Im Zelt vor dem Kreißsaal?

Osterwochenende 2017. Die Süddeutsche Zeitung berichtet über den neuen Trend zum Alleingebären  – also ohne Ärzte und ohne Hebammen. Ich will hier nicht das Für und Wider von Alleingeburten diskutieren, ich persönlich wäre eher nicht der Fan davon, aber das ist hier nicht der Punkt (ich stehe derzeit auch nicht vor der Entscheidung 😉

Mich hat der Artikel aus einem anderen Grund berührt. Da berichtet eine Mutter, warum sie diesmal „alleine“ geboren hat (eine Freundin war schon dabei, aber eben kein Fachpersonal). Sie erzählt von ihren vorherigen Geburten  in der Klinik. Jedes Mal hatte sie dabei das Gefühl, dass es nicht „ihre“ Geburt war. Ärzte oder Hebammen hatten das Sagen, waren die Belehrenden, die Macher und Macherinnnen eben. Sie trafen die Entscheidungen, die Mutter trug die Konsequenzen. Die Frau hat sich als schwach erlebt, als  abhängig und auch als verletzt, zumal viele der medizinischen Interventionen für sie nicht nachvollziehbar waren.

Machtlos und preisgegeben

Wenn ich die Diskussionen und Berichte rund um die Geburtshilfe sehe, so ist das ein immer wiederkehrendes Motiv:  Die Mütter fühlen sich machtlos und preisgegeben. Einem System ausgeliefert, in dem sie ihre Selbstbestimmung verlieren. Sie sehen sich als Objekte in einer Mühle, in der viel von Normen die Rede ist, von errechneten „Terminen“, von Zentimetern, nach denen sich der Muttermund bitteschön zu öffnen hat – und wenn er das nicht tut, ist es aus mit der Geburt aus eigener Kraft. Am Ende sind es immer die anderen, denen die junge Familie ihr Kind verdankt: dem Krankenhaus, den Ärzten, der Medizin, den Hebammen. Man hat Glück gehabt, dass man noch so gut davongekommen ist. Das ist kein Vorwurf an einzelne Fachkräfte, es ist eine Feststellung (die sich gewiss nicht zum Pauschalurteil eignet, denn es gibt auch in der Klinik wunderbare, selbstbestimmte Geburten, so wie es entmutigende, fremdbestimmte Geburten auch  zuhause gibt. Wir selbst – also natürlich mehr meine Frau als ich – haben beides erlebt).

Aber das ist nicht, warum mich der Artikel so angerempelt hat. Vielmehr sind es die aus meiner Sicht doch sehr pauschalen und ausgrenzenden Reaktionen, die in dem Artikel den meisten Raum einnehmen. Nach dem Muster: Alleingeburt – gehts noch?

Gefahr im Verzug?

Die einen bringen die mit der menschlichen Geburt verbundenen Gefahren ins Spiel – und beziehen ihre Kritik dann auch gleich auf die gesamte ausserklinische Geburtshilfe. Schliesslich könne bei einer Geburt immer etwas schief laufen. Nun ist das natürlich ein korrektes Argument (es trifft allerdings auch auf den Kreißsaal zu – den kann eine Mutter ja bekanntermaßen durchaus mit einem Kaiserschnitt verlassen, den sie in einem anderen Krankenhaus nicht bekommen hätte). Aber damit ist doch die Frage nicht beantwortet, welcher Ort einer Familie als der insgesamt richtige Ort erscheint, um ein Kind zu gebären! Da geht es zunächst doch einmal um die Entscheidung für eine bestimmte Art sein Kind auf die Welt zu bringen: so will ich gebären, so will ich leben. Niemand wird dabei die Sicherheit des Kindes oder die eigene Gesundheit beiseite wischen (das nehme ich zumindest an). Aber primär und führend ist dabei die Frage: was erscheint uns angehenden Eltern als stimmig, gut und richtig, was passt in unser Leben? Das ist für mich eine absolut berechtigte, menschliche Frage, wir sollten sie zulassen. Wer würde sonst mit seinen Kindern Fahrradtouren machen oder sie mit auf Kanutouren nehmen, wenn es im Leben nur um die möglichen Gefahren ginge? Wer würde aufbrechen und Dinge unternehmen, die uns vielleicht „das Leben“ bedeuten – aber vielleicht eben auch ein Risiko beinhalten?

