Ferber 2.0

Auf meinem Blog kam gerade dieser Kommentar rein:

auf einer hebammen-weiterbildung zum thema babyschlaf wurde gesagt, dass ferber selbst mittlerweile abstand von seiner eigenen methode genommen hat…weiß jemand näheres darüber?

Also  es ist so: Prof. Richard Ferber hat in den 1970er Jahren das nach ihm benannte Schlaftraining entwickelt, nach dem Babys in immer längeren Abständen in ihrem Bettchen allein gelassen werden, bis sie schliesslich das Weinen bleiben lassen und alleine einschlafen.  Die Methode fand vor allem deshalb viele Anhänger, weil Prof. Ferber zu diesem Programm eine Erklärung mitgeliefert hat, die Eltern sehr gerne hören: nämlich, dass ihr Baby durch diese Behandlung schneller selbstständig werde.

Diese auch als „graduierte Extinktion“ oder auch „kontrolliertes Schreienlassen“ bezeichnete Methode galt damals übrigens, ob man es glauben will oder nicht, als neue, sanfte Welle! Denn damals war in den USA noch vielfach das „cry it out“ die Methode der Wahl, um Babys zum Schlafen zu bringen – also: Baby ins Gitterbettchen, Tür zu – und brüllen lassen bis Ruhe im Haus ist. In den USA ist diese  Methode bis heute noch vielfach verbreitet, gerade auf dem Land. (Dass sie bis heute von deutschen Fachärzten als Behandlungsmethode für kindliche „Schlafstörungen“ empfohlen wird, werde ich demnächst in einem anderen Blogbeitrag thematisieren).

Nun also zurück zu der Eingangsfrage: Hat sich Prof. Ferber von seiner Methode der „graduierten Extinktion“ distanziert?

Nein, das hat er nicht . Er beschreibt sie weiterhin in der aktuellen Auflage seines Buches Solve your Child´s Sleep Problems.

Allerdings distanziert er sich heute von der BEGRÜNDUNG, die er damals für sein Programm gegeben hatte – nämlich dass das Allein-Schlafen-Lernen dem Baby einen Vorteil bringe. Genau das hatte er in der ersten Auflage seines Buches ja noch angenommen:

„Alleine schlafen ist wichtig, weil dein Kind dadurch lernt, sich von Dir ohne Angst zu trennen und sich selbst als unabhängiges Individuum zu sehen.“

Prof. Ferber hat inzwischen mehrfach darauf hingewiesen, dass er dieser Aussage nicht mehr zustimmt  und sie gerne zurücknehmen würde. In einem Interwiew mit Newsweek sagt er:

„Das ist einer der Sätze, von dem ich mir heute wünsche, ich hätte ihn nie geschrieben.“ Er erklärt seinen Fehler damit, dass er das „allgemeine Denken der damaligen Zeit“ übernommen habe, und dieses über „seine eigene Erfahrung und Philosophie“ gestellt habe.

Vielleicht hat ihn ja sein Schlafforscher-Kollege McKenna überzeugt, der damals so argumentierte: wenn Baby wirklich das Alleine-Schlafen bräuchten um selbstständig zu werden, dann hätten 99 Prozent der Kinder, die jemals auf der Erde gelebt haben, ein echtes Problem gehabt. Jedenfalls, in der 2006 erschienenen Neuauflage seines Buches redet Richard Ferber nicht mehr davon, dass ein Schlaftraining das Kind in seiner Entwicklung voranbringt. Er sieht das Schlafen jetzt pragmatisch, und empfindet auch das Elternbett als gute Wahl:

„Meine Überzeugung ist jetzt, dass Kinder mit oder ohne ihre Eltern schlafen können. Was wirklich zählt, ist dass die Eltern das machen, was für sie passt.«

 

Sind wir dadurch weiter gekommen?

Hierzulande hat sich dadurch leider nichts geändert – auch bei denen nicht, die sich in ihren Programmen und Schriften auf Schritt und Tritt auf Prof. Ferber beziehen.

