Attachment Parenting – was ist denn das für eine Sekte?

Ja, ich weiß: Man braucht einen Begriff, um sich zu verorten. Aber bei Attachment Parenting scheint mir eher das Gegenteil der Fall zu sein – komplette Verwirrung. Bei hundert Leuten, die man auf der Straße fragt, geht vielleicht bei einem ein Licht an. Die anderen denken, das ist vielleicht eine Art Sekte. Bestimmt aus den USA.

Und diese Sekte weiß nicht einmal, woran sie glaubt. Vielleicht an das, was dieser Dr. William Sears mal niedergeschrieben hat (die 7 B’s des Attachment Parenting, ihr wisst schon, oder?). Aber der glaubt auch an die bindungsfördernde Wirkung von Time-outs und so weiter. Gehört das auch mit dazu?

Googelt man „Attachment Parenting“, so wird die Sekte noch obskurer – die einen sehen den Verzicht auf Windeln als Teil des Pakets, die anderen das Kommunizieren per Handzeichen. Für einige meiner kinderärztlichen Kollegen sind AP-Eltern schlichtweg die mit den Tragetüchern, die ihre selbstgestrickten Babys statt zum Kinderarzt zur Heilpraktikerin schleppen. Weil die ihnen statt der bösen Impfungen die guten homöopathischen Kügelchen gibt. Für wieder andere gehört Unschooling zum AP-Programm. Vielleicht auch gleich der Verzicht auf den Kindergarten (zumindest, wenn er nicht vegan ist).

Überhaupt, die Fremdbetreuung.  „Mich interessiert die AP-Szene“, schrieb mir kürzlich eine Journalistin, die einen Artikel für ein großes deutsches Leitmedium plant, weil da „doch auch dazu gehört, dass die Frau mit den Kindern zu Hause bleibt“. Ach so, dieses Attachment Parenting. „Woher kommt das Geld“, fragt die Gute dann, „das diese Form der Erziehung erst möglich macht?“ Und: „Was ist, wenn diese Traumblase platzt und dieses Geld plötzlich nicht mehr da ist und die Mutter arbeiten muss?“ Scheint eine Sekte für Reiche und Traumtänzer zu sein.

Jeder darf mal, ist ja gut.  Aber selbst, wo es um den Kern der Sache geht, also um dieses wunderbare Attachment, herrscht Unklarheit.

Jeder darf mal, ist ja gut.  Aber selbst, wo es um den Kern der Sache geht, also um dieses wunderbare Attachment, herrscht Unklarheit. Ein besonders rühriger Professor, Dr. Gordon Neufeld, meint, für die Eltern-Kind-Bindung sei es wichtig, dass Mama und Papa die Freunde für ihre Teenager aussuchen. Wie schön: an Mamas und Papas warmer Hand in die Zukunft.

Und dann noch der Begriff : ATTACHMENT. Bindung. Eine ziemlich offensive Einladung zum Missverständnis. Wer will denn festgebunden sein? Ehrlich wahr, ich war einmal auf einem Stillkongress, da ging es um dieses wunderbare Bonding nach der Geburt (das erste B der Searschen B’s), von dem wir auch nicht so richtig wissen, was es genau ist und was es im echten Leben dazu braucht. Aber sei’s drum, jedenfalls redete mein Vorredner, auch ein Kinderarzt, die ganze Zeit von Bondage. Und das war noch vor dem Hype um Shades of Grey. Aber das dürfte schon in etwa das sein, was die meisten Leute tatsächlich mit Attachment assoziieren: soooo viel Nähe, soooo viel Aneinanderkleben, soooo viel Fesselei!

Und die, die „AP“ (was immer das ist) im echten Leben betreiben? Die erleben was anderes. Was Normales eben. So geht man doch mit Kindern um. So geht eben das Leben als Familie: sich was bedeuten, auf den anderen eingehen, seine Bedürfnisse ernst nehmen, ihn nicht in Not bringen oder sich über seine Bedürfnisse hinwegsetzen. Ja, da ist Nähe mit dabei, körperlich und emotional, wir sind schließlich Menschen und keine Maschinen. Aber da geht es genauso gut um Freiheit: Wer sich geborgen fühlt, will die Welt erfahren (später dann gerne auch mal ohne Mama und Papa). Wer mit seinem Kind in eine echte Beziehung eintritt, wird nicht fesseln, sondern loslassen: Du darfst sein, wer du bist, du darfst dich äußern und wir nehmen das ernst. Da ist immer beides: Wurzeln und Flügel, Bindung und Freiheit.