Insbesondere das in dem Artikel angeführte Argument „Jede vierte Hausgeburt endet im Krankenhaus, weil sie nicht vorangeht“ überzeugt mich nicht. Das spricht doch eher dafür, wie gut das Hausgeburtssystem und das klinische geburtshilfliche System zusammenspielen: Mütter können die Vorteile der häuslichen Geburt nutzen, aber sie müssen dabei nicht auf die Absicherung durch das klinische System verzichten. Genau das wäre doch die Art von Geburtshilfe, die sich die Eltern wünschen: möglichst viel Selbstbestimmung bei möglichst hoher Sicherheit. Jedenfalls zeigt die Statistik seit Jahren dasselbe: außerklinische Geburten, so wie sie in Deutschland praktiziert werden, sind aus medizinischer Sicht sicher,  mit hoher Zufriedenheit bei den Müttern verbunden, sie haben sich bewährt. Wozu künstlich Feindschaften pflegen? Niemand spricht der klinischen Geburtshilfe ab, dass sie ein Segen ist, wenn Not an der Frau oder dem Kind ist. Warum sollen wir nicht die Freiheit feiern, die wir durch unser über Jahrzehnte bewährtes „duales“ System haben? (Wir sollten nur rasch feiern, denn es wird ja genug dafür getan, Geburten außerhalb des Kreißsaals vollends abzuschaffen.)

Gegen die „Interessen des Kindes“?

Andere weisen darauf hin, dass eine Alleingeburt nicht „im Interesse“ des Kindes sein kann, und das nehme ich schon ernster. Nicht als Argument, sondern als Drohung. Denn ich sehe schon die Tendenz, dass da immer öfter irgendwelche selbst ernannten „Interessensvertreter“ der Kinder auf die Bühne treten, und dann verkündigen, es könne ja nicht im Interesse der Kinder sein, außerhalb des Medizinsystems geboren zu werden. Oder keine Impfungen zu bekommen. Oder keine Krippe zu besuchen. Eine heikle Diskussion auf einem schmalen Grat (sie wurde zuletzt paradoxerweise ausgerechnet von der Diskussion um die Kinderrechte befeuert, die alle gut finden –  nur eben beim nächsten Schritt scheiden sich dann die Geister: wer soll jetzt eigentlich die Rechte der Kinder vertreten und einfordern, und was genau ist eigentlich im besten Interesse der Kinder?) Ich habe darauf auch keine Antwort, und nein, ich bin weder Impfgegner noch gegen frühe Bildung, aber dieser Kommentar, dass Alleingeburten doch nicht „im Interesse des Kindes“ seien, hat bei mir doch ein ungutes Gefühl hinterlassen: soll die Debatte jetzt in diese Richtung gedreht werden?

Aber wirklich bewegt hat mich der Schluss des Artikels (und mich eigentlich dazu gebracht diesen Beitrag überhaupt zu schreiben).

Da sagt der Geburtshelfer Dr. Uwe Hasbargen, der als Oberarzt im Klinikum der Universität München arbeitet:

„Wir haben als Geburtshelfer Fehler gemacht. Wir müssen uns fragen: wo haben wir die Intimität der Frauen verletzt? Wo haben wir sie in ihrer Selbstbestimmung eingeengt?“

Und aus seiner Sorge um mögliche Komplikationen heraus (die steht ihm als Mediziner zu) fügt er das hinzu:

„Die Frauen möchten bitte zu uns kommen. Wir lassen sie allein, wenn sie das wünschen, versprochen. Und sie dürfen auch gerne auf dem Rasen vor dem Kreißsaal ein Zelt aufstellen, um ihr Kind zur Welt bringen. Aber für den Fall, dass Hilfe nötig ist, wären wir gerne in der Nähe.“

Ja, das hat mich wirklich angerührt. Denn eigentlich ist dies das Bild, das menschliche Bild, das ich von dem Medizinsystem habe, für das ich mich einmal entschieden habe, und für das ich mich einsetzen will: dass es den Menschen Sicherheit gibt, dass es ihnen hilft, ihr Leben besser und gesünder zu leben. Und genau das wäre wirklich so ein Signal in diese Richtung, mitten aus der modernen Geburtshilfe:

Es ist Deine Geburt. Für den Fall, dass Du Hilfe brauchst, sind wir für dich da.

