Stillen als Schändung ?

xx_brunnen

Heute hat mich folgende Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur erreicht:

Schändung – Zürcher Mutter gibt 7-jähriger Tochter die Brust – Vater verurteilt

(sda, 13.04.2016) Eine Mutter aus dem Zürcher Limmattal hat ihrer Tochter noch im achten Altersjahr die Brust gegeben. Weil der Vater dies zuliess, ist er unter anderem wegen Schändung zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt worden. Die Mutter wird sich noch vor dem Dietiker Bezirksgericht verantworten müssen.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind happig: Sie wirft einem Ehepaar „Schändung“ und „sexuelle Handlungen mit Kindern“ vor, wobei das Opfer deren gemeinsame Tochter ist.

Die Mutter soll ihre normal entwickelte, über siebenjährige Tochter regelmässig, während jeweils 20 Minuten an ihrer Brust nuckeln gelassen haben. Dies obwohl sie längst abgestillt hatte und das Kind längst keine Muttermilch mehr trank.

Wie die Staatsanwaltschaft festhielt, habe das urteilsunfähige Kind das Vorgehen ihrer Mutter nicht richtig einordnen können.

Der aussergewöhnliche Fall, mit dem sich die Zürcher Justiz beschäftigte, flog auf, als die Mutter nach Weihnachten 2014 ihren Mann verliess – und dieser seine Ex-Lebenspartnerin anzeigte.

Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen ein – gegen beide Elternteile. Inzwischen wurde nun der Vater per Strafbefehl rechtskräftig verurteilt.

Der Vater unternahm nichts.

Gemäss Strafbefehl hat der Mann zwar sein Missfallen über die Handlungen der Mutter geäussert. „Allerdings hat er über mehrere Jahre hinweg keine weiteren Schritte unternommen, um diesem Tun seiner Frau Einhalt zu gebieten.“

Weil er nicht eingeschritten sei, habe der Mann die sexuellen Handlungen seiner Frau unterstützt. Quasi als Mittäter wurde er nun zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt. Gegen die Mutter wurde ebenfalls Anklage erhoben. Sie wird sich vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten müssen.

++++Ende der Meldung++++

Ich wurde nun angefragt, was ich von dieser Meldung halte. Und gebe meine Antwort hier einfach wieder, weil ich meine, dass dieser Fall breit diskutiert, besprochen und von möglichst vielen Eltern und Fachleuten beurteilt werden sollte. Schliesslich geht es um Fragen der Biologie, der Moral, der kulturellen Normen – aber auch um Bürgerrechte: kann ich als Vater jetzt meiner Ex das Sorgerecht entziehen lassen, weil die unser Kind noch stillt? Und wenn ja, in welchem Alter? Schließlich wird der Vater angeklagt, er habe „über mehrere Jahre hinweg keine weiteren Schritte unternommen, um diesem Tun seiner Frau Einhalt zu gebieten“. Wann hätte er „einschreiten“ sollen? (Und wenn ja, wie?)

Hier also meine Gedanken und Überlegungen zu dem „Fall“:

Ganz vorneweg bin ich in Sorge, dass hier die Justiz eine Frau für ein Verhalten kriminalisiert, das die Beamten nicht wirklich gut einschätzen können. Stillen ist ein kulturell kanalisiertes Verhalten, entsprechend unterschiedlich wird es rund um die Erde, aber auch hierzulande in den unterschiedlichen Elternschaftsmilieus gehandhabt.  Einfach aus der Dauer des Stillens (zu dem Begriff gleich mehr) auf einen Missbrauch zu schliessen, ist eindeutig unzulässig. Denn:

