Artgerecht – was ist das eigentlich?

@ Annie schreibt auf meinem Blog:

…wenn wir die Natürlichkeit so hochhalten, sollten wir dann nicht auch auf andere zivilisatorische Errungenschaften verzichten? Händewaschen mit Seife? …  Internet? Was ist natürlich und was nicht?

Ja, das ist eine gute Frage. Denn das Thema „natürlich“ (oder eben „artgerecht“) wird manchmal wie ein Programm verstanden, was wir bitteschön mit unseren Babys und Kinder zu tun und zu lassen haben, damit sie gemäß dem guten Plan der Natur aufwachsen. Entsprechend groß ist dann die Last (und manchmal auch die Verkrampfung), wenn wir versuchen, möglichst viele von diesen wundervollen Sachen in einen diesen Korb zu legen. Vom langen Stillen über das Tragen bis zum Wollhöschen. Apropos: ist das denn artgerecht? Sind „artgerecht“ aufwachsende Babys nicht  windelfrei (oder gar windelfreie Veganer, die sich in Zeichensprache unterhalten 😉 ?

Das mit dem „artgerecht“ ist also gar nicht so einfach. Dazu kommt, dass wir uns manchmal wünschen, dass die „richtige“ Behandlung dann auch das „richtige“ Resultat bringt – also selbstbewusste, liebevolle, kompetente, … (bitte ausfüllen) Erwachsene. Wenn wir die richtigen Zutaten bringen, dann werden sie mal was. Der „artgerechte“ Umgang wird dann wie eine Art Impfung gesehen, die die Kinder fürs Leben fit macht.

Dass das alles ein bisschen komplizierter ist und die menschliche Entwicklung auf die angeblich „richtigen“ Zutaten auch einfach pfeifen kann, kann man vielleicht diesem Zitat entnehmen (ich glaube, es stammt von der Psychologin Judith Harris, bin mir aber nicht sicher):

Auch lange gestillte Kinder können grausame Kriege führen.

Ja gell, brutal. Von wegen einfach die richtigen Zutaten in den Korb legen, und alles ist gut. Da ist wohl mehr, mehr, mehr, viel mehr dahinter als das „Richtige“ zu machen. Da ist – beispielsweise – die Welt, in die unsere Kinder hineinwachsen – ist sie „menschlich“, kommt sie unseren menschlichen Bedürfnissen entgegen? Oder setzt sie uns unter Zwang, Not, Stress? Da sind die Beziehungen, diese ganze Hülle, in der wir unsere guten Zutaten darbieten… Da sind WIR mit unseren Freiheiten und Zwängen, den Karten, die wir eben auf der Hand haben ohne dass wir sie uns ausgesucht haben (auch wenn wir sie vielleicht sch… finden). Ja genau, da ist das Leben, das es dem einen leichter macht mit den Zu- und Opfergaben als dem anderen. Und vieles mehr. Also eine Impfung, die wir schön zusammenmischen können aus dem wunderbaren Arzneischrank der Natur, das ist unser Leben mit den Kindern bestimmt nicht.

Und ja genau, was heisst nun „artgerecht“? Ist der Schnuller, beispielsweise nicht artgerecht? Heisst „artgerecht“, dass wir uns dafür entschuldigen müssen, wenn wir Wägelchen schieben, Bettchen kaufen oder gar – Gott bewahre – das Fläschchen geben?

Mit dieser Frage will ich es jetzt mal belassen, denn es interessiert mich schon, was jetzt so an Kommentaren kommt. Weil mich diese Frage natürlich selbst viel beschäftigt, habe ich in meinen „neuen“ Menschenkindern ein ganzes Kapitel dazu reingenommen (es heisst „Artgerecht“ – ab in die Diktatur der Evolution ?). Und wenn ich aus dem Urlaub zurück bin, versuche ich mal meinen eigenen Standpunkt darzulegen, ja?

13 Gedanken zu „Artgerecht – was ist das eigentlich?

  1. Eigenes Bett, Schnuller und Kinderwagen sind sicherlich nicht „natürlich“. Dass es deswegen alles schlecht ist, denke ich nicht. Wenn es Eltern und Kind das Leben leichter macht und niemandem schadet, warum sollen sie die Erfindungen und Errungenschaften der heutigen Welt nicht nutzen?