  • Frau Kast-Zahn, die Ferbers Programm in Deutschland eingeführt hat, hat für das Elternbett bis heute allenfalls eine rhetorische Frage übrig: „Kann dies für Kinder und Eltern und für die Beziehungen untereinander gut sein?“ (Zitat aus: Jedes Kind kann schlafen lernen, Seite 66)
  • In der ärztlichen AWMF-Richtlinie zum Thema Schlafstörungen bei Kindern gilt das Schlafen von Kindern im Bett der Eltern sogar per se als Schlafstörung:  „…bei einem 1-jährigen Kind liegt eine Schlafstörung vor, wenn es  nicht alleine einschlafen kann.“
  • Und die in der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin besonders rührige Psychologin Frau Prof. Schlarb ist sich nach wie vor sicher: „Die Aufgabe der Eltern ist es ihr Kind Schritt für Schritt bei der Entwicklung von Selbstständigkeit zu unterstützen. Sie fördern deshalb die Fähigkeit ihres Kindes sich selbst zu beruhigen und alleine wieder einzuschlafen.“ (Zitat aus: Therapeuten-Manual Mini-KISS)
  • Auch bei der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin bekommen Eltern für ihre Säuglinge nichts als die alten Kamellen aus den 1970er Jahren: „Ihr Kind sollte lernen, ohne Hilfsmittel und ohne Anwesenheit der Eltern einzuschlafen.“ Entsprechend hält man für die Eltern einen eigenen Leitfaden zum Download bereit  Wie Kinder gute Schlafgewohnheiten erlernen. „… Wünschen Sie dem Kind eine Gute Nacht und verlassen Sie dann das Zimmer…“. Und so weiter: “ Wenn das Kind weiterhin ruft oder weint, lassen Sie nun mehr Zeit verstreichen, bevor Sie wieder zu ihm gehen“ …  „Trösten Sie das Kind mit ein paar Worten oder legen Sie ihm die Hand auf die Schulter, um zu zeigen, dass es sich nicht verlassen fühlen muss. Gehen Sie dann schnell wieder hinaus.“ … „Bleiben Sie nicht länger als 1 bis 2 Minuten im Raum.“ Auch das Mitleid wird mitgeliefert – für die Eltern: „Die Minuten zu zählen, in denen das Kind schreit, kann für die Eltern herzzerreißend und nervtötend sein. Im Grunde fordert dieser Lernprozess mehr von Ihnen als von Ihrem Kind.“

Allen Ernstes: die schreiben das so: „Trösten Sie das Kind mit ein paar Worten oder legen Sie ihm die Hand auf die Schulter, um zu zeigen, dass es sich nicht verlassen fühlen muss.“ Die Hand auf die Schulter – da fährt der Trost dann nämlich sofort mitten ins Herz. Und das ist gut so, denn der Trost muss immerhin bis zu 30 Minuten vorhalten (obwohl: für Babys ist das ein Klacks! Nur FÜR DIE ELTERN …)

Das Ferber-Paradox

Man könnte es also so sagen: wer sich heute nach Prof Ferbers Rat richtet und das macht, was „für ihn passt“, und dazu vielleicht sein Kind bei sich im Bett schlafen hat,  produziert nach Ansicht seiner deutschen Jünger – ein schlafgestörtes Kind.

Glücklicherweise aber haben die aber noch den alten Ferber 1.0 in den Regalen, und mit dem können sie das Problem dann behandeln 😉

Aber so ist das manchmal. Die Karawane ist längst weiter gezogen. Nur die Jünger sitzen noch am Feuer und blabbern die alten Sprüche nach.  Immerhin haben wir für dieses Museum freien Eintritt. Bezahlen tun sowieso die Kinder.

7 Gedanken zu „Ferber 2.0

  1. War nicht die ursprüngliche Ferbermethode für Kinder ab 12 Monaten gedacht, die wirklich extrem schlechte Schläfer waren, und wo die Eltern seit mehr als einem Jahr unter extremem Schlafmangel litten, sprich: Lieber Ferbern als das Kind aus dem Fenster werfen? Ich mag mich entfernt daran erinnen, dass Ferber seine Methode nur für Eltern empfahl, die wegen Schlafmangels Hilfe ein einer Schlafklinik suchten und eben nicht, wie man in Deutschen Landen denken könnte, für „jedes Kind“.

    • Man könnte das Kind, „bevor man es aus dem Fenster wirft „, doch auch mit ins Familienbett nehmen- am besten bevor man irgendein Schlaftraining ausprobiert
      Selbst wenn das Ganze erst für 1jährige angedacht war, macht es das mEn nicht wirklich besser

    • Mein einjähriges Kind hat vermeintliche Schlafprobleme, wenn es nach Ferber und Konsorten geht. Ich halte die Methode für eine haarsträubende, egal ob unter zwölf Monate oder drüber.

      Allerdings verstehe ich auch die klagenden Eltern oftmals nicht. So anstrengend ist das eigentlich nicht. Ich finde schnarchende Menschen im selben Raum nerviger als ein kuschelndes Kind.

