@Wibke: Nein du, Ferber ist kein Softie…

Hallo Wibke, Du schreibst zur Ferber-Methode das:

Trotzdem ist es ein Unterschied, ob diese Alptraum-Methode an einem 3 Monate alten Säugling oder einem über 1jährigen Kind angewendet wird, so wie sie ursprünglich gedacht war und was bei der Übersetzung wohl verlorenging (?)

Ja, das wird immer wieder behauptet, dass Ferber sein „Training“ erst ab 12 Monaten empfiehlt, aber das stimmt nicht und hat noch nie gestimmt. Richard Ferber steht bis heute zu seinen vor bald 50 Jahren entwickelten Vorstellungen (mit einer einzigen Ausnahme: seit Mitte der 2000er Jahre sieht er auch das Elternbett als gute Möglichkeit an, um für einen ruhigen Schlaf zu sorgen – er hat das, so legt es das Vorwort der Auflage von 2006 nahe, an seinen Kindern bzw. Enkeln gelernt).

Tatsache aber ist das: wer Ferbers Ratgeber liest, dem begegnet genau das gleiche, auf Kontrolle und Verhaltensmanipulation gerichtete Beziehungsbild wie bei Kast-Zahn (sie hat das meiste ja 1 : 1 von ihm übernommen, samt der Fallbeispiele). Hier eine kurze Zusammenfassung, für was Ferber steht (aus: Richard Ferber: Solve your child´s sleep problem, new, revised and expanded edition, 2006):

Alter für das „Schlaftraining“

Ja, er sagt das tatsächlich: Don´t start too young (S 96)! Beginne nicht zu früh! Damit meint er allerdings das: Man solle NEUGEBORENE  in Ruhe lassen, denn:

„newborns do not sleep through the night, and you should not try to make them“.

Also: Neugeborene schlafen nicht durch, und du sollst das auch nicht von ihnen verlangen. Danke. Er rät deshalb, mit „major changes“ zu warten. Und zwar bis zum Alter von 3 bis 4 Monaten. In diesem Alter sei das Schlafmuster der Babys „fairly mature“ (ziemlich ausgereift). Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, bei einem schlafgestörten Baby mit dem Schlaftraining zu beginnen (zumindest wenn die Probleme „schwer“ wären – darunter versteht Ferber, dass die Mutter mehr als 2 Mal zu ihrem Baby gehen muss). Dünner besaitete Eltern könnten „bei leichten Störungen“ aber durchaus noch ein paar Wochen lang nach dem Muster „im Zweifel für den Angeklagten“ verfahren… Spätestens mit 5 Monaten allerdings sei es an der Zeit, selbst bei „kleinen Problemen“ zu handeln, d.h. mit dem Schlaftraining zu beginnen.

(Bis heute gilt in den USA zumeist das Alter von 4 Monaten als das „richtige“ Alter um mit dem Schlaftraining zu beginnen, an der Ostküste raten einige Kinderärzte aber eher zum Beginn mit 8 Wochen).

Kinder einsperren?

Laut Ferber ist das selbstverständlich, denn wie sollten sie sonst dazu gebracht werden, in ihrem Zimmer zu bleiben? Schließlich können sie irgendwann aus ihren Kinderbettchen steigen (S 118). Damit die Kinder kapieren, dass sie das Zimmer nicht verlassen dürfen, hat Ferber  ein ausgeklügeltes, eskalierendes Zeitschema entwickelt, nach dem die Türe komplett zu verriegeln ist  (natürlich steigert sich diese Zeit, wenn das Kind Widerworte gibt, zornig wird oder sich nicht an die Vorgaben hält). (S 121)

Nachts noch trinken?

Babys, die das noch verlangen, sind für Ferber schlichtweg nicht normal:

„No normal, healthy full term baby requires a nighttime feeding when they are five months old, and you can certainly insist on stoppping them altogether at that point if you want to.“ (S 141)

Also: Kein normales, gesundes, reifgeborenes Baby braucht mit 5 Monaten nachts noch eine Mahlzeit…

Eltern-Kind-Beziehung

Und wenn Ferber etwas über die Eltern-Kind-Beziehung schreibt, dann mokiert er sich in aller Regel darüber, dass die Eltern zu schwach seien um Ansagen durchzusetzen. In einem wirklich gruseligen Kapitel (Kapitel 5) beschreibt er im Grunde nur, mit welchen Methoden die Kinder ihre Eltern manipulieren und was die Eltern tun können um wieder „in charge“ zu kommen. Da nennt er dann „Aufkleber- und Punktesysteme“, Türgitter, Türen abschliessen, und natürlich die Gegen-Eskalation (wenn ein Baby beispielsweise brüllt, wenn die Eltern ins Zimmer kommen, weil es hochgenommen werden will, dann sollen die Eltern sofort rausgehen, denn sonst verstärken sie ja dieses „ungebührliche“ Verhalten). Kein Wunder sind für Ferber die meisten „Schlafstörungen“ ein Ausdruck davon, dass die Eltern ihren Babys und Kleinkindern keine Grenzen setzen.

