Lange Winterabende, Momo, Frühpädagogik

Nun sind die „langen Winterabende“ ja längst nicht mehr das, was sie einmal waren. Aber derzeit bekomme ich doch eine Sonderbehandlung. Meine Frau liest mir Momo vor (also Momo, von Michael Ende, geschrieben vor mehreren hundert Jahren, nämlich 1973). Hat sie ja schon so oft für die Kinder vorgelesen, x mal und dann wieder und wieder. Ich hab es regelmäßig verpasst, anscheinend.

Denn: Mensch, was für ein Buch! Mit einem wachen Blick auf das, was Kinder umtreibt – so manche Entwicklung in der Frühpädagogik hat er wohl erahnt.

Die schwierigste Aufgabe stellte es für die grauen Herren dar, die Kinder unter Momos Freunden nach ihren Plänen zu lenken. Nachdem Momo verschwunden war, hatten die Kinder sich dennoch, so oft es nur ging, im alten Amphitheater versammelt. Sie hatten immer neue Spiele erfunden, ein paar alte Kisten und Schachteln genügten ihnen um darin fabelhafte Weltreisen zu unternehmen oder um daraus Burgen und Schlösser zu errichten. (…)

Außerdem hatten diese Kinder keinen Augenblick daran gezweifelt, dass Momo wiederkommen würde. Darüber war zwar niemals gesprochen worden, aber das war auch gar nicht nötig. Die stillschweigende Gewissheit verband die Kinder miteinander. (…)

Dagegen hatten die grauen Herren nicht ankommen können. Wenn sie die Kinder nicht unmittelbar unter ihren Einfluss bringen konnten, um sie von Momo loszureißen, dann mussten sie es eben über einen Umweg zuwege bringen. Und dieser Umweg waren die Erwachsenen, die ja über die Kinder zu bestimmen hatten. Nicht alle Erwachsenen, versteht sich, aber diejenigen, die sich als Helfershelfer eigneten und das waren leider gar nicht wenige. (…)

«Wir müssen etwas unternehmen», hieß es, «denn es geht nicht an, dass immer mehr und mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen, denn das moderne Leben lässt ihnen eben keine Zeit sich genügend mit ihren Kindern zu beschäftigen. Aber die Stadtverwaltung muss sich darum kümmern. (…)  Man muss Anstalten schaffen, wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden.»

Und abermals andere meinten: «Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein, um alle diese Maschinen zu bedienen. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten, lassen wir es noch immer zu, dass viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!» (…)

Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte «Kinder-Depots» gegründet. Das waren große Häuser, wo alle Kinder, um die sich niemand kümmern konnte, abgeliefert werden mussten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten. (…) Davon, dass sie sich hier selbst Spiele einfallen lassen durften, war natürlich keine Rede mehr. Die Spiele wurden ihnen von Aufsichtspersonen vorgeschrieben und es waren nur solche, bei denen sie irgendetwas Nützliches lernten. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei und das war: sich zu freuen, sich zu begeistern und zu träumen.

Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. Verdrossen, gelangweilt und feindselig taten sie, was man von ihnen verlangte. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben, dann fiel ihnen nichts mehr ein, was sie hätten tun können. Das Einzige, was sie nach all dem noch konnten, war Lärm machen – aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm, sondern ein wütender und böser.(…)

Das Netz, das sie über die große Stadt gewebt hatten, war nun dicht und – wie es schien – unzerreißbar. Selbst den schlausten Kindern gelang es nicht durch die Maschen zu schlüpfen. Der Plan der grauen Herren war ausgeführt.

Also hier mein Tipp für die langen Winterabende: Momo lesen!

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5 Gedanken zu „Lange Winterabende, Momo, Frühpädagogik

  1. Danke für die Erinnerung!
    Gerade vor einer Woche sprach ich mit einer Freundin über die Frage Kita oder keine Kita (sie pro, ich hin und hergerissen). Da kam ich auch auf Momo, dass sie sehr gerne mag.
    Wir beschlossen beide, es noch einmal zu lesen und dann wieder zu sprechen.

    Liebe Grüße
    Julia

  2. Wow! Was für ein Text! Und das vor über vierzig Jahren…
    Wir durchleben und durchleiden diese Fragen gerade. Nach Umzug und KiTa-Wechsel stehen wir vor mehr Fragen als Antworten (https://inwachsendenringen.wordpress.com/2015/03/18/mehr-matsch/). Wir hatten eine tolle KiTa, den Platz im Waldkindergarten haben wir nicht bekommen (wo wir als Eltern das spontane Gefühl hatten: hier sind wir richtig!) und gewöhnen uns jetzt an einen Kindergarten, der wahrscheinlich einfach durchschnittlich ist. Aber nachdem uns immer mehr bewusst wird, wie schräg die Entwicklung in unserem Bildungssystem ist, können wir uns einfach nicht damit abfinden. Danke für viele tolle Inspirationen auf diesem Weg!

  3. Pingback: Momo und die frühkindliche Bildung | in wachsenden ringen

  4. Oh ja, wie oft habe ich in den vergangegnen Jahren über Momo und die Kinder-Depots nachgedacht. Und wie oft schüttelte ich innerlich den Kopf, wenn sich mir der Gedanke aufdrängte, dass Michael Ende sich wohl in einer Zeitmaschine zu einem Ausflug in die Zukunft begeben haben muss.
    Ganz schauerlich wird es mir ums Herz, wenn ich an einer Kita in der Umgebung vorbei fahre. Es ist ein grauer Betonklotz, Sichtbeton, mit akkurat angeordenten Fenstern, die ich noch nie offen sah (wohl aus Sicherheitsbedenken, denn der Klotz misst mindetens 5 Stockwerke) und einem Dachgarten zum Spielen.
    Ich frage mich: Was muss diese Kita innen wohl bieten, dass man das Schaudern überhören kann?

    Mein Sohn geht in eine freie Kita. Dort steht das freie Spiel der Kinder an oberster Stelle. Und ich hoffe, so wird er nie grau und traurig werden…

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