Eine Weihnachtsgeschichte

Jetzt wurden auf diesem Blog das ganze Jahr über so viele Diskussionen geführt, so viele Gedanken gedacht, so viel *Erkenntnis* versprüht und gewonnen, dass ich heute mal einfach eine Geschichte erzählen will. Eine Weihnachtsgeschichte sozusagen. Schließlich kommt Rettung drin vor. Und gütige Hilfe in bester Absicht.


Kraniche in Not!

von Herbert Renz-Polster

Mein Vater bestand auf dem Wort Schwingen: »Schwalben haben Flügel, Kraniche haben Schwingen.«

Mit jedem Jahr, in dem die Kraniche durch unser Dorf zogen, wurde uns klarer, was er meinte. Heute würde keiner von uns mehr von  Flügeln reden, wenn von Kranichen die Rede ist.

Wir haben auf sie gewartet Jahr für Jahr. Wir haben unsere Fenster geöffnet nach der Erntezeit. Wir haben von unseren Betten aus gelauscht, den kalten Wind des Herbstes in den Gesichtern. Vorsichtig atmend.

Sie kamen immer wie von Zauberhand geschoben. Und gleich wusste es das ganze Dorf. Wenn die Leute sich trafen, erzählten sie sich von den Kranichen.

Wie viele es waren. In welcher Formation sie flogen.

Wenn sie kamen, war da zunächst bloß ein feines Vibrieren in der Luft. Dann ein Rauschen, lauter, tiefer, kräftiger. Und dann dieses schwere Heben und Senken. Ein Reiten auf Wellen. Luftwellen, von denen feine, silberne Töne stoben. Ein Singen der Luft.

Aus der Nacht lösten sich ihre Hälse, lang wie Pfeile, einem Ziel zugestreckt. Zwischen die Schwingen gelegt.

Hunderte von Hälsen. Die Nacht geteilt, zerpflückt, geriffelt, zerfleddert in kleine Wellen. Wellen, die noch lange in der Luft hingen, auch wenn die Kraniche längst vorübergezogen waren.

Wie schwer der Weg war dort oben, konnten wir Kinder nur erahnen. Es verging kein Jahr, dass nicht einer der Bauern einen Kranich auf dem Feld fand, ausgestreckt, die Federn gespreizt. Als ritte er noch immer auf der Nacht. Als könne er die Erde fortdrücken, so,  wie er dort oben die Luft bezwungen hatte. Als könne er wieder aufschließen zu dem Schwarm, der die Lücke in der Formation doch längst geschlossen hatte.

Es gab Jahre, in denen sie zahlreich starben. Vom Himmel taumelten, erschöpft und ausgezehrt. Es gab Jahre, wo die Lücken schließlich bestehen blieben.

Es war ein solches Jahr, als einige der Kraniche in unserer Kreisstadt strandeten, in dem kleinen Park neben der Schule.

Bald waren sie in der Zeitung. Bilder von toten Kranichen. Große Vögel mit ausgespreizten Federn.

Zuerst war es eine Bürgerinitiative, die sich der Kraniche annahm, dann wurden sie zur Sache der Politik. Ein Programm wurde erarbeitet, zum Schutz der Kraniche. Forscher reisten an.

Später fuhren sie in die Brutgebiete der Kraniche, im Inneren Sibiriens. Die Zeitungen richteten Spendenkonten ein, zur Finanzierung des Projekts, »Kraniche in Not«. Geld floss von überall her.

Als die Erntezeit im folgenden Jahr vorüber war, öffneten wir wieder die Fenster. Lagen und lauschten, aus Gewohnheit. Wir glaubten es zu hören, dieses Vibrieren in der Ferne.

Doch das Rauschen blieb aus, das Singen der Schwingen. Keine Hälse lösten sich aus der Nacht.

Stattdessen ein feines Brummen von Motoren. Das Vibrieren und Rumpeln von Lastwagen. Eine lange Kolonne, die die Kraniche von ihren Brutgebieten in den Süden brachte. Um sie von nun an vor den Gefahren des Weges zu bewahren.

 

(Diese Geschichte stammt aus „Wie Kinder heute wachsen“, das ich zusammen mit Gerald Hüther bei Beltz veröffentlicht habe. Das Buch wurde vor einigen Monaten von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher des Jahres 2014 ausgezeichnet, *kannstolzdenneinesündesein*…)

Ein Gedanke zu „Eine Weihnachtsgeschichte

  1. Ich dachte es gibt ein happy End, aber leider tut es das nicht. Wir sehen die Kraniche auch immer weniger, obwohl sie beim Angeln manchmal gestört haben. Jetzt fehlen sie doch ein wenig

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