Unterwerfung als Programm

Ferber gilt zumindest im weißen Mainstream-Amerika bis heute als DER Schlafguru, die Eltern folgen in der überwiegenden Mehrheit seinem Rat und seiner Philosophie (wer mit Schlaftrainings nach dem amerikanischen Muster – baby it´s so hard, but i LOVE you… – nicht vertraut ist, kann sich hier einmal einen Facebook-Eintrag anschauen, der mir über Freunde in die Hände kam…)

Und diese Nebenbemerkung erlaube ich mir nun bewusst. Dass sich gerade in den USA so viele Menschen einem offenkundig selbst schwer gequälten Führer unterwerfen, das hat für mich auch etwas mit der dort üblichen Behandlung der Kinder zu tun. Sie müssen in der Spur laufen, von Anfang an, in allen Belangen, selbst beim Schlafen. Die kollektive Selbstverleugnung, die wir da erleben, diese verzweifelte Suche nach Macht und Größe, sie ist anders nicht zu verstehen.

Unterwerfung wird erlernt.

 

14 Gedanken zu „@Wibke: Nein du, Ferber ist kein Softie…

  1. Mein Wissensstand ist, dass Ferber dieses Programm als Notlösung für Eltern entwickelt hat,die psychisch so sehr gefordert sind, dass sie Gefahr laufen das Kind körperlicb zu verletzen. Als solches hat es meiner Meinung nach also seine Berechtigung. Soweit ich weiß findet Ferber es auch schlimm, dass das Programm nun für den Alltag angewandt wird.
    Haben Sie gegenteilige Aussagen von ihm?
    Ich finde leider gerade meine Quelle nicht. Also nur, um da den Namen nicht immer als Schlagwort in den Schmutz zu ziehen, falls es denn wirklich nicht so beabsichtigt war.

  2. Ich verfolge den Blog jetzt schon eine Weile und finde die Diskussionsanstöße immer sehr anregend. Ihre Bücher bescheren mir viele schlaflose Nächte, aber nur aus guten Gründen ;). Vielen Dank dafür! Ich bin selbst Biologin und vor allem „Kinder verstehen“ trifft bei mir ins Schwarze.

    Beim vorliegenden Thema frage ich mich jedoch, ob wir -das heißt in dem Fall, wir Nicht-AmerikanerInnen- nicht von einem recht hohen Ross herunter urteilen. Dass es keine Missverständnisse gibt: ich will und werde auf keinen Fall Ferber oder ähnliche Methoden für aktzeptabel erklären. Aber ich denke, dass das Umfeld, in dem die entsprechende Familie lebt, bei der Beurteilung (Verurteilung?) eine Rolle spielen sollte.

    Mein zweites Kind ist ein typisches Steinzeit-Baby. Tragen, bitte non-stop, nachts Körperkontakt bzw. auf-Mama-schlafen, bitte Haut an Haut. Da es das Zweite ist, war ich entsprechend entspannt und habe nicht mehr auf diverse „aber-das-Kind-muss-doch“ Ratschläge gehört und das Kind so genommen, wie es ist. Für eine Erstlingsmutter ist das schon ganz schön viel verlangt, finde ich, denn es gibt kaum einen anderen Lebensbereich, in den einen so sehr jeder Hinz und Kunz meint, reinreden zu müssen, wie Schwangerschaft und Kindererziehung.

    Natürlich hat das Kind bei mir geschlafen, natürlich habe ich es rumgetragen, natürlich wurde (und wird) sie nach Bedarf gestillt. Aber hätte ich das geschafft, ohne einen wunderbaren Ehemann, der Elternzeit genommen hat, sich um Haushalt und die große Tochter gekümmert hat und mir vier Monate nur Babyzeit gegeben hat? Wohl kaum. Ich kann das doch nicht zum Standard erheben, das ist doch nicht mein Verdienst. Welche amerikanische Mutter hat diesen Luxus? Welche Alleinerziehende? Dazu noch in einem Land praktisch ohne Mutterschutz, ohne Elternzeit, ohne Kündigungsschutz? Und auch hierzulande gibt es immer mehr Paare, die nicht einfach einen Verdienstverlust von mehreren Monaten hinnehmen können.

    Und wer hat mir entscheidend geholfen, das Kind ohne Tränen ins Baby-Beistellbett umzuziehen, weil ich auf Dauer nicht als Matratze fungieren wollte? Wer hat mir später geholfen, das Kind (dann 1.5 Jahre alt und mittlerweile im Kinderzimmer, Elternbett ist halt nicht jedermann’s Sache) nachts mehr oder weniger abzustillen, weil ich -und das finden vermutlich auch schon einige nicht in Ordnung- nicht willens war und bin, ein Kind in dem Alter nachts alle zwei Stunden zu stillen? Eine wunderbare, liebevolle, unermüdliche Hebamme. Auf Krankenkassenkosten. Auch dies bei uns ja bedroht, aber das ist ein anderes Thema.

    Was davon hat die amerikanische Mutter? Die oft kurz nach der Geburt wieder voll arbeiten muss und unter einem ganz anderen finanziellen und gesellschaftlichen Druck steht als nun ich zum Beispiel? Mag sein, dass Unterwerfung erlernt wird, aber sie wird eben weitergegeben, denn die Mütter machen das sicher nicht aus Jux und Dollerei. Sondern weil man in der Gesellschaft funktionieren muss, und das geht nunmal nicht ohne Schlaf. Ich finde es zwar nicht in Ordnung, aber doch zumindest verständlich, dass die Mütter es nicht leisten können, zwischen Gesellschaft und Kind praktisch zerquetscht zu werden. Das ist hier schon manchmal schwer genug. Selbst meine Frauenärztin war letzt ziemlich entgeistert: „Sie stillen immer noch?!“ In Amerika kriegt man ganz anderes zu hören.

    Vielleicht sollten wir uns also nicht nur den Kindern, sondern auch den Müttern gegenüber in Empathie üben.

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