Und genau das will ich damit sagen: Lassen wir da doch mal die Luft aus diesem „Attachment Parenting“. Das ist keine Methode, keine neue Welle, und ein großmächtiges Handbuch für die richtige Wahl der Zutaten braucht es dafür erst recht nicht. Das ist einfach die normale Art, wie man mit Kindern lebt. Normal Parenting eben.

 

… Und zu diesem Normal Parenting mal bissle Werbung, jetzt, wo es auf Weihnachten zugeht. Mein Buch „Menschenkinder“ ist nämlich gerade als Hörbuch erschienen.

 

12 Gedanken zu „Attachment Parenting – was ist denn das für eine Sekte?

  1. Guten Morgen lieber Herbert Renz-Polster
    Wieder mal habe ich herzlich gelacht und mich über Deinen Artikel gefreut! Ja, so erlebe ich es auch oft, dass so viele Dinge „ein Muss“ sind, wenn man eine gute Attachment Parenting Mutter sein will. Wer ist die Beste, wer stillt am längsten, wer ist am meisten öko, und auf einmal muss man auch Baby Gebärden machen und natürlich ist Brei nicht okay, und was noch alles.
    Gefreut hat mich die Erwähnung des kanadischen Prof Gordon Neufeld, dessen Arbeit ich zufällig etwas näher kenne, da ich mich beim Neufeld-Institut in Ausbildung befinde. 🙂
    Was er sagt ist nicht, dass es egal ist, ob die Kinder bei den Eltern schlafen, jedoch gibt er viel Wissen und Information an die Hand, wie wir als Eltern die emotionale Sicherheit des Kindes gewährleisten, auch wenn es aus welchen Gründen auch immer nicht möglich ist, dass sie bei uns im Bett schlafen.
    Es geht also nicht nur
    „richtig: Kind schläft bei den Eltern“ oder
    „falsch: Kind schläft in einem KInderbett“,
    sondern bei Berücksichtigung der Bindungsbedürfnisse um die bestmögliche Lösung.
    Dabei geht um größere Kinder, nicht um Säuglinge oder Kleinkinder!
    Auch sollen die Eltern nicht die Freunde für ihre jugendlichen Kinder aussuchen, 😉 sie sollen sich vielmehr bewusst sein, dass sie als fürsorgliche Erwachsene, die Geborgenheit bieten, auch dann noch elementar wichtig und notwendig sind für ihre Kinder, wenn diese scheinbar cool und „groß“ und viel unterwegs sind. Gordon Neufeld ermutigt Eltern, ihren Patz beizubehalten und für ihre Kinder da zu sein, wenn das auch für Jugendliche anders aussehen wird als für kleine Kinder.
    „Unsere Kinder brauchen uns“ und „Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder“
    Lieben Gruß
    Wibke Dihrberg

    Wibke Dihrberg Elterncoaching
    Bindungsorientiertes Familienleben
    04792/ 98 78 909
    0174/ 940 13 25
    wibke@dihrberg.net
    wibke-dihrberg.de

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag! Der „rührige Prof. Neufeld“ hat es geschafft, das verwirrend umfangreiche entwicklungspsychologische Wissen unserer Zeit so allgemeinverständlich auf den Punkt zu bringen, dass Eltern sehr darin bestärkt werden, ihrer erzieherischen Intuition zu trauen. Es fällt vielen Eltern leichter, ihrer Intuition zu vertrauen, wenn auch ihr Verstand die Bedürfnisse ihres Kindes nachvollziehen kann, und es ist einfach hilfreich, bei der Auseinandersetzung mit Schwiegermüttern, Erzieherinnen und Kinderärzten nicht nur über „also ich hab aber das Gefühl, meinem Kind tut das gut so“ zu verfügen, sondern sein Kind wirklich von innen heraus verstehen zu können.
    Dass es egal ist, wo das Kind schläft, habe ich bei Gordon Neufeld noch nicht gelesen, ebensowenig, dass die Eltern die Freunde ihrer Kinder aussuchen sollen. Worauf er mit seinem Kernsatz „Wichtig ist nicht so sehr, was wir tun, sondern wer wir sind für unsere Kinder“ hinweist, ist aber in meinen Augen sehr wichtig: All das wunderbare Windelfrei, Tragetuch, Familienbett, Langzeitstillen und Demeterbrei nützt wenig, wenn die emotionale Beziehung nicht so ist, dass das Kind in ihr vertrauensvoll zur Ruhe kommen kann, mit Wurzeln UND Flügeln. Das hängt zentral von der inneren Haltung der Eltern ab, und die äußeren „Methoden“ hält Gordon Neufeld demgegenüber für weniger wichtig. Passt doch…

