Mutterschaft 2.0

Wie das schon klingt: Mutterschaft!

Ziemlich altbacken, eisernes Kreuz dran und so. Während der „neue Vater“ abgeklatscht wird, muss die Mutter gleich auf die Anklagebank. Da wäre zu klären: ob sie vielleicht „nur Mutter“ ist? Denn dann wäre sie zum Beispiel: eine Hausfrau. Eine Art alte Jungfer also, die keinen abbekommen hat – nämlich keinen Arbeitsplatz. Oder sie wäre jemand, die sich um die Nachbarschaft kümmert, um Oma oder Opa – ein Gutmensch halt. Eine Kümmererin. So jemandem würde man dann empfehlen, dem Kind doch wenigstens einen Krippenplatz zu besorgen (Väter kommen schon deshalb milde davon, weil das zuhause spielende Kleinkind bei seinem Vater ja männliche Rollenmuster erlernt).

Eindeutig, gelungene Mutterschaft bedeutet heute, dass eine Frau vernünftig mit ihren Versorgungspflichten umgeht. Schon der Gesellschaft wegen.  „Es ist endlich an der Zeit“, sagt die EU-Kommissarin Reding, „das ausgebildete weibliche Talent, das zur Verfügung steht, auch einzusetzen.“ Das nicht zu tun, bedeute – das sagt sie allen Ernstes:  „Wirtschaftsschädigung“.

Aber waren Mütter nicht schon immer vernünftig? Auch im Clan der Jäger und Sammler haben sie dafür gesorgt, dass der Laden läuft. Und das mit dieser uralten Doppelstrategie: bei den Kindern sein (zumindest solange sie klein waren), in Beziehung mit ihnen sein, sie nähren, tragen, behüten, ja: bemuttern. Und dann aber auch: das besorgen und organisieren, was es dazu braucht: Nahrung, Schutz, eine funktionierende Gemeinschaft, Verbindungen in die Welt. Die Mutter war immer Versorgerin und Besorgerin in einem. Dass sie das war, das war im Interesse der Mutter UND des Kindes.

Doppelstrategie kaputt

Und heute? Ist die Doppelstrategie kaputt. Die globalisierte Frau soll die Fachkräfte von morgen gebären und groß ziehen – andererseits aber selbst als Fachkraft bereit stehen. Und das abseits ihres Stammes, abseits ihrer Sammelgründe.

Auch sie selbst ist zerrissen: für die Kinder da sein ist ihr wichtig, gleichzeitig wird mit der Erwerbsarbeit ein immer dickeres Paket verhandelt – in dem liegen zum Beispiel die Rechnungen, die bezahlt sein wollen, die eigene Zufriedenheit, die Sicherung der Rente, ja, inzwischen sogar die Existenzsicherung im Lichte eines neuen Scheidungsrechts (auch der Gesetzgeber macht der Mutter jetzt Beine).

Unsere Gesellschaft hat dieses Dilemma per Lastesel-Strategie gelöst: einer geht noch drauf. Sie hält der Mutter jetzt einen doppelten Anspruch unter die Nase: Sie soll jetzt einerseits den besseren Mann abgeben – also im Beruf erfolgreich, flexibel, und duldsam sein. Andererseits aber auch „das mit den Kindern“ gut packen. Ach ja, einen präsentablen Freizeitwert soll sie auch haben. Halt wie das die Beckhams machen. Und die Französinnen. Ich lese die Emanzipationsdebatte der letzten 10 Jahre genau so: die Mutter soll jetzt für diesen unmöglichen Spagat fit gemacht werden. Und zwar mit einer neuen Version von Mutterschaft.

Der effektiven Mutterschaft. Kinder sind okay – wenn sie am Schnürchen laufen. Wenn sie bitteschön die Wertschöpfungekette nicht durcheinander bringen. Wenn sie früh durchschlafen (dazu können Schlaftrainings und -coachings helfen), wenn sie sich leicht „abgeben“ lassen, wenn sie sich gut in die immer servicefreundlicheren Betreuungsangebote einpassen – in Krippen mit flexiblen Randbetreuungszeiten, und mit flexiblem Personal („Bitte die Tina mittags aufwecken, sonst schläft sie abends nicht“). Benimmregeln sind wieder in, und wenn der kleine Lars seinen Brokkoli isst, gibt es einen Sticker ins „Portfolio“.

Kurz – das Kind ist gut, wenn es in der auf Funktion und Leistung gepolten Erwachsenenwelt nicht stört (noch besser ist es, wenn es die Kindheit auch nutzt um sich schon mal für die spätere Arbeitswelt zu  qualifizieren – es lebe der kleine Forscher, der fröhlich durchs Zahlenland streift!)

