subjektiven Erwartungen und Voraussetzungen nun einmal nicht “wegverblindet” werden können, und eine Zuteilung per Zufall auch nicht möglich ist (Babys, die Montags geboren werden bekommen ein Schlaflernprogramm, die Dienstags geborenen keines…). Also ja, eindeutig: wir können das Thema “Ferbern” wissenschaftlich nicht lösen. (Und deshalb ist die Abwesenheit von Hinweisen auf schädigende Auswirkungen der Ferber-Methode eben auch KEIN wissenschaftlicher Beweis für deren Unschädlichkeit…)

Umso mehr ärgert es mich, dass jetzt gerade eine Frau Zast-Kahn sich auf “Studien” beruft, nach denen dem Ferbern keine negativen Langzeitwirkungen beschieden werden – gerade Frau Kast-Zahn, die sich in ihrem Buch “Jedes Kind kann…” in für mich unredlicher Weise hinter “der Wissenschaft” versteckt. Und das bei der wohl zentralsten Frage des ganzen Buches – bei der Frage nämlich, warum eigentlich ein Baby nicht einfach bei seinen Eltern im Bett einschlafen sollte, schließlich haben die Babys da (wie Frau Kast-Zahn selbst konstatiert) keine Einschlafprobleme. Mit dieser Frage (bei der ja immerhin auch die Frage mitschwingt, ob es sich bei den Schlaf”störungen” der Kleinen nicht um ein selbst gemachtes Problem handelt und man sich den ganzen Ferber-Zirkus nicht eigentlich sparen könnte…), geht sie so um:

“Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, wenn Sicherheitsexperten nicht warnen würden: Im Elternbett steigt das Risiko, dass das Baby überhitzt wird.”

Da schickt sie also die “Sicherheitsexperten” ins Feld. Obwohl ihr durchaus klar sein muss, dass sich die “Experten” rund um den Babyschlaf in dieser Frage eben NICHT einig sind. Weder die SIDS- noch die Schlafforschung bezieht ja eine einheitliche Position für oder gegen das gemeinsame Elternbett, ja, nicht einmal das Lager der Schlafprogramm-Befürworter ist sich in dieser Frage einig, denn Richard Ferber spricht sich heute ja durchaus für das Co-sleeping als Alternative aus. (“What ever you want to do, whatever you feel comfortable doing, is the right thing to do, as long as it works.” – das wäre übrigens auch ein gutes Zitat zum Kommentieren für Frau Kast-Zahn gewesen…)

Dass sich Frau Kast-Zahn also jetzt wieder so bequem hinter den Aussagen “der Wissenschaft” zum Thema Schlaflernprogramme verstecken kann, und einfach mal von der Leber weg suggeriert, die Ferber-Methode sei in Ordnung, weil “die Experten” ja keine Langzeitschäden erkennen können – dann ist das in der Tat bedauerlich.

Und genau deshalb will ich hier kurz auf diese “Wissenschaft” eingehen (keine Sorge, ich habe deshalb jetzt nicht auf die Mittagspause verzichtet, ich habe mich nämlich vor etwa einem halben Jahr mit einer der auch in Nora Imlaus Blog angesprochenen Studien recht intensiv auseinandergesetzt).

Da hatte mich nämlich Sibylle Lüpold (die Autorin von “Ich will bei Euch schlafen” – auch so ein tolles Buch!) das hier gefragt:

Lieber Herbert

Was hälst Du davon:

http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2012/09/04/peds.2011-3467.full.pdf+html

Herzliche Grüsse,

Sibylle

Und das dann von Sibylle hinterher:

Mich “belastet” (diese Studie) insofern, als meine “Anti-Ferber-Broschüre” nun endlich auch auf spanisch und englisch übersetzt wurde, und die Frau, die meine spanische Übersetzung korrigiert hat, mich darauf hinwies, dass ich den Satz: “Es gibt bisher keine prospektive kontrollierte Studie über die möglichen Nebenwirkungen der Ferbermethode. Eine solche durchzuführen, wäre aus ethischen Motiven nicht zulässig.” streichen müsste, wegen der Studie von Price/Hiscock.

Was meinst Du?

Und das dann meine Antwort:

nö, dies ist keine “kontrollierte” Studie, dieser Begriff ist eigentlich Studien vorbehalten, in denen “die Ergebnisse in der Studiengruppe mit denen der Kontrollgruppe ohne Intervention oder einer Kontrollintervention verglichen werden. Die Kontrollintervention ist entweder die bisher wirksamste Maßnahme oder eine Scheinintervention”.

