Wie wir mit Babys umgehen sollen

Man hat den Müttern über Generationen das gesagt:  Lass Dein Baby schreien, bis es schläft.

„Versagt auch der Schnuller,“ riet Johanna Haarer den Müttern im Nationalsozialismus, „dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, es gar zu stillen.“

Kämpfe gegen Dein Herz, das war die Botschaft:

„Die Eltern müssen eben alle Willenskraft zusammennehmen  […]. Nach wenigen Nächten, vielfach schon nach der ersten, hat das Kind begriffen, dass ihm sein Schreien nichts nützt und ist still.“ (Haarer, Johanna: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1934), S. 166)

Viele von uns haben einmal gedacht, dieser Geist sei tot, irgendwo auf dem Weg vertrocknet und verdurstet. Er sei in den Staub der Geschichte gefallen und wäre seither unauffindbar. Wir würden jetzt nicht mehr auf Abhärtung setzen, nicht auf Abrichtung auf erwünschtes Verhalten. Wir würden unsere Kinder begleiten und ihnen Sicherheit mit auf den Weg geben. Wie sonst sollten Kinder in der Welt eine menschliche Heimat finden?

Schwenk ins Jahr 2017. In Deutschlands führende Fachzeitschrift für Kinderärzte, die „Monatsschrift für Kinderheilkunde“. Ein Fortbildungsartikel für junge Ärzte. Geschrieben von Kinder- und Jugendpsychiatern, also Fachärzten für psychische Störungen im Kindersalter. Thema: wie Eltern mit der Unruhe ihrer Babys umgehen sollen:

„Man kann dazu ermutigen, das Kind auch schreiend ins Bett zu legen und abzuwarten, bis es nach 15–30 min, oft abrupt, einschläft. Da diese Zeitspanne Eltern endlos erscheint, empfiehlt sich der Blick auf die Uhr. Bleibt das Kind unruhig, sollte nach kurzem Stillen oder Füttern ein erneuter Versuch gestartet werden. “
(Michael Schulte-Markwort, in: Schreien und persistierende Unruhe im Säuglings- und Kleinkindalter, Monatsschrift Kinderheilkunde 165: 73.  2017)

Das ist der Stand der Dinge im Jahr 2017.

Liebe Mutter, bleibe hart. Im Staub der Geschichte bleibt alles beim Alten.

16 Gedanken zu „Wie wir mit Babys umgehen sollen

  1. @madameflamusse und @ D. Harms:
    ich schicke Ihnen den Artikel als Volltext auf Ihre E-Mail Adresse (er ist nicht freigeschaltet und ich darf ihn aus rechtlichen Gründen nicht einfach ins Netz stellen), aber ich sehe das genauso wie Sie: damit niemand „abgestempelt“ wird, wollen und müssen wir uns über diese Frage transparent und mit Argumenten auseinandersetzen. Ich bin deshalb froh, dass mich Herr Schulte-Markwort mit genau diesem Anliegen kontaktiert hat und nun intern noch einmal den Artikel mit seiner Co-Autorin sichten will, und dann gegebenenfalls Stellung beziehen wird (ich habe auch eine Stellungnahme auf diesem Blog angeboten). Ich werde aber auch slebst noch einmal den Kontext des Zitats beleuchten, weil es mir wichtig ist, dass keine falschen oder unbegründeten Vorwürfe im Raum stehen. Lg
    Herbert Renz-Polster

    • Das hört sich gut an! Ich bin gespannt auf die Stellungnahme. Ich möchte auch dazu sagen, dass es leider in den letzten Jahren vermehrt zu unzähligen falschen und untragbaren Empfehlungen im Bereich der Kinder-und Jugendmediziner kommt, die nicht nur ich persönlich, sondern auch viele Frauen bekommen haben, die z.B. Rat und Hilfe bei der AfS-hotline suchen. Leider werden den Kinderärzten oftmals auch Kompetenzen zugesprochen, die sie nicht haben und auch nicht brauchen. Dafür gibt es andere „Anlaufstellen“ – es scheint aber ein besonderes Bedürfnis vieler Mediziner zu sein, die Familie vollumfänglich zu informieren – auch mit dem Risiko, dass das ziemlich oft falsch schießt und die Familien leider extremst verunsichert und in eine falsche Richtung gelenkt werden, die sie vielleicht gar nicht gehen möchte…

