Daumen und Schnuller

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Ja, der „Stöpsel im Mund“ kam nicht immer gut an, so oder so.

Also hier jetzt die offizielle, nicht-polemische Version: es liegt mir fern für blutige Brustwarzen zu plädieren, jemanden mit überzogener Moral zu plagen oder sogar vors evolutionäre Schiedsgericht zu zerren… Und natürlich, was hat der Schnuller mit der Hipster-Brille zu tun? Genau, nicht viel. Mein Ausgangspunkt war eher der Blick ins Wunderland des Alltags, wie er einem etwa morgens beim Kaffetrinken begegnet (siehe Bild), und ja, die kleinen Schnullermännchen und -mädchen, die ich da sehe, haben überraschend oft einen „Stöpsel“ im Mund. Ist das jetzt ein Vorwurf gegen die, die sich mit einem Schnuller gegen blutige Brustwarzen schützen wollen? Oder eine Autofahrt überleben wollen und das vielleicht lieber mit Giana Nannini als mit Babygebrüll im Ohr (wenn es die alte Rockröhre überhaupt noch gibt, sie soll ja ihr Geld auch auf die Bermudas verschifft haben – tu ragazzo dell’Europa…). Und überhaupt, ja, es gibt Babys, bei denen man für alles froh ist, was irgendwie hilft oder nur den Anschein hat, und von Frühgeborenen, von kranken Kindern und von Schreibabys habe ich auch nicht geredet, und von den schlechten, beschissenen Tagen auch nicht. Und ja, „Manche Kinder sind eben nicht so entspannt“, auch das stimmt.

Ich habe den Eintrag so geschrieben wie er ist, weil ich finde, dass wir uns rund um den Gebrauch des Schnullers zu wenig Gedanken machen. Er ist – siehe nochmal Fotobildle – einfach ein kulturelles Artefakt, das wir immer mal wieder unter die Lupe nehmen sollten, so wie wir das mit den Babywägelchen auch machen (nein, ich bin nicht prinzipiell dagegen!), mit den Windeln auch (nein, es ist gut, dass wir die haben), mit dem Baby-Signing (nein, ist keine Kindesmisshandlung), den Babygläschen (feine Sache, wenn man unterwegs ist), der Breikost (finden manche Babys toll), dem Stillen (nein, auch lange gestillte Kinder können grausame Kriege führen), und so weiter. Insofern „Vorwurfston“ – ja, geht in Ordnung, ist aber nicht persönlich gemeint.

Ja, und wie stehts jetzt mit dem Daumen? Die Gefahr wurde ja gut, wenn auch etwas polemisch 😉 beschrieben (…“die Großcousine der Nachbarin meines Hundetrainers kennt jemanden der hat am Daumen gelutscht bis er zehn war und der musste danach eine Zahnspange tragen!!!“ ”). Also theoretisch schon ein gewisses Risiko, weil man das Nuckelobjekt ja nicht einfach der Daumenfee übergeben kann. Und doch begegnen einem im echten Leben dann doch überraschend selten daumenlutschende Menschen, unter den Erwachsenen habe ich noch keinen gesehen (wobei so ein daumenlutschender Fernsehmoderator vielleicht witziger wäre, als die meisten Sendungen die er macht – ist jetzt aber Spaaaaß!), in den weiterführenden Schulen auch nicht, und in der Grundschule, da müsste jemand die Lehrerinnen fragen, aber das ist, glaube ich, sehr rar. Ich denke außerdem (auch wenn ich es nicht beweisen kann, aber meine Frau ist sich sicher), dass Babys und Kleinkinder, die ihr nicht-nutritives Saugbedürfnis bei Mama befriedigen dürfen, seltener zu wirklichen „Daumenlutschern“ werden. Last but not least lässt sich ein Kind tatsächlich auch vom Daumen entwöhnen, wenn das einmal ein Problem sein sollte, die wollen selber ja meist irgendwann richtig groß werden. Der Vorteil des Daumens ist aber gewiss der, dass er bei der Exploration und beim Spielen eher rausgenommen wird (schauen wir also noch ein letztes Mal auf das schöne Fotobilde zu diesem Blogeintrag – der kleine Tim hätte jetzt womöglich den Mund doch frei). Also, den Schnuller anzugewöhnen, damit man später nicht den Daumen abgewöhnen muss, erscheint mir nicht wirklich schlüssig.

Wobei auch das in den etwa Dutzend Elternschaftskulturen, die wir in Deutschland haben, sehr unterschiedlich gesehen, bewertet und praktiziert wird. Und ich will gewiss keiner dort beheimateten Familie zu nahe treten.

16 Gedanken zu „Daumen und Schnuller

  1. Also ich habe meinen Kindern – teils aus Inkonsequenz, teils aus Überzeugung – keinen Schnuller „beigebracht“. Der erste Sohn ist ein sehr aufgewecktes und waches Kind, ich habe ihn immer gern und zu jeder Zeit gestillt, natürlich auch in den Schlaf. Nun ist er zweieinviertel Jahre alt und ich stille ihn immer noch und erkann nicht alleine einschlafen… Allerdings haben wir jetzt ein drei Monate altes Schwesterchen, die – auch ohne Schnuller – vom Naturell viel entspannter und schläfriger ist als der Sohnemann. Sie kann sogar jetzt schon Abends alleine einschlafen, wenn Mami woanders gefordert ist. Ich muss aber sagen, dass mich das Tandemstillen doch sehr anstrengt, zumal sich die Stillbeziehung zum ersten Kind irgendwie geändert hat. Er beharrt immer noch sehr auf seinem „Recht“ auf Brust und kann mitten in der Nacht hemmungslos und gefühlt stundenlang an der Brust herumnuckeln (während die Kleine fast durchschläft). Das fühlt sich dann irgendwie falsch an… und jeder Versuch, die Brust wegzunehmen, endet in grossem Protestgeheule… der Kampf um die Brust… Naja, da muss ich wohl durch! Bin für jegliche Tips zum Abstillen offen 😉

  2. Vor einiger Zeit habe ich auf der HP der Kieferorthopäden ein Plädoyer für den Daumen gelesen – aus o.g. Gründen (Daumen wird raus genommen zum Erkunden und spielen).

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: ein Kind eher nicht an der Brust buckeln lassen – ist ein absolutes Schnuller Kind geworden. Die anderen beiden buckeln lassen – beide hatten keine Ersatz Befriedigung nötig.
    Erst nach abstillen hat der kleine manchmal die Finger im Mund. Selten. Le drei wurden mehr als 2 Jahre gestillt.

  3. Doch es gibt erwachsene Daumenlutscher. Ich bin eine davon. Vor dem Fernseher oder zum einschlafen oder einfach zum entspannen gehört es bei mir dazu. Meine Zähne sind gerade. jedenfalls die oberen, die unteren nur fast.
    Meine Kinder 7 und 5 hatten Schnuller und wurden ihn beide nur mit etwas Mühe los.

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