Dies hier ist weder ein Vergleich mit einer Scheinintervention noch mit der bisher wirksamsten Maßnahme, sondern ein Vergleich mit einer nicht näher definierten, also unbekannten Intervention. Ein kontrollierter, randomisierter Vergleich zwischen der Ferber-Methode und “no intervention” ist in der Tat ethisch nicht durchführbar, da dann Eltern per Zufall zu einer Methode zugeteilt werden würden, die ihrer eigenen ethischen Grundhaltung möglicherweise widerspricht.

Und das dann von mir hinterher zur genaueren Erklärung:

Liebe Sibylle,

hab mir das gleich angeschaut, kann mir ja vorstellen, dass dich das quält …

Du, das ist eine ziemlich problematische Studie. Es ist eine Studie von australischen Familien, die unter “Schlafproblemen” ihrer Babys leiden (Voraussetzung zur Teilnahme ist eine positive Antwort auf die Frage: “over the last 2 weeks, has your baby´s sleep generally been a problem for you?”). Die Familien mit positiver Antwort wurden dann eingeladen, sich an einem lokalen Beratungszentrum bezüglich der bestehenden Schlafproblematik von Krankenschwestern beraten zu lassen: An einem (zufällig ausgewählten) Teil dieser Beratungszentren bekamen die Eltern eine standardisierte Schlaf-Beratung, in der ihnen zwei verschiedene Schlaflern-Methoden vorgestellt wurden (die eine “controlled comforting”, die andere “camping out”). Auch im anderen Teil der Beratungszentren wurden die Eltern bezüglich der Schlafprobleme beraten – jedoch nicht nach dem vorgegebenen und entsprechend trainierten Standard-Protokoll, sondern “frei”, eben wie dort üblich. Dann wurden die Kinder (und deren Eltern) im Alter von 6 Jahren nach-untersucht und die Familien der beiden “cluster” (also die der speziell auf die Beratung trainierten Beratungszentren versus die der “frei” beratenden Zentren) in Bezug auf diverse psychologische Outcomes verglichen. Ergebnis: kein Unterschied.

Das Design (cluster randomisierung) ist sehr sexy (deshalb ist die Studie in Pediatrics reingekommen), wir haben das gleiche Modell in unserer Kindergarten-Studie angewandt. Auch die Adjustierung (Raushalten von Fremdeinflüssen, wie etwa sozioökonomischer Stress) ist recht ordentlich. Trotzdem ist der Bias (Verzerrung des Ergebnisses durch fehlende oder unsauber erhobene Daten) eklatant, und deshalb hätte dem Paper eigentlich von den Reviewern ein ganz anderer Zuschnitt und Diskussion aufgezwungen werden müssen (veröffentlicht wird so was schon wegen des interessanten Studien-Designs sowieso).

Zum Bias: Das, was als methodischer Vorteil verkauft wird, ist in Wirklichkeit ein echtes Problem: “All retained participants were analyzed in the groups to which they were randomized, applying the intention-to-treat principle.” Das heisst im Klartext: die Forscher wissen nicht, was mit den Babys zuhause wirklich geschehen ist (de facto treatment), ja, sie wissen nicht einmal, wer welche Beratung bekommen hat (für die frei beratenden Zentren ist dies unbekannt). Das ist deshalb problematisch, weil die Teilnehmer in beiden Armen ja das gleiche Problem hatten (subjektive Schlaf”störungen”) – es ist also durchaus möglich, dass die Kontrollgruppe (also die Familien in den “frei beratenden” Zentren) eine ähnliche (möglicherweise sogar eine noch rigorosere?) Beratung erfahren haben – schliesslich sind die Ferber-Derivate auch in Australien längst mainstream und diese Methoden dürften sich auch in den Beratungszentren rumgesprochen haben. Aber auch in der “Standard”-Gruppe (also bei denen, die tatsächlich Informationen zu einem Schlaflern-Programm bekommen haben) ist nicht bekannt, welche der beiden Methoden – “camping out” oder “controlled comforting”) die Eltern durchgeführt haben (in der Analyse wurden beide als “Schlaflern-Programme” zusammengefasst, womöglich weil sonst nicht genug statistische Aussagekraft zusammengekommen wäre). Das ist deshalb problematisch, weil die Methoden sehr unterschiedlich sind – “camping out” ist allenfalls eine Kuschelversion von “controlled comforting”). Matter of fact ist also: Man weiss nicht, welche “Behandlungen” hier wirklich verglichen werden. Gemessen und dokumentiert wurde das zumindest im Kontrollarm (“freie” Beratung) nämlich nicht (wir haben hier tatsächlich eine hochrangig publizierte Interventionsstudie, in der es keine Prozessevaluation gibt!!!) Dabei wäre für die Interpretation ganz entscheidend zu wissen: was haben die denn zuhause wirklich gemacht? Handelt es sich bei den Kontrollgruppen vielleicht um Familien, die ihre Kinder zu sich ins Bett genommen haben? Oder um Familien, die ihre Kinder dann auch irgendwie “controlled gecomfortet” haben? Oder haben die in den Kontrollzentren vielleicht noch einen drauf gelegt und “richtig” geferbert? Und was haben die Eltern in der Interventionsgruppe denn gemacht: mehrheitlich “camping out” oder “controlled comforting”?) Aus methodischer Sicht ist das fatal: man macht einen intention-to-treat-Vergleich – wobei die Inhalte der Beratung für einen kompletten Vergleichsarm gar nicht bekannt sind, und die tatsächlich durchgeführten Interventionen gar für beide Arme unbekannt bleiben!!!

