Kinder und Sonne

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Kleine Kinder sind ja nicht mehr so oft draußen. Aber wenn sie mal draußen sind, dann tragen sie eine ziemlich auffällige Spezialausrüstung: Schirmmützen mit Ohrenklappen und Nackenschutz sind Standard, das langärmelige T-Shirt sowieso, und was vom Gesicht noch rausschaut, ist weiß bemalt: Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor fünfhundert. Mindestens. Wie kleine Feuerwehrmänner. Oder kleine Imker. Die Kinder schützen sich aber nicht vor Bienen, und auch nicht vor Flammen – sondern vor der Sonne. Denn die ist gefährlich: Mit jedem Sonnenbrand steigt das Risiko für Hautkrebs!

Nun will ich nicht den Hautkrebs kleinreden. Und dennoch würde ich die Kleinen gerne von ihren Schutzanzügen befreien. Vielleicht macht das den Weg nach draußen dann auch ein bisschen leichter? Denn: Kinder und Sonne – das gehört eigentlich zusammen. Kein Kinderbild ohne Sonne! ALLE Kinder sehen die Sonne als etwas Freundliches, Vitales, Heiteres! Für mich jedenfalls ist klar: Dass Millionen von Kindern das einschlägige Süßgetränk von Capri schlürfen, liegt nur daran, dass es einen unwiderstehlichen Namen hat: Capri-Sonne!

Also, was ist schlecht an der Sonne? Ihre Strahlung eben. Aber genau das stimmt eben NICHT. Die Sonne ist eigentlich ein Gesundheitsspender (ich habe das ausführlich in meinem Buch „Wie Kinder heute wachsen – Natur als Entwicklungsraum“ beschrieben): Wissenschaftler, die deren Wirkungen auf uns Menschen erforschen, kommen regelrecht ins Schwärmen. Sonnenlicht sorgt nämlich nicht nur dafür, dass Vitamin D in unserer Haut gebildet wird – und gerade Kinder brauchen dieses Vitamin für den Aufbau starker Knochen. Sonnenlicht bringt zudem alle möglichen Botenstoffe im Körper auf Trab. Und die wiederum stärken das Immunsystem – so lässt sich etwa zeigen, dass Atemwegsinfektionen im Winter bei Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln deutlich häufiger vorkommen. Aber das Sonnenvitamin kann noch mehr: es wirkt auch im Gehirn und sorgt dort regelrecht für Stimmung. So lässt sich nachweisen, dass durch das Licht draußen der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet wird – ein für Glücks- und Belohnungsgefühle zuständiger Botenstoff! Kein Wunder, dass der sonnenarme Winter für viele Menschen auch ein Stimmungstief mit sich bringt: ohne den Schwung der Sonne neigt das Gehirn zur Klebrigkeit. Neuerdings wird sogar die Vitamin D-Versorgung der Mutter in der Schwangerschaft mit einer besseren geistigen Entwicklung des Kindes in Zusammenhang gebracht.

Nun ist vor wenigen Wochen eine Studie erschienen, die Eltern gerade deshalb interessieren sollte, weil sie ihre Kinder ja vor Risiken schützen wollen. Sie legt eines nahe: wir sollten uns das mit den Schutzanzügen vielleicht doch noch mal überlegen. Denn, was diese Studie aussagt, ist das: Zu wenig Sonne ist für die Gesundheit ebenso riskant wie ausgerechnet das, was besorgte Eltern vielleicht noch mehr fürchten als die Sonne: das Zigarettenrauchen. Tatsächlich hatten in dieser Studie Nichtraucher, die die Sonne meiden, die gleiche Lebenserwartung wie Raucher, die häufig an der Sonne sind. Und insgesamt hatten die der Sonne Ausgesetzten nicht nur eine längere Lebenserwartung, sondern erkrankten auch seltener an Herz-/Kreislauferkrankungen und Immunkrankheiten.

Nun kann man solche Beobachtungsstudien sicherlich nicht überbewerten, aber die hier relativ sauber erhobenen Befunde passen gut zum Stand der Wissenschaft, die den Sonnenstrahlen eben BEIDES zuweist: ein Schutz- und ein Risikopotential. Und ersteres, das ist der Punkt dieser Studie, wird notorisch unterschätzt.

Dabei ist es doch gar nicht so schwer die Balance zu halten:

Kinder brauchen Auslauf, viel und regelmäßig. Von ganz klein auf. Es gibt keine effektivere (und gemeinere) Art, um schon aus Säuglingen unzufriedene, quengelnde Wesen zu machen, als sie den ganzen Tag drinnen zu halten. Für die Größeren gilt das Gleiche.

Also raus, an die Strahlen, und statt Schutzpanzer bitte mit einer Portion Vernunft.