Fragen bleiben

Gleichwohl gehen mir bei diesem Bild vom Zelt vor dem Kreißsaal ein paar Fragen durch den Kopf:

  • Überschätzt Ihr dort im Kreißsaal nicht Eure Rolle und warum eigentlich? Eine gesunde, auf die Geburt gut vorbereitete Frau kann ihr Kind gebären, und muss das nicht vor den Toren einer Intensivstation tun. Die Wege zu den Kreißsälen sind ausgeschildert, und wie das obige Beispiel und die medizinische Statistik zeigt, werden sie zuverlässig gefunden, etwa, wenn eine Geburt zuhause nicht vorwärts geht.
  • Wäre es nicht wichtiger, dass die Gebärende in ihrem „Zelt“, egal wo es steht, sich von einer Hebamme begleiten lassen kann, die sich mit natürlichen Geburten auskennt? Was habt Ihr getan, um dieser den Besuch in den „Zelten“ der Gebärenden zu ermöglichen? Seid nicht Ihr es gewesen, die jede Gelegenheit genutzt habt, um die Hausgeburtshilfe in die Tonne zu treten? Seid nicht Ihr es, die letzten Endes doch ein Besuchsverbot in den „Zelten“ durchsetzen wollt, bis heute? (Ich könnte hier so manche Stellungnahme Eurer Berufsverbände anfügen).
  • „Wir lassen die Gebärenden allein, wenn sie das wünschen“ – ein ermutigender Satz, und gemeint ist damit gewiss, dass Ihr den natürlichen Prozess der Geburt zulassen und begleiten werdet. Das wünschen sich die meisten Frauen ja, auch die, die in der Klinik gebären wollen. Aber seid Ihr denn dafür gerüstet? Seid ihr dafür ausgebildet, habt ihr das Personal dafür, auch die Hebammen? Ich höre andere Stimmen: es fehle an Hebammen, und es fehle an Erfahrung mit natürlichen Geburtsverläufen. Was läuft denn dann im unaufgeräumten Alltag, im Nachtdienst, am Wochenende, in den Urlaubsmonaten, in den Tagen, wo der für seine Kaiserschnittrate von 50% bekannte Kollege Dienst hat? Wie geht das „Alleine-lassen“, wenn 93% der Frauen in der klinischen Geburtshilfe dann doch medizinische Interventionen bekommen? Wenn in den meisten Kliniken noch immer veraltete Regeln befolgt werden, was denn eine „Übertragung“ sei, und wie schnell sich ein Muttermund zu öffnen habe?

Kurz: Seid Ihr, die Ihr für die „Zelte“ sorgen wollt, denn bereit, für Euren eigenen Laden gut zu sorgen?

Ich hoffe es, und die Worte klingen ermutigend, das will ich noch einmal sagen. Selbstbestimmung rund um die Geburt unserer Kinder – was wäre ein wichtigeres Thema für uns alle, ob wir nun „allein“, häuslich, geburtshäuslich, klinisch,  oder sonstwie gebären wollen. Es ist nun einmal nicht ohne Grund so, dass dieses Lebensereignis auf die eine oder andere Art immer im Zentrum unserer Biographie stehen wird, ob als Mütter, Väter oder Kinder. Es ist nicht egal, wie wir unseren Lebensweg beginnen. Nichts ist egal.  Und deshalb Danke, Herr Kollege Hasbargen, für die offenen, respektvollen  Worte.

28 Gedanken zu „Im Zelt vor dem Kreißsaal?

  1. Hallo Zusammen
    Sind schwangere Frauen krank ?

    Ich finde es sollte die Geburtsstation komplett aus dem Krankenhaus ausgelagert werden
    Eine Geburt hat im Krankenhaus nix zu suchen

    Ein eigenes GeburtsHaus

    Für alle Frauen

    Die allein Entbinden wollen !
    Die Geplant einen Kaiserschnitt
    Wollen !
    Die einen Arzt haben wollen
    Die eine Wassergeburt
    haben wollen
    …..
    Alles ist möglich in heutiger Zeit !!!!
    Dann ist neben dem Geburtstagshaus eine Kinderklinik
    Kinderkliniken gibt es eh zu wenig

    Die wirklich wichtigsten Menschen

    Die Kinder

    Werden vergessen oder ignoriert
    Denn Sie verklagen niemanden und
    Sind keine aufgesetzten Marionetten !!

    Wir Frauen haben nun endlich die Kraft und die Macht uns nicht alles bieten zu lassen!!!!
    Wir sind die Jenigen die die Kinder auf die Welt bringen
    Wir müssen uns verbinden und sagen was wir wollen

    Laut und deutlich !!!
    Nur so kommen wir zu unser Recht

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