  • für das 7-jährige Kind ist die Brust nicht sexuell konnotiert, dasselbe ist für die Mutter anzunehmen, das Stillen ist hier bis zum Beweis des Gegenteils als ein  gewohnheitsmäßiges Beziehungsritual anzusehen. Ich selber kenne keinen Fall, in der eine Mutter sich mit ihrer Brust in sexueller Absicht über ihr präpubertäres Kind hermacht. Insofern wird es interessant sein, wie das Gericht eine mögliche Schädigung des Kindes begründen wird.
  • wie viel Milch beim Stillen übertragen wird, dürfte weder dem Vater noch dem Richter bekannt sein. Die Übergänge zwischen einer laktierenden und einer nicht laktierenden Brust sind fliessend, und bei regelmäßigem Anlegen ist anzunehmen, dass nach wie vor eine Laktation stattfindet, wenn auch in geringem Ausmaß. Stillen hat immer auch eine nicht-nutritive Funktion, hier sind sich alle Experten einig, und selbst wenn letztere in diesem Fall im Vordergrund steht, spricht das nicht per se für ein pathologisches Verhältnis.
  • aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung fällt das Alter des Kindes weder aus dem evolutionsbiologisch plausiblen noch aus dem in unterschiedlichen Kulturen beschriebenen Rahmen (Näheres und Literaturangaben hierzu in meinem Buch: Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt, Kösel 2015. Siehe auch meine Zusammenfassung hier: http://kinderverstehen.de/images/Langzeitstillen_140210.pdf, sowie: Nelson et al, Pediatrics, 2000, http://pediatrics.aappublications.org/content/pediatrics/105/6/e75.full.pdf), hier ein Auszug aus diesem Fachartikel, der das Stillverhalten in 35 traditionellen Gesellschaften untersucht:

Most of the societies (14/35) wean their infants at 2 to 3 years of age, and in 12 societies, the children are older than 3 years of age, eg, Amdaman women never wean their infants as long as they are able to suckle them. In Korea, mothers wean their infants normally at 2 or 3 years of age, but when there are no younger children, they suckle their children until they are 7 or 8 years old, sometimes even to 10 or 12.

  • die kinderärztlichen Fachgesellschaften definieren die normale Stilldauer als „individuelle Entscheidung, die gemeinsam von Mutter und Kind getroffen wird“ (auch aus diesem Grund erscheint mir die Rolle des Vaters in diesem Fall bedenkenswert, er ist seit den 1950er Jahren auch in Bezug auf die Stillentscheidung nicht Vormund der Frau, es erscheint seltsam, wenn er dann  von der Justiz als solcher behandelt wird, aber das nur am Rande).

Ich bin über diesen Fall einigermaßen schockiert, aus mehreren Gründen:

Der erste ist ein persönlicher: als junger Kinderarzt in den USA war ich in einen Fall involviert, in dem eine arabischstämmige Großmutter wegen sexuellen Missbrauchs ihres Enkels tatsächlich in Haft genommen wurde – sie hatte den Penis des Neugeborenen geküsst (in ihrem Kulturraum ein normales Verhalten bzw. Ritual). Das hat mich gelehrt: wir müssen vorsichtig sein, wenn wir „sittliche“ Urteile fällen. Und ganz zentral nicht die Verletzung kultureller Normen, sondern eine mögliche Schädigung des Kindes in den Mittelpunkt unserer Bewertungen stellen: wird dieses Kind durch diese Stillbeziehung geschädigt?

Der zweite Grund betrifft die in meinen Augen unzureichende Begründung: die Auffassung, dass hier ein  Missbrauch vorliege, wird hier ja tatsächlich aus normativen Vorstellungen abgeleitet („normale“ Stilldauer), deren Hintergrund die Richter weder  kennen noch kennen können. Dasselbe gilt für die Einschätzung der Laktation, die letzten Endes fachlich fragwürdig vorgenommen wird („keine Milch mehr, warum still sie dann…?“).

Ich hoffe und würde mir wünschen, dass in diesem Fall mehr Fachpersonen um Rat gefragt werden, etwa die Berufsverbände der Stillberaterinnen, die mit solchen Fragen vertraut sind. So wie es ist, habe ich ein sehr ungutes Gefühl (auch übrigens wegen der Berichterstattung der Pressemeldung, die im Grunde keine Meldung ist, sondern in Stil, Wortwahl und Duktus eine Verurteilung darstellt).

 

Und dem kann jetzt gar nicht mehr hinzufügen, ich bin echt gespannt, wie das jetzt weitergeht. Wird der Mutter jetzt ihr Kind wegen „Schändung“ weggenommen? Wie empfindet das Kind, was geht in ihm vor?