Das macht die Übertragbarkeit praktisch unmöglich. Denn wenn man als Eltern die Aussage hört: Schlaf-Verhaltensprogramme haben keine negativen Auswirkungen – dann will ich als Vater oder Mutter doch wissen: verglichen mit was? Und: WELCHE Schlaf-Verhaltensprogramme genau?

Für mich ist das also eine problematische Studie von Leuten, die sich zudem als klare Verfechter der angewendeten Schlaf-Verhaltensprogramme outen (“Furthermore, teaching parents to regulate their children´s sleep behavior is a form of limit setting that, combined with parental warmth, constitutes the optimal, authoritative, parenting style for child outcomes.”)

Auch ist die introduction und discussion im Grunde “marketing”. Denn angeblich (und im logischen Widerspruch zu dem selbst vorgebrachten Argument in der Einleitung: “Interestingly, this debate is largely framed around possible harms rather than the potential for lasting benefits.”…) ist die Grundhypothese des Papers ja die, dass es bei der Behandlung von Baby-Schlafproblemen keine Unterschiede geben sollte in : (1) child emotional and conduct behavior (primary outcomes), sleep, psychosocial health-related quality of life, and diurnal cortisol as a marker of stress; 2)child-parent relationship, disinhibited attachment; or (3) maternal mental health or parenting styles.

Aber ist das denn wirklich eine für diese Diskussion stimmige Annahme? Die Autoren selbst schreiben ja von “potential for lasting benefits” und gehen in der Einleitung sogar noch weiter: “it is entirely possible that benefits to maternal mental health may extend beyond the medium-term already demonstrated”… Und in der Tat muss man sich als Leser doch fragen: da wird eine angeblich maßgeschneiderte Intervention durchgeführt, die laut vorheriger Analysen auch tatsächlich effektiv ist, also ihr Ziel erreicht: dass die Kinder besser schlafen und die Familien weniger gestresst und deprimiert sind. Jetzt, wo es um die Frage der psachologischen Langzeit-Auswirkungen geht, würde man da doch erwarten, dass die Null-Hypothese der Autoren die ist: dass davon dann auch langfristige Vorteile übrig bleiben. Aber davon ist jetzt nicht mehr die Rede. Die Null-Hypothese lautet vielmehr: no harm. Jetzt auf einmal, wo die Entwickler dieser Intervention ihre 6-Jahres-Nachuntersuchung machen, soll es zur positiven Bewertung des Programmes ausreichen, dass kein Schaden angerichtet wird? Das muss doch dann auch in der Diskussion irgendwie als Problem diskutiert werden: man rackert und rödelt, um den Familien mit einem speziellen Programm zu helfen – und dann stehen die nachher genau gleich da wie die, für die man eben nicht speziell geackert und gerödelt hat. Man müsste diese Frage zumindest diskutieren.

Das ist also eine dieser “Studien”, die eine Objektivität behaupten, die sie nicht haben (und aus methodischen Gründen auch nicht haben können).Aber gottseidank glauben im wissenschafltichen Diskurs sowieso nur diejenigen an die Ergebnisse, die auch die Grundannahmen der Forscher teilen…

Habs gut gell!

