Nachlass

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Also, ich habe in meinem letzten Blog-Eintrag ja schon davon gesprochen: Nora Imlau und ich schreiben gerade an einem Schlafbuch. Einem Ratgeber zum Thema „Schlaf gut, mein Schatz“ – also was für ganz normale Eltern.

UND WIE SPANNEND DAS IST – DAS WERDET IHR GAR NICHT GLAUBEN!!!

Denn da liegen natürlich Stapel von wissenschaftlicher Literatur auf dem Schreibtisch. Und daneben natürlich auch Stapel mit den ganzen Elternratgebern zu dem Thema. Von: „Warum französische Kinder nicht mit Kuchen werfen (und deshalb später so tolle Menschen sind)“ bis: „Juhu, ich fliege“.

Und dann sitzt man dazwischen und denkt: IN WELCHEM FILM BIN ICH DENN DA GELANDET??

Recherchiert man zum Beispiel die Schlafdauer des Kindes in dem Stapel mit der wissenschaftlichen Literatur, so staunt man nicht schlecht: wie unterschiedlich lange die Babys schlafen!! Als Neugeborene schlafen manche von ihnen 11 Stunden, andere dagegen 20 Stunden pro Tag – im Durchschnitt liegen sie bei 14,5 Stunden. Mit 6 Monaten schlafen Babys im Durchschnitt 13 Stunden pro Tag (ein bis drei Tagschläfchen inbegriffen) – manche kommen aber mit insgesamt nur 9 Stunden aus. Und im 2. Lebensjahr? Da liegt der tägliche Schlafbedarf im Schnitt bei 12 Stunden – plus/minus zwei Stunden. Alles mit Mittagschläfchen, wohlgemerkt.

Dieselben Unterschiede bei den Schlafportionen. Ja, es gibt Babys, die auch schon mit 6 Monaten mal 6 Stunden am Stück schlafen. Allerdings sind solche Babys die Ausnahme – und das selbst in Studien, die sich komplett auf die Erinnerungen der Eltern verlassen. Selbst zwischen 13 und 18 Monaten wachen noch immer zwei Drittel der Kleinkinder regelmäßig nachts auf (die meisten davon mehrmals – auch das nach Elternangaben, und die wissen durchaus, wie man sich recht zuverlässig seinen Ruf als Versager in Sachen Erziehung abholt…)

Und dann geht man zu dem anderen Stapel, dem mit der Elternliteratur. Mitten drin, natürlich: JEDES KIND KANN SCHLAFEN LERNEN, der immergrüne Ratgeber von Annette Kast-Zahn. Da steht eine verlockende Nachricht:

„Das Gehirn ist bei einem 6 Monate alten Baby schon so weit entwickelt und das Schlafmuster so ausgereift, dass endlich der Zeitpunkt gekommen ist: Das Baby kann 11 bis 12 Stunden lang schlafen – hintereinander!“ Die frohe Botschaft an die Eltern lautet also so (und sie wurde inzwischen mehr als eine Million mal gedruckt):

„Mit spätestens 6 Monaten ist … eine elfstündige Nachtruhe (ohne Mahlzeiten) normal.“

Und auf einmal steht zwischen diesen Stapeln auf dem Schreibtisch eine sehr grundlegende Frage. Wie weiß man eigentlich, was normal ist und was nicht? Welche Kriterien legt man da am Besten zugrunde? Ja – was heisst überhaupt „normal“? Ist das normal, was die allermeisten Kinder machen (davon ist in den Stapeln mit der wissenschaftlichen Literatur die Rede, siehe oben)? Oder ist das normal, was sich die Erwachsenen von den Kindern wünschen (davon handelt so manche Seite in dem für die Eltern geschriebenen Stapel)?