  2. Vielen Dank für Ihre Beiträge, Herr Renz-Polster.
    Mein Sohn wird bald 10 Jahre und liebt es im Elternbett zu schlafen.
    Meinen Sie, die Autonomiephase kommt noch?
    Lieben Gruß

    • Sie kommt. Noch kein Spross hat die Hochzeitsnacht im Bett der Eltern verbracht („Mama, rutsch mal rüber“ 😉 Mit der Vorpubertät werden die Eltern peinlich. Und wenns Ihnen nicht mehr taugt, reden Sie mit Ihrem Sohn, vielleicht hat er Freude sich was eigenes rauszusuchen und sich ein cooles Lägerle zu bauen.
      HRP

    • Ich habe sehr lange und sehr gerne bei meinen Eltern im Bett geschlafen. In der Pubertät dann (freiwillig) mit meiner Schwester in einem Zimmer, dann eine Zeitlang alleine (wobei immer zumindest ein Haustier mit im Zimmer war) und nun mit Mann und Kind und Katze. Auch wenn ich meine Ruhe mag, alleine schlafen finde ich sehr ungemütlich! Von daher verstehe ich jedes Kind, das das nicht gerne tut. 😉

  3. Ich glaube, es gibt mehr als genug Eltern, die sich nicht aus extremer Schlafnot gezwungen sehen, als letztes Mittel ein Schlaftraining oder reines Schreien lassen anzuwenden. Das Problem ist, vielen ist einfach nicht bewusst, wie das natürliche Schlafverhalten von Babys/Kindern ist. Es wird vermittelt, Babys sollten schon mit 6 Mo, spätestens mit 1 Jahr allein ein und durchschlafen können bzw. Eltern hätten das Recht dies einzufordern. Und ja, Kinderärzte überschätzen da auch ihre Kompetenzen. So wurde ich bei der U6 auch gefragt, ob denn mein Kind nachts noch mal trinkt. Ich bejate – mehrmahls. Dass müsse sie aber nicht. Ich erklärte, dass das Zusammenlegen zum Familienbett für mich schon eine adäquate Lösung des „Problems“ darstellt. Trotzdem hielt der Arzt daran fest, dass man ja daran etwas ändern könne…und wenn sie nachts noch stillt, nimmt sie ja da Kalorien zu sich, die sie tagsüber nicht isst… Ich blockte ab, weil ich informiert war und daher das Problem nicht sah. Auch deshalb, ist es nun unser Ex-Kinderarzt. Allerdings hat er auch ei gewisses Buch von Fr. K-Z und Dr. M in der Elternbib und wird sicher auf empfänglichere Elternohren stoßen… (Ich habe allerding auch den Luxus noch nicht wieder Arbeiten zu müssen und einen Mann, der schläft wie ein Murmeltier.)

  4. Lieber Dr. Renz-Polster,

    Ich bin begeisterte Leserin Ihrer Bücher. In „Schlaf gut, Baby“ schreiben Sie, dass sich die Schlafrhythmen von Baby und Stillmama synchronisieren. Wissen Sie, wie das beim Pumpstillen aussieht? Gibt es da Erkenntnisse? Wir haben ein Familienbett und manchmal habe ich das Gefühl, wir synchronisieren uns, aber immer klappt das nicht.
    Habe also wohl den „Nachteil“ aus beidem gezogen: das Durchschlafen dauert länger weil er die Milch riecht und ausgeschlafen bin ich nicht unbedingt weil ich durchs Flasche suchen/richten/füttern und das nächtliche Abpumpen auch eher richtig wach werde

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