Ziel ist nicht die Vermeidung der Sonne, sondern die Vermeidung des SonnenBRANDES.

Der lässt sich nicht nur durch Sonnencreme, sondern auch durch Gewöhnung verhindern: Sind Kinder das ganze Jahr über viel im Freien, gewöhnt sich ihre Haut schonend an das Sonnenlicht: sie wird robuster und dunkler.

Bei den meisten Kindern, zumal in den Übergangsjahreszeiten, kann man auf diesen „Hautschutz durch Gewöhnung“ vertrauen (die extremen „Kelten“ unter uns bilden da eine Ausnahme, die Eltern wissen das oder kriegen das schnell raus).

Wenn die Sonne dann richtig sticht, also in der prallen Mittagshitze, sind die Kinder im Schatten oder drinnen besser aufgehoben.

Eincremen: diesen Schutz brauchen Kinder vor allem im Gebirge, am Strand, oder wenn sie sonstwie lange baden gehen. Oder wenn die erste Märzsonne vom Himmel brezelt. Aber an normalen Tagen, muss nicht gleich die Supercreme ausgepackt werden (schon ein Lichtschutzfaktor von acht reduziert die Vitamin-D-Bildung um 97 Prozent).

Und noch einmal: der beste Sonnenschutz ist die Sonne selbst – wer bei Wind und Wetter draußen sein darf und dann auch noch ein paar Regeln der Vernunft beachtet, braucht sich vor den Risiken der Sonne nicht zu fürchten. Er darf sie richtig genießen. Ohne Angst.

24 Gedanken zu „Kinder und Sonne

    • Leider haben Erzieherin die Aufgabe dem Kindeswohl nachzukommen (ist gesetzlich verankert) und daher wird uns in jedem Erste-Hilfe-Kurs geprädigt die Kinder zu schützen wo wir die „Gefahren“ (in diesem Falle die Verbrennung der Haut) absehen können denn wenn wir es nicht tun würden, hätten die Eltern das Recht uns anzuprangern, dass wir unsere Aufsichtspflicht und dem Kindeswohl nicht nachgekommen sind und sie hätten Recht! So sieht es leider aus.

        • Bei unserer Einrichtungen ist dies geregelt.. Die Eltern sind verpflichtet im Sommer das Kind mit Sonnencreme einzucremenvorab Zuhause. Alles geregelt. Da haben die Eltern nicht mitzureden. Wir könnten es nur mit dem Träger ansprechen. Das diese Chemiebomben Sonnencreme den Kindern schadet, wird nicht weiter verfolgt. Hautärzte wissen darum. Krippenkinder aber auch Kindergartenkinder soll man garnicht eincremen. Die Chemie dringt durch die Haut, und richtet längerfristig Schäden an.

  1. An und für sich steh ich hinter dem Artikel. Aber was ist mit Mittelohrentzündungen durch den Wind? davor soll die Mütze auch schützen. Außerdem hab ich den Eindruck, dass die Strahlung im Vergleich zu früher zugenommen hat (Ozonloch).
    Mein Sohn hat nur sehr wenig, hellblondes Haar und bekommt sobald die Sonne etwas stärker scheint einen Sonnenbrand unter den Augen TROTZ Creme. Da mag ich ihn ohne Schutz echt ungern rausgehen lassen.

    • Sonnenhüte verdecken in der Regel nicht die Ohren. Abgesehen davon spricht ja nix gegen einen Sonnenhut.
      Das Ozonloch wird inzwischen wieder kleiner, nicht größer.

    • Genau!
      Habe selbst ein rothaariges hellhäutiges Kind. Nach 20-30 Min. in der Sonne bekommt er Sonnenbrand. Finde es ganz fahrlässig hier wieder alle über einen Kamm zu scheren und zu sagen auf Sonnenschutz muss verzichtet werden.
      Typisch, dass sich Menschen mit dunklerem Hauttyp da nicht reinversetzen können und sowas vorschlagen, weil das jfnseits ihres Erfahrungshorizontes liegt, dass man zB auch im Scgatten noch Sonnenbrand bekommt und wirklich nach 20 Min. aus der Sonne muss. Hellhäutige Kinder ungeschützt der Sonne für längere Zeit auszusetzen ist Körperverletzung. Nicht alle Menschen sind gleich und das darf bitte nicht vergessen werden.

      • Ich darf mich zur Antwort selbst zitieren:

        „Ziel ist nicht die Vermeidung der Sonne, sondern die Vermeidung des SonnenBRANDES.“

        „Bei den meisten Kindern, zumal in den Übergangsjahreszeiten, kann man auf diesen „Hautschutz durch Gewöhnung“ vertrauen (die extremen „Kelten“ unter uns bilden da eine Ausnahme, die Eltern wissen das oder kriegen das schnell raus).“

        Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, warum Sie sich angegriffen fühlen.