Mit der letzten Definition hätten wir einen ziemlich lästigen Beifang: wenn sich Kinder tatsächlich dadurch als „normal“ erweisen, dass sie bestimmte, ihnen von außen gesetzte Ziele erreichen – wie nennen wir dann die Kinder, die die ihnen aufgelegte Latte reißen? Sind die dann: abnormal? … gestört? … oder gar krank?

Und wie gehen wir mit diesen Kindern um? Ab in die Schlaftherapie (die Therapieprogramme werden ja oft gleich mitgeliefert)?

Vor allem aber: Wenn Normalität per Ansage ensteht – wer genau darf dann dieses Wunschkonzert dirigieren? Wer darf die Ansagen machen, was Kinder in welchem Alter alles können – oder eben können sollen...? Wir hatten das ja schon einmal mit der frühen Sauberkeit: auch da galt auf einmal als „normal“, dass die Kleinen schon mit zwei Jahren trocken und sauber sind. Und wehe den anderen.

Vielleicht können wir uns so verständigen: Es ist normal, dass Eltern Wünsche haben – auch was ihre Kinder betrifft. Aber mit dem Umkehrschluss – dass also das normal ist, was sich Eltern wünschen – da sollten wir vielleicht doch etwas vorsichtiger sein.

Dazu rät auch eine ziemlich unbestechliche Wissenschaft, die Mathematik. Wenn wir uns die oben beschriebene Schlafdauer bei kleinen Kindern anschauen, so ergibt sich tatsächlich ein Rätsel. Nicht wenige Babys und Kleinkinder kommen nämlich nach den Statistiken der Wissenschaftler selbst dann nicht auf 11 Stunden Schlaf, wenn man alle Schlafportionen des Tages zusammennimmt (also Nachtschlaf samt Mittagsschläfchen betrachtet). Wie kann es für diese Kinder „normal“ sein, dass sie allein schon in der Nacht 11 Stunden am Stück durchschlafen???

Aber lassen wir das Rechnen. Solche willkürlich festgesetzen Normen haben ja auch ihr Gutes. Sie lassen sich einfach ändern, ruckzuck und einfach so.

Und siehe da. Als mir vor kurzem die neueste Auflage von „Jedes Kind kann schlafen lernen“ in die Hände kam, blättere ich doch glatt gleich auf die Seite mit den Angaben, was ein „gesundes Baby“ alles kann. Und was steht da?

„Das Gehirn ist bei einem 6 Monate alten Baby schon so weit entwickelt und das Schlafmuster so ausgereift, dass das Kind 9 bis 10, manchmal sogar 11 Stunden lang schlafen kann – am Stück!“

Die Kleinen haben immerhin 2 Stunden Nachlass bekommen! Zwei volle Stunden! Statt 11 bis 12 Stunden gelten jetzt auf einmal 9 bis 10 Stunden als „normal“. Für Eltern, die sich ja immer auch selbst ans Kreuz nageln, wenn ihre Kinder nicht das bringen, was in den Büchern steht, ist das eine ganze Menge.

Immerhin eine Stunde davon wird dann tatsächlich auch in einer neuen frohen Botschaft an die Eltern weitergegeben:

„Mit spätestens sechs Monaten ist es so weit: Eine etwa zehnstündige durchgehende Nachtruhe (ohne Mahlzeiten) ist normal – und für alle gesunden Kinder erlernbar.“

Eindeutig: da tut sich etwas! Eltern müssen jetzt nur noch ein paar Auflagen durchhalten. Ein, zwei Stündchen pro Auflage werden ja wohl drin sein.

Ja, und dann – dann gehören bald schon die meisten Kleinen zu den ganz „normalen“, gesunden Kindern! Und auch Ihr Kind ist dann gewiß dabei!

2 Gedanken zu „Nachlass

  1. Mein Eindruck zum beworbenen Buch „Schlaf gut Baby“: ein ungleiches Autorenteam, Ergebnis populärtauglich. Es gibt gehaltvollere Werke von Dr. Renz-Polater.

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