Von der Aktivierung der weiblichen Fachkraft. Und vom richtigen Gebrauch der mütterlichen Brust.

Heute ist wieder so ein Tag. Für wie stulle hält man das durchschnittliche Exemplar von Homo sapiens eigentlich?

Als erstes kommt eine Pressemeldung der Bundesagentur für Arbeit rein. Die BA nimmt offensichtlich gerade ihre letzten Patronen aus dem Gürtel: „Die oft starren Betreuungszeiten in Kitas passen nicht zur heutigen Lebens- und Arbeitswelt. Wir brauchen mehr Absicherung der Betreuung in Randzeiten und an Wochenenden. Nur so können wir Arbeitskräftepotenziale insbesondere unter den Alleinerziehenden aktivieren“, appelliert Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der BA. Sein Vorschlag: eine Offensive „für die Umschulung in den Erzieherberuf“ mit „verkürzten, zweijährigen Ausbildungsgängen“.

Ouups, lieber Herr Alt, da hätten Sie mich aber vorher fragen müssen!! Das klingt doch irgendwie … technokratisch, ja: kalt! So wie das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln damals mit seiner Forderung nach einem raschen Krippenausbau, die es mit der Befürchtung begründete, „dass in Zukunft nicht mehr genügend Humankapital zur Verfügung steht, um den produktiven Einsatz des Sachkapitals zu ermöglichen.“  Und jetzt Sie: die Kinder sollen bitteschön an den Randzeiten wegorganisiert werden können, damit der Wirtschaft auch nachts und an den Wochenenden genügend Servicekräfte zur Verfügung stehen? Genau so klingt das nämlich für normale Menschen!

Aber ich weiß, so meinen Sie es nicht! Ihnen geht es um die Verbesserung der heutigen Lebens- und Arbeitswelt! Aber dann, lieber Herr Alt, halten Sie sich doch auch bitteschön an die übliche Sprachregelung. Sie hat sich bewährt, und sie hält bis heute die Eltern von der Straße fern. Und so schwer ist das gar nicht:

Um den Jüngsten ein besseres Bildungsangebot machen zu können, sollten Krippen und KiTas auch an den Abenden und Wochenenden geöffnet sein. Die Ansprüche an die Bildung der Kleinen sind in der heutigen Lebens- und Arbeitswelt gestiegen, und nur durch eine flexible Teilhabe an inklusiver und partizipativer Bildung hat jedes Kind eine Chance auf einen gerechten Start in die Wissensgesellschaft.

Kein großes Ding, hat mich genau zwei Minuten gekostet! Nun müssen Sie halt eine Weile damit leben, dass manche meinen, Sie wollten sich ja doch nur an die Mütter ranmachen. Zumal an Allein-Erziehende, wie Sie dann auch noch schreiben. Aber in Wirklichkeit geht es Ihnen doch um die KINDER, um unser aller Zukunft!

 

Und dann, am gleichen Tag, das. Unter der Überschrift „Die 20 wichtigsten Medizin-Mythen“ geht die ZEIT auf die Irrtümer in Gesundheitsfragen ein.

Mythos Nummer 8: Langes Stillen ist gesund! Nein, ist es eben nicht! Mit dem üblichen Hinweis auf „Experten“ heisst nämlich das Fazit des Autors, Jan Schweitzer (klingt nach Arzt, oder?): „Vier Monate volles Stillen sind absolut ausreichend.“ Und dazu ein Cartoon von einem Kind mit Schulranzen, das wie ein Weltmeister an der Mutterbrust trinkt. Nun weiß ich nicht, was man dort in der Redaktion so einwirft um besonders kreativ zu sein, aber als Leser – puuuh, *schwindel*!! Eine gute Mutter, so habe man bisher gedacht, sei nur, wer „ausgiebig und ausdauernd“ stillt. Sagt Herr Schweitzer. Hmmm. Dann der Hinweis, „dass das genaue Gegenteil der Fall ist“! Ja, und dann dieser Kleine, der sich an der Brust seiner Mutter die Zeit vertreibt, bis der Schulbus kommt. Was wir dann lernen: das „ausschließliche“ Stillen über 4 Monate hinaus könne vielleicht Allergien verursachen (die Forscher seien da noch uneins). Aber vorsorglich gehöre ein Deckel aufs Stillen, ganz logisch: „Noch ist die Frage nicht endgültig beantwortet, aber man kann sagen:  Vier Monate volles Stillen sind absolut ausreichend.“ Wer merkt da schon, dass der Deckel vielleicht ein bisschen klemmt – man freut sich ja so mit dem Jungen, dass er statt Nuckeln jetzt endlich mal Fußball spielen darf.