        Lg, HRP

    • Seh ich ähnlich.
      Viele erwachsene tragen auch Mützen. Weniger wegen Mittelohrentzündung aber einfach um keinen Sonnenstich zu kriegen.
      Ich sag ja nichts wenn man mal kurz draußen ist. Aber wenn ich den ganzen nachmittag in der sonne verbringe mit meinem Sohn dann gibts Mütze und wird sonnencreme benutzt

    • Mittelohrentzündung entsteht nicht durch Wind…sie entsteht durch Bakterien, die sich im feuchten und warmen Umfeld leicht veremehren…also zum Beispiel hinter schwitzend heißen verdeckten Ohren, die nicht gut durchlüften können. LG

  2. Kinder und Natur gehören untrennbar zusammen. Und an alle Erzieherinnen unter euch – das sollte teil eures Profil sein, den Eltern durch ein gutes unkompliziertes Vorbild die überzogene Angst vor den Gefahren zu nehmen.

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    • Auch bei Babys gilt in meinen Augen das Gleiche. Sonne ist toll, nur eine Überdosis muss vermieden werden. Ich habe meinen Sohn (blond, helle Haut) von Geburt an wie im Artikel gefordert draußen spielen lassen. Er hatte nie auch nur den Hauch eines Sonnenbrandes, sondern schon im späten Frühjahr Farbe im Gesicht und auf den Armen.

  4. Pingback: ♥ Augustwunder und Septemberzwerge 2014 ♥ - Seite 941

  5. Lieber Herr Renz-Pilster,
    Vielen Dank für diesen wichtigen Artikel. Nachdem ich ihn vor einiger Zeit auf meiner FB-Seite geteilt habe, habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen. Ich leite Eltern-Kind-Spelgruppen, und eine meiner Mutter hat mir zurückgemeldet, dass sie, nachdem sie den Artikel gelesen hatte, aufgehört hat ihren Neueodermitiskranken Sohn mit Sonnencreme einzureiben. Ihr Kinderarzt hatte eine schlimme Sonnenallergie und Lebensmittelunverträglichkeiten diagnostiziert. Doch nachdem sie die Sonnencreme weg gelassen hat und das Kind öfter „ungeschützt“ in die Sonne durfte, verschwand seine Hautkrankheit vollständig.
    Viele Grüße aus Erkrath

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  8. Toll ! Danke dafür ! Endlich kann ich einen Artikel zeigen wenn ich wieder als Rabenmutter bezeichnet werde weil mein Kind ohne Mütze und Sonnencreme draußen rumtollt 😉

  9. Find ich gut, versuchen wir meist so. Schwierig finde ich, dass die Kinder im Kindergarten noch morgens von den Eltern ggf eingecremt werden sollen – d.h. spätestens um neun – um dann bis mittags draußen zu sein und da ggf in der prallen Sonne. Da hänge ich dann immer etwas…

  10. Pingback: Bübchen, Penaten & Weleda - Was brauchst du wirklich für die Babypflege? - Mama-Baby-Vision

  11. Keine Haut wird durch draußen sein sonnenrobuster. Die Bräune ist ein minimaler Sonnenschutz, und lange bevor der Sonnenbrand Auftritt, werden bereits UV Schäden gesetzt. Sonnenschutz ist in erster Linie vernünftiger Umgang mit der Sonne, je nach Jahres- und Tageszeit gehört da der textile Sonnenschutz auf jeden Fall dazu. Ihr Artikel ruft leider zum unvernünftigen Umgang mit der Sonne auf, für Kinder u.U. fatal. Ich operiere täglich ältere Menschen mit Hautkrebs, von denen die Mehrzahl als Kind und Jugendlicher ungeschützt viel der Sonne ausgesetzt waren.

  12. Stimmt beinahe,Elli. Sonnenrobustheit kenne ich so auch nicht.Aber Gewöhnung.
    Wenn kein Sonnenbrand auftritt,keine Quaddeln,kein garnichts,gibt es auch keinen Schaden.Ich habe meine Kinder immer mit KLeidung geschützt und Sonnencreme ,wenn Mittagshitze im Fahrradsitz,Schwimmbad u.dgl. drohte. Aber vor allem: Mit langsamen Sonnenkontakt. Die Kinder waren immer viel draussen und wenn die Jacken ausgezogen wurden und die Ärmel hochgekrempelt,so eben in den ersten Tagen nicht gleich stundenlang,sondern vernünftig und angemessen.
    Dafür hatten sie wirklich viel freies Spiel draussen und das halte ich für extrem wichtig.
    Herzlich,Jo

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