    Probleme habe ich nur damit, wenn man sich dafür rechtfertigen muss, dass man sein Kind lange stillt, es trägt oder bei sich schlafen lässt. Denn das alles ist ja nunmal wirlich das Natürlichste der Welt. Habe hierzu selber einen Artikel geschrieben:
    http://greenmom.eu/2017/03/31/sicherster-schlafplatz-fuer-kinder/

    Außerdem sehe ich es extrem skeptisch, wenn man aufgrund irgendwelcher erfundenen Theorien seinen Säugling nur alle paar Stunden stillt oder alleine im Zimmer weinen lässt. Obwohl man es instinktiv wohl niemals so machen würde …

    Liebe Grüße
    Shani
    http://www.greenmom.eu

  2. Den Gedanken weitergesponnen – würde Artgerechtigkeit so wie sie von einigen (falsch?) verstanden wird dann nicht auch eine deutlich höhere Säuglings- und Kindersterblichkeit bedeuten?

  3. Für mich heißt artgerecht, dass ich als Mama nach mir kucken kann, v.a. weil ich weiß, was mein Kind erwartet.

    Artgerechter Umgang im ersten Kindlebensjahr hieß, die praktischen Gaben (Hormone) der Natur mitnehmen. Stillen, wo’s geht (Prolaktin), Tragen und Kuscheln so viel es geht (Oxitozin) und wo’s nicht ging (Höllenschmerzen) Fläschchen geben und Wagenschieben (bis Kind wieder raus wollte). Den Rest hab ich brav der Natur überlassen und mein Kind seine Umwelt ohne Zwang erkunden lassen. Ich hab es immer abgelegt, wenn es nicht nach Körperkontakt verlangt hat und „sich selbst überlassen“, d.h. ich hab es nicht mit Spielzeug überhäuft, nicht mit Kuscheltieren vor der Nase rumgewunken, um es zum Köpfchenheben zu animieren, und auch nicht irgendwelche Krabbel- oder Laufversuche erzwungen, keine Lauflernwagen oder Ähnliches. Spielzeug gibt es heut noch wenig (weil Mama sonst einen Anfall bekommt, wenn sie alles wegräumen muss).
    Bei uns gibt’s Windeln wenn es mir zu stressig ist und Abhalten nach Timing (und sonst meist Pfützen wegwischen) wenn’s geht.
    Unser Kind schläft Mittags im Tragetuch ein und abends erst wenn wir ins Bett gehen (so um 11) und dann bei uns im Bett (weil ich nicht um 5 Morgens aufstehen will und schon gar nicht Nachts aufstehen will, um nach ihm zu kucken).
    Mein Kind durfte (so lang ich sicher war, es kann vor kein Auto laufen) weglaufen und überall draufklettern, seine Fähigkeiten erkunden und seine Fehler in den dazu passenden Entwicklungsschritten selbst machen. Ich habe immer gut beobachtet, wenn es in meiner Nähe war und hatte das Vertrauen, dass es die Verantwortung in allen „natürlichen“ Umständen für sich selbst übernehmen kann. Und überall wo es runtergefallen ist, ist es (bis auf leichte Schmerzen und einen Schreck) heil unten angekommen und durfte ggf. getröstet werden. Am wundervollsten ist das in einer Clanfamilie, wo alle mitkucken (kann manchmal auch auf dem Spielplatz funktionieren).