8 Gedanken zu „Stillen als Schändung ?

  1. Ich finde es traurig, dass so ein Gerichtsurteil gefällt werden kann.
    Und ich bin froh, dass sich durch mein Kind und Fachliteratur mein Horizont so stark erweitert hat, dass ich nicht geschockt bin über eine Stillbeziehung in diesem Alter zu erfahren.

    Ich selbst stille seit 2 1/2Jahren- ich kann mir nicht vorstellen es in 5Jahren so zu handhaben, aber ursprünglich konnte ich es mir auch nicht vorstellen länger als 1Jahr zu stillen. Ich bin in meinem Umfeld die einzige „Langzeitstillerin“. Ohne entsprechende Literatur über Stillen, Familienbett, allgemein AP, weiß ich nicht wie es mir in meinem Umfeld mit dem Druck ergangen wäre.

  2. Mir fehlen die Worte, nicht zum ersten Mal. Als Stillberaterin habe ich miterleben müssen, dass eine Mutter das Sorgerecht über ihren 2 1/2 Jahre alten Sohn verlor, weil der Vater ihr Missbrauch unterstellte um sie nach der Trennung noch ein bisschen mehr fertig zu machen. Dass dabei Seelen zerbrechen, und zwas ganz sicher alle 3 Beteiligten, daran denkt keiner, wenn er solch einen Fall juristisch aufgreift. Wieso wird das Geld und die Energie nicht in Schritte investiert werden, die die tatsächlichen Probleme lösen – etwa die Angst des Vaters, seinem Kind nicht ebenso viel „bieten“ zu können wie die Mutter mit ihrer Brust; oder seine Angst, das Kind könnte sich zu sehr an die Mutter binden. Wo doch absolut klar ist, dass es nur dann allen gut gehen wird, wenn es wirklich jedem in der (Ex-)Familie gut geht. Und dass DIES die oberste Priorität sein sollte…
    Im Übrigen ist es leider so, dass die Stillorganisationen sich weitestgehend aus diesen Fällen heraushalten, weil sie nicht in Schubladen landen wollen, die sie marginalisieren könnten. Das kann ich nachvollziehen, aber ich finde es dennoch traurig, denn damit machen wir uns mitschuldig am Leid von Müttern und ihren Säug-Lingen.

    Wen wird das Gericht zu Rate ziehen? Kann eine Petition hier helfen, dass über den Tellerrand hinweg geschaut wird und die RICHTIGEN Fragen gestellt werden, wie sie HRP in seinem Statement formuliert? Dass nicht aufgrund von Vorurteilen und Unwissen grausame Entscheidungen getroffen werden?
    Das hoffe ich aus tiefstem Herzen.

  3. Ich bin entsetzt über die Art und Weise, wie mit einem solchen Geschehen umgegangen wird. Ich selbst stille seit 6 1/2 Monaten und empfinde es als eine der wunderbarsten Erfahrung in meinem Leben. Nicht nur, dass es mein Mutterherz mit Stolz erfüllt, dass das kleine Wesen durch meine Muttermilch die ersten Monate durchs Leben getragen wird und wächst, nein es ist auch eine wunderbare Bindung zwischen meinem Sohn und mir entstanden, die durch das Stillen noch intensiviert wurde, da nur wir beide dieses Erlebnis teilen. Sicher sollte man sich fragen, ob diese Stillbeziehung zwischen einem siebenjährigen Kind und seiner Mutter „noch sein muss“. Aber es sollte, wenn keine Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung vorliegen, doch nicht Aufgabe des Gerichts sein, darüber zu urteilen. Vielmehr wäre es ratsam, Mutter und Kind ein Gespräch und Beratung anzubieten, inwiefern diese Art der intensive Bindung altersgerecht ist.
    Ich sage ganz entschieden, dass das Geld und die Energie, die in einen solchen Prozess fließen, darin reininvestiert werden MUSS, gegen wirklichen Missbrauch und Straftaten am Kind vorzugehen. Während einer liebenden Mutter ein Stillverbot per Gericht diktiert werden soll und sie womöglich eine Strafe erhält, werden anderswo Kinder vernachlässigt und misshandelt. Diesen Kinder muss geholfen werden! Und zwar so schnell wie möglich.