H

Okay, das ist jetzt sehr lang geworden, und man muss auch nicht alles lesen, denn, das kann ich (auch mir selbst) nicht oft genug sagen: es geht bei diesen Fragen im Grunde nicht um irgendwelche Experimente oder sonstige Studien, es geht um die Gestaltung von Beziehungen. Wenn ein Rostocker Schlaf-Forscher davor warnt (wie kürzlich geschehen), die Babys in den Schlaf zu singen (Begründung: sie gewöhnen sich daran und werden von der Anwesenheit des oder der Singenden abhängig), dann darf er das sagen – und von mir aus auch “wissenschaftlich” begründen.

Und andere dürfen darüber von Herzen lachen (oder weinen). Wie gesagt, wie wir miteinander leben wollen, das wollen und dürfen wir selbst entscheiden. Es macht ja auch niemand einen Bio-Bauernhof auf, nur weil die Wissenschaft festgestellt hat, das sei besser. Und wir geben unsere Kinder auch nicht in Krippen (oder betreuen sie zuhause), weil irgendein wissenschaftliches Institut das gut findet (oder aber schlecht). Wer sein Leben selbst gestalten will, muss selbst denken. Und die Anregungen dazu werden heute ja nicht unter dem Ladentisch gehandelt. Das schreiben sich Leute wie Nora Imlau, Sibylle Lüpold und auch ich die Seele aus den Fingern. Und Frau Kast-Zahn natürlich auch. Wem ihr Bild gefällt vom Umgang mit einem Baby, wird das nicht deshalb schrecklich finden, weil ein Renz-Polster dagegen ist. Unser Menschenbild hat etwas mit unserer eigenen Beziehungsbiographie zu tun und damit, wie wir gerade im Leben aufgestellt sind. Wer glaubt, das sei ein Resultat der besseren Argumente, macht sich zu viel Druck oder nimmt sich zu wichtig. Und wer im Jahr 2014 sein Baby nicht mehr in den Schlaf singt, weil das ein Rostocker “Schlaf-Experte” empfiehlt, hat einfach ein Problem, das auch wir nicht lösen können.

No news is good news …

… sagt man ja so, aber in einem Blog: ziemlich inakzeptabel! Hier also jetzt mal ein Lebenszeichen.

Also was hat sich an der Wiege von WKHW getan? BELTZ hat eine nette Taufe organisiert im Babylon in Berlin, ein altes Kino am Rosa Luxemburg Platz. Der Saal war zwar viel zu groß für die überschaubare Festgemeinde, aber wir hatten einen bunten Abend, durchaus mit Kontroversen (unter anderem über die Frage, wann denn nun endlich die große Reform unseres Bildungswesens kommt, da ist Gerald Hüther eher optimistisch, ich eher pessimistisch…).

Dann gabs die ersten Rezensionen und Interviews. Ganz interessant deshalb, weil mir die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung immerhin eine Seite gab, und das Gespräch auch wirklich ziemlich an die Wurzel ging. Wer das Interview lesen will:

http://kinder-verstehen.de/images/F.A.S._vom_22.09.13_7_Ausschn.jpg

Zuvor hatte schon ZEIT online ein Interview gebracht, etwas breiter angelegt: http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2013-09/renz-polster-natur-kind

Und gestern meldete sich dann Deutschlandradio Kultur zu WKHW: “Dieses Buch hat viel von einer Sommerwiese, bunt, vielfältig und voller Leben.” Die Rezensentin gab mir dann noch einen Tipp mit auf den Weg: “Etwas mehr Stringenz und weniger Plauderton hätte den Hautkapiteln nicht geschadet. Gerald Hüther macht vor, wie das geht.” Na gut, immerhin bunt und voller Leben.

Von der Redaktion des für einen bedürfnisorientierte Umgang mit Kindern eintretenden Magazins “für uns” (dahinter steht die Stiftungsinitiative fuerkinder.org) gab es dagegen einen sauberen Verriss, die Blümlein auf der Sommerwiese sind da weder mit Dünger noch mit Gießen zu retten. Das Buch schildere zu wenig die Rolle und Bedeutung der Eltern für die Entwicklung der Kinder und sei deshalb ein “Kompromiss mit dem Mainstream”. Echte Selbstwirksamkeit sei für ein Kind nur außerhalb der KiTas zu erleben, denn das koste nun einmal Zeit, “die die Erwerbstätigkeit nicht hergibt.” Auch mit einer Rezension kann man ja mal seinen Punkt rüberbringen, wenn der Druck entsprechend hoch ist.