Vielleicht kann man bei aller Unklarheit da vielleicht absolut mal das sagen: Man braucht als Zeitung zum Erfolg offensichtlich nur genügend Leser, die dumm genug sind, dass sie nicht verstehen, für wie dumm sie verkauft werden.

 

Und da dachte ich mir, was wohl mein Herr Alt bei der Bundesagentur für Arbeit dazu sagen wird, wenn er am Wochenende die ZEIT aufschlägt und erfährt, dass die mütterliche Brust eigentlich zumeist übertrieben eingesetzt wird. Ha, wird er sagen, da hammers: und die wollen sich volle DREI JAHRE in der sozialen Hängematte ausstrecken? Wo wir uns den Allerwertesten aufreissen, um Arbeitskräftepotenziale zu aktivieren? Also wenn man da nicht mal nach vier Monaten einen Punkt machen kann. Auch den Frauen wird man ja wohl ein bisschen Effizienz abverlangen dürfen, wir stehen schließlich im globalen Wettbewerb.

Aber dann, lieber Herr Alt, rufen Sie mich dieses Mal doch wirklich an, bevor Sie eine Pressemeldung rausgeben. Mutterschutz, Babypause, Elternzeit und so weiter – heikle Themen, Sie wissen schon. Es geht Ihnen ja nicht darum, den Müttern das Stillen madig zu machen oder gar die Brust nur als Dekoration zu sehen. Sie wollen, dass dieses unser Land im Innovationswettbewerb mithalten kann (das Wort können Sie sich schon mal merken). Und dazu muss man auch mal Forderungen stellen, und auch mal wieder diesen Ruck beschwören. Sie erinnern sich ja noch, Roman Herzog damals, und wenig später hatte der Ackermann von der Deutschen Bank schon eine Rendite von 25%. Ja, dieser Ruck soll jetzt ruhig auch mal durch die Mütter gehen. Bitte, Herr Alt, fordern Sie den Ruck! Nur tun Sie es diesmal um Himmels Willen mit den richtigen Worten. Ich bin jederzeit für Sie da!

9 Gedanken zu „Von der Aktivierung der weiblichen Fachkraft. Und vom richtigen Gebrauch der mütterlichen Brust.

  1. Danke für diesen Artikel. Es ist wirklich traurig wie wir Eltern in Deutschland immer mehr dazu gedrängt werden, noch effizienter, noch besser und mehr zu arbeiten. Selbst unsere Familienministerin Frau Schweswig sagte ja bereits, das Ziel wäre es, Mütter möglichst bald Vollzeitnah in Beschäftigung zu bringen.
    Nachdem wir nun schon unsere alten Menschen ausgelagert haben und uns nicht mehr selbst kümmern müssen/wollen, sind jetzt die nächsten dran die sich nicht wehren können. Unsere Kleinkinder.

    Ich als Altenpflegerin würde also, wenn ich arbeiten gehen würde, meine Tochter einer Erzieherin anvertrauen zur Pflege und Aufsicht um meinerseits die Mutter dieser Erzieherin zu pflegen… Und das alles für ein paar Euro die Stunde. Denn sowohl Erzieher als auch Altenpfleger gehören nicht zu den Grossverdienern in diesem Land. Denn sie kümmern sich ja „nur“ um noch nicht oder nicht mehr nutzbares „Humankapital“ wie die Wirtschaft das so pervertiert ausdrückt.

    Meine Kinder sind also „Humankapital“? Ich habe derer 3, im Januar kommt Nr.4. Mein ältester Sohn ist 16, geht auf die Oberstufe und will Abitur machen, von sich aus und das obwohl er 3 Jahre bei mir zu Hause war. Welch Wunder!! Meine Tochter, jetzt 19 Monate, habe ich 6 Monate voll gestillt und dann ganz langsam nach ihrem Bedürfniss und ihrem Tempo feste Nahrung eingeführt. AUch mit meinem nächsten Kind werde ich so verfahren.

    Für mich ist der Zeit Artikel nur ein weiterer, der der Wirtschaft in die Hände spielt, so wie es fast überall üblich ist. Eigentlich müssten sich endlich mal all die Eltern die so gerne bei ihren Kindern bleiben möchten, aber es sich schlicht nicht leisten können, endlich zusammentun und eine Riesendemo in Berlin gegen das Elterngeld veranstalten. Denn das ist der größte Mist der Familienpolitik überhaupt. Hilft den Gutverdienern und benachteiligt Geringverdiener. Es sorgt dafür das Mütter gegen ihr Bauchgefühl handeln beim Kind zu bleiben. Ich jedenfalls kenne keine Mutter in meinem Bekanntenkreis die ihr Kind mit 1 Jahr freiwillig in die Krippe gibt. Es stecken immer wirtschaftliche Zwänge dahinter und das hat nichts mit guter Familienpolitik zu tun, sondern nur mit guter Wirtschaftspolitik.

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