Die Lastesel-Strategie geht auf

Auch die Politik hat längst die effektive Mutterschaft als gemeinsamen Nenner entdeckt – im Grunde dreht sich die Debatte doch bei grün, rot, gelb und schwarz um das immer gleiche Thema: wie sich das perfekte Serviceangebot rund um die effektive Mutterschaft schaffen lässt (und dann auch noch als pädagogische Wohltat verkaufen lässt): Mothers aren´t necessary – daycare is, wie es die Bloggerin Tracy Cassels ausdrückt.

Was für eine Gemeinheit! Welche Unterwerfung! Ja, welche Selbstverachtung! Statt zu sagen: dieser Spagat kann nicht funktionieren! – hängen wir noch ein weiteres Gewicht dran: so geht Emanzipation! Statt Mütterlichkeit (ob von Müttern oder Vätern ausgeübt) gegen den Moloch der globalisierten Arbeitswelt zu verteidigen – werten wir die Mütterlichkeit ab. Statt Forderungen nach mütterfreundlichen Unternehmen zu stellen – setzen wir auf die unternehmerfreundliche Mutterschaft: effektiv, zeitsparend, distanziert. Statt zu sagen: dieses System funktioniert für Mütter nicht – weisen wir Müttern einfach eine Rolle zu, die in das System passt. Und verlangen vom Kind, dass es als Rädchen mitläuft.

Nur: die Rechnung kann nicht aufgehen. Mutterschaft, Vaterschaft, Elternschaft – das kann doch nur funktionieren, wenn auch „Kindschaft“ gelingt! Das kann nur funktionieren, wenn Kinder und Mütter, Kinder und Väter, Kinder und ihre Erwachsenen sich wuselige, lebendige und bedeutsame Beziehungen auch „leisten“ können – und die reissen nun einmal auch nachts nicht ab und die lassen sich auch nicht nach Belieben delegieren. Nehmen wir das „Bemuttern“ doch als Chance, feiern wir es, machen wir es zum Gegenprogramm zu einer „mutterlos“ gewordenen Welt!

Denn wirklich:  Wenn wir uns dieses „Bemuttern“ unserer Kinder nicht mehr leisten können – was wollen wir in einer solchen Welt? Wenn wir unseren Kindern nicht mehr echt und frei und aus vollem Herzen begegnen können – was wird aus uns?

 

 

(Text auch erschienen in: Unerzogen 1/2017)

 

23 Gedanken zu „Mutterschaft 2.0

  1. Und wer macht ein solches System? Es sind leistungsorientierte Männer… Ihnen die Welt der Kinder näher zu bringen, wäre eine wichtige Aufgabe!!! So könnten sich Strukturen ändern!

  2. So wahr und so richtig! Ich bin derzeit zu Hause mit meinen Kindern. Habe studiert und bin Rechtsanwältin, aber was soll ich sagen -hoch qualifiziert hin oder her. Meine Kinder sind mir wichtiger.

  3. Das System?
    Es war schon vor 100ten Jahren so, daß Kinder beim Broterwerb der Eltern mitgeholfen haben. Am Hof, in der Werkstätte, als billige Arbeitskraft, als Rentenversicherung. Die Distanz, welche die Industrialisierung dadurch zwischen Eltern und Kindern erschaffen hat, kann man beklagen. Die Alternative heißt ganz einfach: Kinderarbeit.

    Das System sind einfach viele Menschen. Menschen wie Sie, Menschen wie ich.
    Menschen die versuchen sich ein gutes Leben zu machen.
    Menschen die Nahrung beschaffen, Unterschlupf bereitstellen wollen.
    Für sich, für Ihre Kinder.
    Das ist Arbeit. Arbeit braucht Zeit.

  4. Super und Danke für den Beitrag! Ich mache gerade Impulswochen „Schule heilen“ auf meinem Blog und merke immer mehr, wie sehr die deutsche Bevölkerung doch „niedrig“ gehalten wird. Aufstehen und für die eigene Sache eintreten ist hier einfach etwas, dass eher die Ausnahme ist. Wir sind ein Volk von Menschen die es annehmen, wie es ist. Was ja grundlegend eigentlich nicht schlecht ist, solange es mir gut dabei geht. Nur sind wir einfach auch gut daran es anzunehmen, wenn es uns schlecht damit geht.

    Wenn man sich unsere Vergangenheit -also die von Deutschland – einmal genauer ansieht auch absolut kein Wunder! Das war ja die Absicht der Menschen die um 1933 an die Macht kamen. Dieses Erbe haben wir und dieses Erbe tragen wir.
    Aber wir dürfen es uns jetzt ansehen, aufstehen und sagen: „Nicht mit mir!“ – egal ob es dabei um Schule geht oder um Arbeit. Familienleben in Deutschland ist nicht das einfachste ;-).

  5. Danke für den Text! Ich durfte mir auch schon beim Arzt nach den Angabe meiner Arbeit als Hausfrau und Mutter anhören, dass ich nicht arbeite.

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