Und dann war ich mit dem Buch-Thema auch ganz gut unterwegs auf den verschiedensten Veranstaltungen. Gut in Erinnerung ist mir unter anderem ein Vortrag vor Pädagogik-Studentinnen und -studenten an der PH Linz, der vom dortigen Bildungsfernsehen aufgezeichnet wurde, hier der Vortrag auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=9x0hMZsMZqk

Ich glaube man merkt, dass mir das Freude macht. Und so soll es auch weitergehen. (-:

Ouuups, eine Zwillingsgeburt !!!!!

Jetzt haben sich da doch einige Menschen über dieses schön eingewickelte Bündel gebeugt, es untersucht, begutachtet – darunter examinierte Hebammen, Kinderärzte und sogar Großmütter. Ihnen ist trotzdem etwas ganz Entscheidendes entgangen. WKHW ist nämlich in Wirklichkeit…

… eine Zwillingsgeburt !!!

Und ich frage mich seither vor allem das: wie konnte das passieren, auf dem heutigen Stand der Technik? Wo es doch Ultraschall gibt – das sollte doch eigentlich jedes Versteck im Mutterleib erreichen! Aber nein, jetzt haben wir wieder den Salat. Wie zu Zeiten des Hörrohres selig.

Wie im Jahre 1960. Eine schwangere Frau namens Irene (mit 33 Jahren gehört sie schon zu den älteren Müttern) kommt zu ihrer letzten ärztlichen Untersuchung, drei Wochen vor der Geburt. Bei der Untersuchung davor: alles gut, alles in Ordnung, Frau Renz! Und jetzt also die Nachricht: Sie haben Zwillinge!! Welche Freude…

Die da dann drei Wochen später aus ihrer Zwangshaltung befreit werden, heißen: Ulrich (der Erstgeborene) und Herbert. Gleich schwer, gleich lang, gleiches Gesicht (Beweisphotos 1, siehe unten)

Aber natürlich ist das nicht die Zwillingsgeburt, von der hier zu reden ist. Die nämlich geht so: am 9.9.2013, dem Erscheinungstermin von WKHW, erschien noch ein zweites Buch, aus der Feder eines gewissen Ulrich Renz, ehemaliger Mitbewohner auf engstem Raum. Bestimmt der, der sich so lange versteckt gehalten hat. Er muss das damals als sehr anstrengend empfunden haben, denn der Titel seines Buches heisst:

Die Tyrannei der Arbeit – wie wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen.

Ein Buch über den Stoff, aus dem moderne Gesellschaften sind: Arbeit. Der “Lebenslauf” von uns Heutigen ist ja in Wirklichkeit ein Arbeitslauf. Eine spannende, tiefgründige und erhellende Analyse – muss ich sagen, und das in intimer Kenntnis des Stoffes. Denn Ulrich und ich haben doch diese Masche: jeder liest beim anderen Korrektur. Rabiat und rücksichtlos, wie Zwilling zueinander nun einmal sind (Beweisphoto 2, siehe unten).

Beweisphoto 1

Beweisphoto 1

Beweisphoto 2

Beweisphoto 2

Erste Resonanz(en)

So also jetzt kommen sie rein, die ersten Besprechungen von WKHW.

Die erste war eine lang ausgedehnte Rezension, nämlich abends beim Kochen im Urlaub, Sterne drüber, wie man sich das so vorstellt. Mein Vorab-Exemplar war nämlich mit auf der Reise und immer wieder wurde reingelesen oder sogar vorgelesen (wir waren als Komplettfamilie unterwegs, zu 6t, also inklusive “Kinder” – 15, 20, 22, 26 J). Das ist dann schon nett – huch, wer hat denn DAS geschrieben…? Und Judith ist gleich nach dem Nachhausekommen zur Tat geschritten und hat für ihre Facebook-Kontakte eine Komplett-Besprechung gemacht, die in etwa so geht: Mein Vater hat ein Buch geschrieben, es ist richtig gut, ehrlich.

Aber da war einer in diesem Blog hier schon lange weit voraus: Ingbert Grimpe, der da dieses  schrieb. Danke! Ein Mann der Bits und Bytes nehme ich schwer an (die Spezies ist hier bekannt und beliebt und umworben… – mein Sohn Johannes studiert Informatik). Das Thema Medien, ja, da wird noch viel zu reden sein, und ich bin überzeugt, dass wir alle bei vielen unserer Einschätzungen eigentlich mehr spekulieren als sicher wissen.