  2. Die in dem besagten unaussprechlichen Buch propagierte Methode ist natürlich ohne Zweifel eher ein Alptraum statt eine Lösung für angebliche „Schlafprobleme“.
    Trotzdem ist es ein Unterschied, ob diese Alptraum-Methode an einem 3 Monate alten Säugling oder einem über 1jährigen Kind angewendet wird, so wie sie ursprünglich gedacht war und was bei der Übersetzung wohl verlorenging (?)
    Beides ist scheisse, aber ein kleines Baby leidet unendliche Todesangst und Schmerzen, wenn es allein gelassen wird! Für ein Kind in dem jungen Alter ist das eine nicht zu rechfertigende Verletzung seiner Bedürfnisse. Es ist absolut verlassen und getrennt von seinen Bindungsersonen, es kann keinerlei Sicherheit selbst aufrecht erhalten.
    siehe auch Prof Gordon Neufelds Bindungsbasierter Entwicklungsansatz, kurz „Neufeld-Ansatz“
    (Ich schreibe darüber in meinem Blogartikel „Ist dein Kind gut gebunden“ http://wibke-dihrberg.de/ist-mein-kind-gut-gebunden/)

    Aber: Ja, auch Kinder über 1 Jahr gehören zu ihren Eltern! 🙂
    Das ist das natürlichste von der Welt, dass Eltern und Kinder gemeinsam schlafen, und für die Bedürfnisse aller Beteiligten finden sich Lösungen. Das muss nicht das Familienbett sein, es gibt viele Möglichkeiten, Nähe und gutes Schlafen zu verbinden.
    Jedes Kind ist anders, jede Mama und jeder Papa sind anders, alle Bedürfnisse sind wichtig und können berücksichtigt werden.

  3. Das mit dem „aus dem Fenster schmeiße wollen“ würde ich nicht unterschätzen. Ich habe auch einen „schlechten Schläfer“. Die kommt abends einfach schwer runter (nur mit stillen), ist nachts oft wuselig, stillt regelmäßig seit ihren 15 Monaten min. 3 Mal nachts und braucht insgesamt nicht so sehr viel schlaf. Ich selbst hab nun noch nicht ans Fenster oder Ferbern gedacht und empfinde das Familenbett auf jeden Fall als Erleichterungen. Mein ehemaliger Kinderarzt wollte mir auch schon das Ferbern andrehen, als ich auf Nachfrage nur die halbe Schlafwahrheit gesagt habe. Auch deshalb ist er ehemalig.
    Also ich sehe ein, dass das auch normales kindliches Schlafverhalten ist, aber es schlaucht schon und müsste ich nachts vlt noch öfter ne Flasche machen und nächsten morgen im Büro stehen, wer weiß, was mir für Gedanken kämen… (aber schon allein, weil sie ja erst um 18 Monate eine Objektpermanenz entwickeln, sicher erstmal etwas ohne allein sein)
    Bei mir stellt sich eher die Frage, wie sieht denn so eine Nacht bei den ursprünglichen Kulturen aus? Abgesehen davon, dass die sicher keine 1-2 Stunden am Kinderbett hocken, weil das Balg am besten schon um 18.30 Uhr Ruhe geben soll, hab ich nur gelesen, dass es etwa in afrikanischen Stämmen als positiv angesehen wird, wenn ein Baby nachts trinkt, weil „das heißt, dass es wachsen will“. (Habe ohnehin festgestellt, dass die Sichtweise sehr bestimmt, wie gut man die unterbrochenen Nächte erträgt.) In „Jedes Kind kann schlafen lernen“ steht ja sogar, dass die Kulturen, die gemeinsam schlafen, eben keine Schlafprobleme haben. Aber es wird nicht darauf eingegangen, wieso denn nicht (hab aber auch noch nicht das ganze Buch gelesen; brauchte ne Pause nach der herzzerreißenden Mäusegeschichte ;).
    Auf jeden Fall bin ich ganz bei Dr. Sears, dass schwierige Probleme eben keine einfachen Lösungen haben. Das junge Eltern das gern hätten, kann ich verstehen, aber nicht, dass sie dann sowas so einfach in Kauf nehmen (zumal ja auch viele Eltern, die geferbert haben berichten, dass die Kinder danach tagsüber furchtbar anhänglich sind oder schon bei ganz geringen Anlässen direkt das Brüllen anfangen). Das von offizieller Stelle dann sogar noch dazu geraten wird ist furchtbar. Eigentlich sollte eher „Schlafen und wachen“ das empfohlene Standardwerk sein. Das Argument, dass die REM-Schlafphasen essentiell für die Hirnentwicklung sind, dürfte bei vielen ziehen.

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