Neulich in der ZEIT: Attachment Parenting, nochmal eine Version…

Das hanseatische Edelblatt hat wieder einmal einen Aufreger rund um die wahrhaft entscheidenden Dinge des Lebens vorgelegt. Die Zutaten: eine bittere Selbstanklage („ich habe Attachment Parenting betrieben!“), eine enttäuschte Mutter, und eine flammende Mission: Eltern, gebt euch nicht auf!

Na, lesen kann das jeder selber. Der Beitrag ist flott geschrieben, manchmal auch bissle arg flott („die Droge AP endet mit Bernsteinkettchen, ätherischen Ölen, Chiropraktikern, einer Trageberatung, Babymassage-Kursen“, na ja ).

Vor allem finde ich aber das schade: Da schreibt eine Mutter eine Art Bekenntnis mitten aus ihrem persönlichen Leben. Und dann versteckt sie sich halt doch wieder hinter einem „Experten“. Der darf dann am Ende den geneigten Leserinnen die angeblich gültige Lehrmeinung reindrücken: man müsse den Kleinen schon auch Frust zumuten. Denn: „Frust sei  der Schlüssel zu jedem Entwicklungsschritt“.

Dann hätten wir also auch das geklärt.

Aber schauen wir uns den Frust einmal genauer an. Man will nämlich wirklich beim Lesen die Mama in den Arm nehmen und mit ihr gemeinsam das Leben beklagen, das sie sich da eingerichtet hat: Der Papa kommt erst spät abends nach Hause, sie selbst verbringt den Tag „in toxischen Gesprächen“ unter Müttern, die „für den maximalen Frust durch ständigen Vergleich“ sorgen  („Was, du hast dein Baby schon geimpft? Dann stillst du wohl nicht voll, sonst würde es ja von deinem Nestschutz profitieren.“). Und sie hat in drei Jahren zwei kleine Kinder bekommen, und das kleinere davon (12 Monate alt) ist „total auf sie fixiert“.

Ja, ich würde sagen, das ist wirklich mehr als man so braucht.

Die Frage ist nur, was das mit AP und „bedürfnisorientierter Erziehung“ zu tun hat – die zwei Dinge sind der Autorin im Frust irgendwie zusammengewachsen. Überhaupt staunt man,  was alles angeblich zu AP dazugehört: von der Impfkritik bis zum tiefenpsychologisch geführten Zickenkrieg. Als gäbe es den nur im Biolanden am Prenzlauer Berg.

Puuh, was also soll man jetzt dazu sagen? Gibt es wirklich Familien, die in der Schwangerschaft ein Buch aufschlagen, eins mit den 7 Grundregeln zum Umgang mit einem Baby…? Und das dann durchziehen, weil…? Ja, genau, warum eigentlich? Weil ein amerikanischer Kinderarzt (den übrigens die wenigsten, die in diesem Theater auftreten, überhaupt kennen dürften – AP ist in Deutschland ja anders als in den USA eine sehr heterogene Veranstaltung – das habe ich hier mal beschrieben…)?

Also in echt: da unterwerfen sich kritische Menschen, die sonst noch für jeden Kauf einer Tube Faltencreme stundenlang in Internetforen das Für und Wider recherchieren, bei ihren unmittelbarsten Lebensentscheidungen einem 7-Punkte Programm eines amerikanischen Kinderarztes? Der dann festlegt, was man darf und was nicht? Wirklich?? Na schön dann, Frau Rosales, dass Sie aus dieser Sekte endlich rausgekommen sind (das meine ich ganz in echt)!

Und als Proviant für den weiteren Weg, wenn ich mir den erlauben darf, noch etwas Grundsätzliches – und zu dem braucht man diesmal kein Buch, sondern einen Blick auf das menschliche Leben:

  • Menschen haben den „teuersten“ Nachwuchs, den es gibt, alleine kann eine Mutter das nicht schaffen. Wir sind auf Gedeih und Verderb als „kooperative Brüter“ gedacht (hier begründet). Wir BRAUCHEN Helfer, Rückenwind, Entlastung. Wir KÖNNEN unsere Kinder nur im Team großziehen. (Und dann haben wir übrigens auch die Kraft, um auf ihre Bedürfnisse einzugehen und müssen uns nicht alles mögliche Geschwätz zusammenreimen, was sie angeblich stattdessen brauchen – Frust als Entwicklungsmotor, ich komme echt nicht darüber hinweg, kein Wunder sieht es in der Welt so aus).
  • Bedürfnisorientierter Umgang heisst nicht, dass wir manisch bestimmte Zutaten abnudeln, das lange Stillen, das Immer-Tragen, das „windelfrei“, das was-weiss ich. Auch lange gestillte Kinder können grausame Kriege führen, so ist das doch. Bedürfnisorientierte Erziehung heisst, dass wir uns auf unsere Kinder einlassen, achtsam mit ihnen umgehen und mit uns selbst auch. Und das geht mit Brust und mit Fläschchen auch. Wenn wir uns nahe sind und uns als Team sehen, kann eigentlich gar nicht so viel schief gehen.
  • Denn das zeigt der Artikel wirklich gut: Mutter-Sein kann mit zusammengebissenen Zähnen einfach nicht klappen. Ob man nun AP betreibt (oder was man dafür hält), oder was weiß ich für eine Art von Erziehungskunst praktiziert.
  • Und dann noch was zu dem Kleinen im Text. Dass Säuglinge anhänglich sind, ist ein Fakt des Lebens, das muss man ihnen echt nicht vorwerfen. Klar wäre es anders praktischer, so wie es auch praktischer wäre, wenn sie ihr Geschäft nur ein- oder zweimal erledigten, wie wir Erwachsene das tun. Wir bekommen aber eben BABYS. Und die strapazieren ihre Eltern eine Zeitlang IMMER mehr als wir das erwarten (auch weil Babys es nicht als ihre Aufgabe sehen, unsere Elternprobleme samt Emanzipations-, Vereinbarkeits- und Beziehungskiste zu lösen und selber auch nicht dafür sorgen können, dass der Chef den Papa abends früher nach Hause lässt). Jedenfalls, ich glaube, alle Eltern kennen dieses in dem Artikel beschriebene Gefühl von Neid. Die Wehmut über vergangene Freiheiten („Ich würde so gerne tun, was du da tust“). Das ist Teil des Lebens. So wie es umgekehrt ein Teil davon ist, dass diese Zeit der Abhängigkeit vergeht (das ist ja sozusagen der Geschäftszweck der Entwicklung, und wenn man das mit dem Frust nicht zum Programm verklärt, stellt er sich auch garantiert ein ;-). Also wirklich, Caroline, jede Mutter (und Vater) würde gerne einen Zug aus Deiner Zigarette nehmen. Deshalb: Danke für den Artikel und pack noch ein paar aus!

Und während wir gemeinsam ziehen, erklärst Du mir bestimmt auch das noch, die Information bist Du mir in meinen Augen nämlich noch schuldig geblieben: Gibt es eigentlich eine Alternative zu einem bedürfnisorientierten Umgang mit Kindern? Wir haben ja wirklich schon einiges ausprobiert, oder? Müssen wir jetzt wirklich so ein riesen Theater um AP (was auch immer damit gemeint sein mag) veranstalten – nur weil ein paar Fundi-Mamas am Prenzlauer Berg sich noch nicht locker gemacht haben?

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