Und dann das Tollste, was einem nach der Geburt von so einem Kindle passieren kann: dass die Hebamme sich übers Baby beugt und sagt: so ein süßes Bobbele aber auch! Und so ist´s geschehen! Das Lob kam von der Berliner Hebamme Jana Friedrich, die den HebammenBlog unterhält, ein, wie ich sehe, deutlich aufgeräumterer und professionellerer Laden als dieser hier… Hier ihr Beitrag – und Danke fürs Schreiben!

http://www.hebammenblog.de/buchtip-wie-kinder-heute-wachsen/

Und dann kam gestern noch ZEIT online dazu, mit einem Interview. Das ist jetzt mit “Begeisterung soll das Kind leiten” betitelt, ursprünglich war “Kinder in der Kribbelzone” angedacht, was mir besser gefallen hat. Aber gut, ich finde für die vielen Themen, die ich da über Frau Sadigh brachte, ist das ein runder, gelungener Beitrag geworden (es kann bei Interviews nämlich schon mal vorkommen, dass man einen Text bekommt, von dem man denkt, da hat ein Alien drauflos gelabert…). Also schön.

Buch-Geburtstag

So, jetzt ist es soweit.

Mein neues Buch “Wie Kinder heute wachsen” ist auf die Welt gekommen. Geburtsgewicht 706 Gramm, Länge 23 cm. Kopfumfang: 36 cm (humanes Format also). Ach ja: grüne Augen! Eine Webseite hat es auch schon, ist ja heute ein Muss: www.kinder-verstehen.de (die teilt es natürlich mit seinen Schwestern und Brüdern, wir wollen den Neuling ja nicht gleich zum Egoisten aufbauen).

Beginnen wir mit dem größten Spaß, der Zeugung. Die war an einem kalten Januartag 2012. Da bekam ich eine Mail von Gerald Hüther, er hätte Lust zu so was – ich auch? Und zwar zu einem Buch über die “Naturerfahrung des Kindes”.

Schluck. Aber warum nicht, schließlich bin ich sozusagen auf Bäumen aufgewachsen und habe schon so manches Mal darüber nachgedacht, was Kinder so in ihrer Entwicklung bewegt, Spielen und freies Gestalten draußen inklusive.

Also haben wir drauf los gemacht, ziemlich munter, denn was gibt es da nicht alles zu sagen, so naturerfahrungslos wie Kinder heute aufwachsen!

Und dann die Schwangerschaftsübelkeit, schlimme Phase. Was ist das denn überhaupt, Natur? Ist das alles, wo ein Himmel drüber ist? Wo es grün ist und ein Bächle fließt? Sind das die Orte, wo Kinder sich ihre Naturerfahrungen abholen? Und was ist dann mit dem alten Speicher bei Tante Maria – ist das Spielen dort für Kinder nicht auch super spannend – so was ähnliches wie Natur? Und was ist, wenn die Kinder ihre Spiele nicht im Wald spielen, sondern – etwa auf einer Bühne und dort tolles Theater machen, oder Zirkus? Ist das dann weniger “natürlich” und deshalb vielleicht weniger werthaltig für ihre Entwicklung?

Es war dann eigentlich die spannendste Phase für mich, über den Naturbegriff nachzudenken und danach die Konzeption des Buches auszurichten. Spannend deshalb, weil damit das Thema auf einmal auch weit hineinreichte in das, was Kinder drinnen machen, Mediengebrauch und -gestaltung inklusive. Tatsächlich ist so aus dem “Naturbuch” ein Buch geworden, in dem es viel um den Innenausbau der kindlichen Seele geht – wie sie ihre Perspektive auf die anderen Menschen entwickeln, wie sie sich Sprache aneignen, ja, wie sie überhaupt Beziehungen gestalten. Und nicht umsonst dreht sich das längste Kapitel in dem Buch um Computer, Medien und Co.

Und deshalb heisst das Buch nicht etwa: DAS GROSSE DRAUSSEN (das war durchaus auch mal auf der Liste). Sondern eben – und das ist jetzt der volle Namen unseres Kindes:

Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken.

Wer stöbern will, kann das auf vielen Pfaden tun. Da gibt es die Pressemappe, inklusive Thesen zu diesem Thema. Und auch die ersten 30 Seiten des Buches stehen online.

Drumrum wird es natürlich einige Feste geben. Eine tolle (hoffe ich doch!) Auftaktveranstaltung im Babylon in Berlin etwa, am 24.9. Und dann natürlich einiges auf der Buchmesse in Frankfurt.

Das erste Fest aber ist – so will es die Tradition – schon gelaufen, also das intime Kennenlernen, wenn einem die Hebamme dieses gut riechende Bündel in den Arm legt (die Hebamme war übrigens ein Mann, Dr. Claus Koch vom BELTZ-Verlag, der in der Endrunde ganz tapfer die Herztöne gemessen hat, ob wir das mit dem Termin denn auch ohne längere Übertragung  schaffen werden…. der übliche Stress bei heutigen Geburten halt, aber sehr lieb und stilsicher ausgeübt – Danke dafür!).