    Ich will meine Heizung genauso wenig hergeben wie meine Müllabfuhr und meinen Kühlschrank. Ich glaube, dass menschliche technische Errungenschaften zur Natur des Menschen dazugehören. Wir sind Forscher und Erfinder. Aber wir sind auch Lebewesen, die Gemeinschaft brauchen, freie Entfaltungsmöglichkeiten und Trost wenn’s mal nicht klappt. Und ich bin froh, dass ich herausgefunden habe, was für Erwartungen mein Kind hat, so dass ich meine Bedürfnisse (Zeit am Rechner, genügend Schlaf,…) erfüllen kann. Ich bin froh, dass ich meinem Kind beibringen konnte, dass wir es verstehen und auf seine Bedürfnisse so gut es uns möglich war eingehen und es somit auch auf unsere Bedürfnisse eingehen kann und ggf. warten kann.
    Ich konnte nach 6 Monaten wieder arbeiten gehen und mein Kind in liebevolle Papahände geben (der abgepumpte Milch verfüttert hat). Und seit es ein Jahr alt ist, spielt es voller Glückseeligkeit mit 4 „Geschwistern“ bei der Tagesmutter. Die ist glaube ich auch froh, dass sie eine Heizung hat, auch wenn sie mit den Kindern oft im Wald ist.

    Artgerecht ist nur die Freiheit (für Mama, Papa und Kind!) 😀

  4. Bei dem Wort „artgerecht“ denke ich zwangsläufig an Zootierhaltung. Was man dort unter artgerecht versteht (obwohl natürlich auch das ein strittiges Thema ist), würde ich subsumieren als möglichst bedürfnisgerecht und naturnah, ohne die Bedingungen der Natur 1:1 abzubilden. Artgerecht bedeutet dann, dass Tiere einen ausreichend Auslauf haben, ohne dass dieser auch nur annährend so groß wäre wie in der afrikanischen Savanne. Es bedeutet Herdenhaltung von Herdentieren, ohne dass diese der Sozialstruktur einer Wildherde entsprechen muss. Es bedeutet, dass Löwen rohes Frischfleich bekommen, ohne dass sie es selbst jagen müssen.
    Ähnlich sehe ich es auch in Bezug auf Kinder. Sie haben Bedürfnisse und profitieren davon, wenn diese naturnah umgesetzt werden können. Enger Körperkontakt, manchmal erleichtert durch ein industrielle hergestelltes Tragesystem. Bedürfnis nach oraler Beruhigung, mal durch Mutterbrust, mal durch Schnuller. Wir leben eben nicht mehr in der Steinzeit und haben mehr Möglichkeiten, natürliche Bedürfnisse auch anders zu befriedigen, auch (denke ich) ohne zu schaden, ganz im Gegenteil. Und das gilt auch für die Eltern 😉

    Herzliche Grüße,
    Manuka Goldtopf

  5. Artgerecht… welches Artgerecht solls denn bitte sein? Der Mensch lebt in so vielen unterschiedlichen Lebensräumen auf so unterschiedliche Weise, da lässt sich schwer eine eindeutige Linie festlegen. Was wir heute als kindgerecht definieren (tragen, lange stillen, Familienbett etcpp) spiegelt stark unsere Bedürfnisse wider und wir suchen nach Belegen, welche unsere Neigung bestätigen. Anthropologen können oft nur darüber schmunzeln, welch ein Bild von „Naturvölkern“ in so manchem Blog als Thesenbeleg zur richtigen „Brutpflege“ angeführt wird. Die Bandbreite sieht man sehr schön beim Umstieg von Muttermilch auf andere Nahrung. Je nachdem, was der Kulturraum an Nahrung bietet, wird die Speise kindgerecht vorbereitet. Das kann auch bedeuten, dass die Mutter Fleisch vorkaut und den so entstehenden Speisebrei dem Kind gibt. Ob diese Methode im Westen populär wird bezweifel ich. 🙂
    Das heißt nicht, dass diese Neigungen und Wünsche falsch sind. Es sind Spielarten, die wir in unseren kleinen, eigenen sozioökonomischen Kulturraum auswählen. Nicht der Weisheit letzter Schluss, nicht universalgültig und unsere Kinder werden vermutlich über unsere guten Ratschläge zur Kindererziehung genau so den Kopf schütteln, wie wir über die Tipps der Eltern und Großeltern.
    Was ich als artgerecht empfinde spiegelt letztlich nur meine Wahrnehmung des Lebens zum aktuellen Zeitpunkt wider und ist eine Reaktion auf meine Umwelt. Und genau das macht den Menschen ja zum extrem anpassungsfähigem evolutionären Erfolgsmodell.

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