    • Danke Muddi! Ich war doch sehr erstaunt, so eine falsche Darstellung von Prof. Neufeld´s Arbeit hier auf dem Blog lesen zu müssen. Das passt so gar nicht zu Herrn Renz-Polster, dachte ich. Ich gehöre zu den Mamas, die durch Prof. Gordon Neufeld endlich wieder auf ihre Intuition hören und unendlich dankbar für seine Arbeit ist. Für mich ist es unglaublich wertvoll, das Wissen der Entwicklungspsychologie so konzentiert und verständlich präsentiert zu bekommen. Dadurch wurde unser Alltag so viel entspannter und ich kann mich endlich auf das Wesentliche konzetrieren und mein Kind genießen. Ich würde mir sehr wünschen, dass der Autor des Artikels sich intensiver mit der Arbeit von Prof. Neufeld beschäftigen würde. Letztenendes sind viele ähnliche Ansichten „unterwegs“. Würden sich diese einmal zusammentun, anstatt sich gegenseitig in Frage zu stellen, könnte einiges für unsere Kinder bewegt werden.

  3. Oh Herr Renz-Polster, sie verfügen über viel Wortwitz und Prägnanz. Ich stimme mit dem ‚Übergefühl‘ die perfekten Eltern sein zu müssen, um jeden Preis und ohne Kompromisse, überein und noch mehr damit, dass ‚bitte alle anderen das auch so machen wie ich, wenn auch nur zur Rechtfertigung von dem war ich tue‘. Leider, leider nimmt diese Thematik in den Elternberatungen immer mehr Raum ein. Ich halte es für eine Folge der Unsicherheit der Eltern, aber auch der Gesellschaft.

    Im Detail Ihres Textes sind leider einige Seitenhiebe, die mich doch nachdenklich stimmen, denn sie stimmen schlechthin nicht und wirken deshalb dem entgegen, was Sie wohl anstreben; Klarheit für Eltern im ‚Erziehungstippdschungel‘.

    So wie Sie das formulieren passt es zwar in Ihren Text(stil), leider aber bringt es den Eltern noch mehr Verunsicherung.

    Sears, Stillfachpersonen und Dr. Gordon Neufeld in diesen wenigen Worten zu diskreditieren erscheint mir doch etwas einfach. Sears kenne ich aus der Fachliteratur (einen seiner Söhne habe ich an einem Kongress erleben, nicht unbedingt mein Fall), doch einiges was er schreibt war bahnbrechend für seine Zeit und hat zumindest einen Mut ausgelöst, das Kind selbst zu sehen und nicht ein ‚zu stimmendes Instrument‘.

    Als Stillberaterin gehe ich mit Ihnen einig, dass der ‚Stillhype‘ auch einiges Negatives mit sich bringt. Gerade von med. Fachpersonen OHNE eigene Stillerfahrungen steht da oft viel Enthusiasmus fehlender Empathie gegenüber und Laienorganisationen ‚drücken oft einfach ihr Anliegen durch‘. Aber wie bei allem gilt auch hier ‚die Menge ist entscheidend‘ und ZUviel und ZUwenig ist genau das Gegenteil von gut, was den Kern nicht weniger wertvoll macht.

    Was sie als von Dr. Gordon Neufeld ‚gesagt‘ erwähnen ist so absolut nicht zutreffend. Es würde mir sehr interessieren, wie Sie zu dieser Ansicht gelangten!
    Als Kommunikations-Mediatorin habe ich einige ‚Methoden‘ erfahren, geprüft und erprobt, aber gerade Gordon Neufelds Wissen entschärft ‚Ein-Weg-Thematiken‘ enorm und bietet Eltern eine echte Alternative, für ihre Kinder so da zu sein, wie diese es brauchen UND die Eltern es auch können.
    Das Wissen ist auch nicht gänzlich neu, es bestand vieles schon immer (da menschlich neurologisch, biologisch angelegt) und wurde vor ihm schon von vielen Wissenschaftlern erforscht. Doch Neufeld veranschaulicht es eindrücklich und übersetzt es aus der Wissenschaftssprache, die leider für viele oft unverständlich ist, in eine Sprache die man weitherum verstehen kann, wenn man sich wirklich mit dem Wissen beschäftigt und nicht nur ‚Nachrede betreibt‘. Dazu bestehen viele Online-Möglichkeiten, 2018 finden auch div. Veranstaltungen im deutschspachigen Raum dazu statt.

    Mit freundlichen Grüssen und in der Hoffnung auf weitere heitere Texte von Ihnen, denen jedoch auch die Achtsamkeit für, Ihnen anscheinend nicht begreifliche, Themen nicht fehlt.

    A.Deuber

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