Und dann sind wir losgezogen, also meine Frau und die gerade zugange gewesenen Kinder, und sind mit dem Kanu auf den See gefahren (das ist bei uns der Bodensee). Und da das Werk lange angeschaut, Sekt dazu, und was man halt so macht.

Mein neuer Schatz

Mein neuer Schatz – frisch gedruckt

Warum mich Renz-Polster so langsam nervt

Schön, das Leben unter Bloggern! Zum einen: ich getraue mich jetzt kaum mehr in den Urlaub zu fahren, dank Ingbert Grimpe – der hilft mir nämlich mit einer Antwort auf meinen letzten Blogeintrag auf die Sprünge – ich soll mal endlich Werbung machen für mein neues Buch!

Hier seine Anregung/Aufschrei: “1. (an den schreibenden Doktor): Wenn man ein Buch schreibt und öffentlich vorstellt und wenn man ne Webseite, einen Blog und ne Facebook-Seite hat, dann wäre es ggf angebracht, dafür WERBUNG zu machen Ich tu das dann einfach mal: http://www.babylonberlin.de/literaturlive.htm#Di,_24.09.2013_-_20:00
Für mich ist Berlin jetzt ein bißchen jwd, aber angeblich sollen in der Stadt ja doch ein paar Menschen wohnen und der ein oder andere könnte ja ggf Interesse haben.”

Also, ja, Danke, aber klar doch (schweißwisch…). Und damit bin ich bei diesem Eintrag in einem anderen Blog (puddingteilchen): Warum mich Renz-Polster so langsam nervt!

http://puddingteilchenn.blogsport.de/2013/07/22/warum-mich-renz-polster-so-langsam-nervt/

Ich lese da, dass ich wohl ein neues Buch geschrieben hätte und darin – ganz offensichtlich – als Bullerbü-Romantiker auftrete. Das ist deshalb interessant: erstens ist mein neues Buch noch gar nicht erschienen, Puddingteilchen interpretiert da jetzt aber schon mal einfach was zwischen die Buchdeckel (ja, die sind grün – der Bullerbü-Verdacht erhärtet sich!). Aber wo Fantasie am Werk ist kann man niemandem was übel nehmen, in diesen heilgen Hallen eines Blogs ja schon gar nicht, zumal Puddingteilchen eigentlich ganz nett mit mir umgeht (ausserdem habe ich nun doch schon ein dickes Fell – zuletzt las ich etwa in einer Rezension, ich würde mich für das möglichst frühe Beifüttern einsetzen, danke auch, ich lerne immer wieder was Neues über mich…)

Aber Danke an Puddingteilchen, denn das ist jetzt DIE Steilvorlage um endlich dieses mein neues Buch offiziell auch hier in meinem Blog anzukündigen – UND damit Ingbert Grimpe zufrieden zu stellen, UND dann endlich in Ruhe in den Urlaub fahren zu können.

Also ganz offiziell: am 9.9. dieses Jahres erscheint mein neues Buch (ich habe es zusammen mit Gerald Hüther geschrieben):

“Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen.”

Um was es da geht? Das steht auf meiner Webseite, und zwar hier:

http://kinder-verstehen.de/wie_kinder_heute_wachsen.html

Und nur damit es alle wissen: es hat riesen Freude gemacht es zu schreiben, und manches darin wird nerven, hoffentlich!

Die Sprünge, Antwort auf @Wunschkind

Danke, Herr Grimpe – ich weiß jetzt als Neu-Blogger nicht wirklich, ob ich das nicht besser neu posten soll, weil es vielleicht für andere auch interessant ist, also… Sie haben das geschrieben:

“@Wunschkind: Ob sich “Entwicklungsschübe” (nach van de Rijt) wirklich mit einer eher wissenschaftlich untermauerten Sicht auf Kinder wirklich vertragen? Das Buch (Oje …) verkauft sich wie geschnitten Brot, aber liegt das nicht viel eher daran, dass es nahezu perfekt unser archaisches Verlangen nach Kausalität befriedigt? Ich persönlich habe eigentlich nie verstehen können, warum ein komplexes biologisches System (Kind) sich “sprunghaft” entwickeln sollte und dann auch noch nach einem ziemlich genau festgelegten Zeitplan? Ich habe bislang auch noch nicht davon gehört, dass diese Thematik mal von anderen wissenschaftlich untersucht worden wäre. Gerade wenn man zb Largos “Babyjahre” anschaut, dann sieht man ja wie groß die Spannbreite ist, in der die Entwicklung abläuft. Nicht dass ich Largo jetzt in allen Fällen zustimmen würde, aber rein vom Beobachtungsstandpunkt her, hat er halt eine relativ große Datenbasis.”