  4. Ich bin auf ihre Seite gestossen und später auf diesen Artikel. Besten Dank für ihre wirklich fundierten Texte. Ich habe nichts anzufügen.
    Ebenfalls sprechen mir ihre „Erziehungsgrundhaltungen“ aus der Seele.
    Meine Kinder haben mir wirklich gelernt, was sie brauchen (und das obwohl ich als Sozialarbeiterin wirklich dachte über Pädagogik Bescheid zu wissen).
    Ich freue mich auf das Buch Menschenkinder, welches bald eintreffen sollte!

  5. Einfach nur toll, ich habe sehr viel in meinem Beruf mit Kindern zu tun und ich weiß nur zu gut, wie schön es ist verstanden zu werden. Die meisten Erwachsenen wollen nie richtig verstehen oder haben zu hohe Erwartungen gegenüber dem Kind. Das ist so aber definitiv der Falsche Ansatz. Absolut lesenswert der Artikel bzw. der gesamt Blog, meine Empfehlung habt 🙂

  6. Ich weiß gar nicht so recht, ob das hier in diesen Artikel reinpasst, ich schreib schreibe es einfach mal hier rein. An dieser Stelle erst mal vielen Dank für die vielen wertvollen Informationen, die man in diesem Beitrag / Blog finden kann. Das Internet ist ja voll mit Informationen zum Thema Schwangerschaft bzw. Leben mit Kindern und leider lassen sich viele werdende oder gerade gewordene Mütter gerade beim ersten Kind total irre machen. Da ich selber einen Sohn habe, weiß ich nur zu gut, wie ein Kind das Leben schlagartig verändert, bzw. auf was man jetzt zusätzlich noch alles achten muss, gerade was das Leben in der Familie angeht. Wie gesagt, Daumen hoch für den Blogbetreiber / Blogbetreiberin, für die Zeit bzw. Arbeit, die hier investiert wird. Gerade wenn man Kinder hat, ist es schon ein Kunststück sich für sowas Zeit zu nehmen. Liebe Grüße

  7. Diese Gesellschaft vertraut den Menschlichen Beziehungen nicht. Es Mißtraut Allem was gegen die gegenwärtige Norm sich verhält. Respekt, das es möglich macht aus verschiedenen Blickwinkeln etwas zu betrachten, herrscht nur seltens. Es ist für diese Gegenwart singnifikant. Dann kommt hier noch das Regelwerk, die Justiz in letzter Instanz, die dies regeln soll. Und sicherlich findet es irgendeinen Paragraphen das hier zur einer Verurteilung u. Regelung gefunden wird. Die letzten, die allerletzten Freiheiten eines Menschen wird somit geregelt. Eine neurotische Gesellschaft, mit der panischen Angst , irgendwas ist nicht unter Kontrolle. Das Emphatie und Intuition, eine überlebenswichtige Kompetenz, angeboren Kompetenz, des Menschen eigen ist, wird nur kurz in der öffentlichen Diskusion angesprochen. Wenn überhaupt erwähnt. Aber der Richter und die Staatsanwaltschaft haben das letzte Sagen. Punkt. Sie haben die Weisheit in der Wiege gelegt bekommen. Die Gefängnisse sind voll von Menschen die abgeurteilt wurden , weil sie nicht in unsere Gesellschaft passen. Ich will es mal zugespitzt formulieren. Entweder paßt dein Verhalten in die gegenwärtige Norm, und bist bequem, nett, überschaubar oder du landest in die Aufbewahranstalt. Das hatte Deutschland doch schonmal. Im dritten Reich hieß es „unwertes Leben“. Andere persönliche Meinungen waren „Feinde des Reiches“. Diese Menschen die mit einem gesunden Menschenverstand agierten, wurden ermordet. Kontroverse Diskusionen, eine Vision. Wie sieht es gegenwärtig aus? Mich wundert dieser Fall nicht. Diese Gesellschaft krankt an vielem.

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