Freispiel – schlecht für die Bildung?

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Wie hartnäckig das Kinderspiel in der Schublade Spiel und Tand landet, zeigt der Philosoph Arthur Schopenhauer:

»Zu Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, dass sie selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit einem Worte, Zeit ihres Lebens große Kinder sind: eine Art Mittelstufe, zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist. Man betrachte nur ein Mädchen, wie sie, Tage lang, mit einem Kinde tändelt, herumtanzt und singt, und denke sich, was ein Mann, beim besten Willen, an ihrer Stelle leisten könnte.«

Bestimmt hat der Mann ziemliches Pech mit Mama und Papa gehabt. Und eine besonders lustige Kindheit dürfte er auch nicht genossen haben, wenn ihn das Tändeln und Spielen derart ankratzt. Aber ich sehe nicht, dass diese Haltung heute wirklich so ganz überwunden ist. So waren die ersten Forderungen nach »früher Bildung« (sie gingen vor allem von den deutschen Unternehmerverbänden aus) mit dem Hinweis garniert, dass man in den Kitas doch bitte die Tändelei begrenzen möge: Man wünsche sich, so die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in einem Memorandum an die Bildungspolitik, eine bessere »Strukturierung« des Kindergartentages mit einer Abwechslung von »Lern- und Übungsphasen, Spiel- und Ruhephasen, mit Einzel- und Gemeinschaftsaktionen …«. Ein bisschen mehr Ordnung bitteschön, der Bildung wegen. Und der Unternehmensberater Prof. Jürgen Kluge, der Initiator der bis heute erfolgreichen Bildungsinitiative »Haus der kleinen Forscher«, knüpfte sich gleich die Erzieherinnen vor: »Viele von ihnen«, schrieb er in einem damals viel beachteten Buch, »sehen eine ihrer vornehmsten Aufgaben gerade darin, das Kind vor den Härten der Realität zu schützen.« Die lassen die Kleinen nur spielen!

Ich will damit niemandem frauen- oder kinderverachtendes Denken à la Schopenhauer unterstellen, aber wenn man den hektischen Umbau der Elementarpädagogik der 2000er Jahre Revue passieren lässt, dann klingeln einem die kritischen Töne gegen das Kinderspiel ziemlich schrill in den Ohren. In dem damals neu aufgestellten Bayerischen Bildungsplan wurde das Freispiel gleich mal zur pädagogischen Problemzone erklärt: Die »Qualität der Freispielprozesse« müsse dringend »verbessert« werden! Und zwar »durch gezielte Unterstützungsmaßnahmen«. Ausgerechnet die Kinder werden dazu als Kronzeugen aufgerufen: kein Kind wolle »nur spielen« – es wolle sich vielmehr auch »mit ernsthaftem Tun« befassen. Einfach nur spielen, nein Danke!

Dass der Ernst des Spiels dann auch glückt, sei Aufgabe der Erzieherinnen. Sie sollen durch »systematische Begleitung und didaktische Aufbereitung« dafür sorgen, dass sich das mit dem Freispiel verbundene »beiläufige Lernen« zum »spielerischen Lernen« hin entwickelt. Dazu sollten sie das Freispiel zum Beispiel »durch weitere Bildungsansätze ergänzen« – etwa durch »Projekte und Workshops.«

Workshops, im Ernst. Was sich Kinder eben so wünschen. Denken wir doch nur an unsere eigene Kindheit zurück: wie gut hätten wir die eine oder andere Arbeitseinheit zur Verbesserung unseres Freispiels gebrauchen können! Überhaupt: was hätte aus uns werden können, hätten unsere Erzieherinnen damals schon die Finessen der Frühen Bildung drauf gehabt!

Das jetzt der Klugheit dienende, verbesserte Spiel wird im Plan übrigens als »unterstütztes Freispiel« bezeichnet. Wie nett! Die Kleinen bekommen bei der Ausübung ihrer Freiheit Unterstützung.

Damit das Freie an der Freiheit nur nicht den anderen Zielen in den Weg kommt.

 


Dieser Beitrag ist übrigens ein mir wichtiger Gedankenschnipsel aus meinem neuen (und gleichzeitig alten) Buch: Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht. Nach 5 Jahren und 4 Auflagen habe ich nämlich die »Menschenkinder« komplett überarbeitet, sie erscheinen demnächst. Mit dem Buch beziehe ich Stellung zu den aktuellen Debatten rund um Erziehung, Bildung und Förderung unserer Kinder. Ich gehe insbesondere der Frage nach, wie sich die uralten Bedürfnisse der Kinder mit dem modernen Wahnsinn vertragen, in dem wir da gelandet sind.

9 Gedanken zu „Freispiel – schlecht für die Bildung?

  1. Ich kannte das „Freispiel“ bisher nur ohne das Attribut „unterstützt“, fand aber schon diesen Begriff immer sehr eigenartig. Spielen ist für mich immer eine freie Sache gewesen, alles andere ist kein Spiel. Wenn man also das Wort „frei“ voranstellen muss, wirft das ein seltsames Licht darauf. Umso irritierter bin ich nun von der unterstützten Variante…

  2. Ich fördere ja meine Kinder sehr gerne. Allerdings finde ich in jeder Sache sollte die goldene Mitte gewählt werden. Ich setze mich nicht mit meinen Kindern von morgens bis Abends hin und verdonnere sie mit mir genau das zu malen o.ä. Was ich verlange. Es ist eher der Versuch einige Malde die Woche ein Thema heraus zu fischen, welches altersgemäß ist und hierzu einige Spiele und Aktivitäten auszudenken. Merk ich aber dass mein Kind gerade nicht einen Kreis ausschneiden will, sondern einfache Streifen schneidet, dann ist das ok für mich und wir improvisieren ganz nach den Anweisungen der Kinder. Manchmal haben die Jungs auch gar keine Lust und sagen es auch. Hier zwinge oder überrede ich auch nicht. Doch es gibt auch Tage an denen meine Kinder zu mir kommen und mich bitten mit ihnen gemeinsam etwaszu spielen was ich mir ausdenken darf.

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