Ja, das ist eine gute Frage (meine ich jetzt, HRP…). Den “Kern” des Buches finde ich ganz gut, es geht darin viel um die Beziehungen, die wir zu den Babys unterhalten, und die Eltern werden darin bestärkt, sich auf die Bedürfnisse der seltsamen Kleinen einzulassen… Aber das mit den Sprüngen ist schon eine ziemlich wackelige Konstruktion, und sie ist ja auch nicht (anders als etwa Remo Largo´s Babyjahre, denen eine ziemlich aufwändige Längsschnittstudie über den Entwicklungsverlauf von Kindern zugrunde liegt) irgendwie wissenschaftlich im Sinne von standardidierten Beobachtungen abgesichert. Kinder wachsen möglicherweise schon in “Sprüngen” – das heisst, viele Verhaltensweisen beruhen auf Kompetenzen, die sich sozusagen eine Weile unbemerkt entwickeln, um dann eines Tages für die Eltern offensichtlich zu werden. Das Baby dreht sich “auf einmal”, sitzt “auf einmal” frei, läuft auf einmal – die dazu nötigen Kompetenzen haben sich aber sozusagen unter der Oberfläche schon lange nach und nach aufgebaut. Aber dass die Entwicklungssprünge, egal auf welcher Ebene, bei allen Kindern einheitlich wären, ist natürlich eine putzige Behauptung, dafür ist die Varianz der Entwicklung viel zu groß (siehe Remo Largos Babyjahre…). Der Korridor, in dem sich Kinder entwickeln ist sogar so breit, dass die meisten Kinder auf mindestens einer der Entwicklungsebenen – ob motorisch, sprachlich, sozial, emotional usw. – den anderne Kindern im ersten Lebensjahr gut und gerne mal ein Viertel ihres Lebensalters voraus oder aber hinterher sind. Schon das führt zu einem heillosen Durcheinander beim “Springen”… Zudem: Mädchen entwickeln sich anders als Jungs, Kinder mit mehr Temperament anders als solche mit weniger stramm gezogenen Saiten, dazu kommt noch, dass jedes zehnte Kind früh geboren ist und dann sowieso seine “Sprünge” anders setzt. Also das mit den Sprüngen, bei allem Respekt vor dem sonstigen Inhalt des Buchs, ist schon ein witziger Aufhänger. Vielleicht haben die Holländer mit ihrer Seefahrer-Vergangenheit da eine Ader dafür, das Schiff am Horizont ist ja auch auf einmal da.

Dass das für die Leser funktioniert liegt glaube ich daran, dass uns das Denken in solchen Mustern entlastet – ja, es ist gerade schwierig mit Kleinchen, aber entweder liegt das daran, dass gerade ein Sprung ansteht – wunderbar, ich würde mir so was auch gerne an manchen Tagen sagen können… Es ist wie beim Kinderarzt – natürlich bringt der “Hustenlöser” nichts und die Nasentropfen auch nichts (und dazu gibt es auch gute Wissenschaft, wo etwa statt Hustensaft ein Plazebosaft mit nach Hause gegeben wird) – aber auch das ist gesichert: wenn man einen Saft verordnet, meinen die Eltern eher, der Husten werde besser, und dagegen ist ja weder aus Sicht des Kinderarztes noch aus Sicht der Eltern etwas einzuwenden. Klar, ein bisschen eine Schummelei, aber eigentlich doch Win-win – wie bei den “Sprüngen”…

Jetzt habe ich schon so viel geschrieben…

… aber jetzt wo ich diesen Blog anfange, habe ich schon ein bisschen Respekt. Was ich schreibe geht ja echt sofort raus in die weite Welt! Kann es nicht mehr zurückholen oder wieder einfangen! Aber ich versuch´s mal. Also, der erste Post sollte eigentlich darauf hinweisen, dass meine Webseite www.kinder-verstehen.de jetzt ein neues Gesicht hat, und auch ein paar neue Inhalte. Für das Gesicht ist mein Sohn Johannes verantwortlich, der das ohne Murren gemacht hat, obwohl mir ständig was Neues eingefallen ist.

Das wars schon, uff.